Christian Knees im Interview

Rheinbacher Radprofi freut sich auf die Deutschland Tour

Bonn. Der Rheinbacher Radprofi Christian Knees spricht im GA-Interview über das Team Sky, Tour-Sieger Geraint Thomas, Froomes Asthma-Affäre und die Deutschland-Tour, die am 23. August auch in Bonn Station macht.

Christian Knees sitzt im Garten seines Hauses in Wormersdorf. Sein Tagespensum hat er absolviert, eine mehrstündige Trainingsfahrt durch die Eifel mit Hunderten Höhenmetern. Die Werte und Daten, die sein Minicomputer am Handgelenk während seiner Tour erfasst hat, hat er bereits auf dem Portal des Sky-Teams hochgeladen. Acht Mal nahm der Rheinbacher an der Tour de France teil, in diesem Jahr stand er nicht in dem Team, das mit Geraint Thomas den Überraschungssieger stellte.

Herr Knees, im Vorjahr haben Sie mit dem Team Sky den Tour-Sieg in Paris gefeiert, diesmal haben Sie den Triumph aus der Ferne miterlebt. Wie problematisch war die Zuschauerrolle für Sie?

Christian Knees: Ganz schön hart. Als ich die Nachricht bekommen habe, dass ich nicht dabei sein werde, habe ich erst mal geschluckt. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich sei nicht enttäuscht gewesen. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Da steckt ja auch eine wochenlange Vorbereitung drin.

Hat Ihnen Ihr Teamchef eine Begründung genannt?

Knees: Nicht direkt. Natürlich macht sich das Team viele Gedanken über die Zusammenstellung der Mannschaft. Diesmal waren ja auch nur acht statt neun Fahrer pro Team zugelassen. Außerdem war die Tour sehr berglastig, eine Strecke also, die mir nicht so entgegenkommt. Und ich hatte den Giro und damit schon viele Rennkilometer in den Beinen. Somit ist die Entscheidung zu meinen Ungunsten ausgefallen. Das ist persönlich bitter, aber am Ende zählt der Erfolg des Teams. Dass wir wieder den Tour-Sieger gestellt haben, hat mich riesig gefreut.

Einen Sieger, den niemand auf der Rechnung hatte: Geraint Thomas.

Knees: Viele mag es überrascht haben, mich nicht. Geraint ist ein Riesen-Kaliber, der schon viele Rennen gewonnen hat, aber in den großen Rundfahrten irgendwie vom Pech verfolgt war: Im Vorjahr beim Giro gestürzt und raus, dann bei der Tour in Düsseldorf Gelb geholt, mehr als eine Woche das Trikot getragen und wieder gestürzt. Diesmal hat er zeigen können, was er drauf hat. Schon vor Jahren hat mir Andreas Klier, der frühere Profi und jetzige sportliche Leiter von Cannondale, gesagt: Ihr habt einen im Team, der das Zeug zum Tour-Sieger hat. Er meinte Geraint Thomas. Der Mann hat Ahnung.

Christopher Froome, der große Titelfavorit, wurde Dritter. Man könnte auf die Idee kommen, dass es eine kluge Stallregie war, ihn nach der Salbutamol-Affäre nicht so sehr in Erscheinung treten zu lassen.

Knees: Stallregie? Nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Hätte Froome gewinnen können, hätte er es auch durchgezogen. Er hat es ja in L’Alpe d'Huez probiert, aber er hatte an dem Tag nicht die frischen Beine, die für eine solche Attacke nötig gewesen wären. Letztendlich ist für uns entscheidend, dass einer aus dem Team Sky gewinnt, nicht wer. Hier gibt es keine Rivalität, auch nicht zwischen Froome und Thomas.

In einer Zeit, in der das Team Sky unter besonderer Beobachtung steht, ist ein Sympathieträger wie Thomas vielleicht nicht die schlechteste Variante.

Knees: Klar, die Radsport-Fans wollen natürlich Abwechslung. Wenn einer wie Froome vier Mal die Tour gewonnen hat, fehlt vielen die Spannung. Da stürzt sich natürlich alles auf einen wie Thomas. Und so, wie er sich gibt, so ist er auch. Sympathisch, manchmal etwas speziell, aber total nett.

Die Langeweile rührt auch aus der Dominanz des Teams.

Knees: Man muss sich nur mal unsere Starterliste anschauen, welche Klasse von Fahrern sich einem Ziel unterwirft: Da sind Leute dabei wie Michael Kwiatkowski, der in jedem anderen Team der Leader wäre und auf einen Spitzenplatz in der Gesamtwertung fahren würde. Auch der kommt nicht auf die Idee, den Finger zu heben und zu sagen: Hier, Leute, heute bin ich dran. Das gibt’s bei uns nicht.

Es gab Attacken auf das Team, körperliche wie verbale. Nicht, weil Sky die Tour so dominierte, sondern wegen des umstrittenen Freispruchs für Froome kurz vor dem Tour-Start nach seinem erhöhten Salbutamol-Wert bei der Spanienrundfahrt. Wie haben Sie die Diskussionen verfolgt?

Knees: Ich fand die Berichterstattung nicht fair. Es war kein Dopingfall, sondern ein erhöhter Wert eines Asthma-Mittels, das er mit Genehmigung des Weltradsportverbands einnehmen darf. Für diesen erhöhten Wert hat er eine meiner Meinung nach plausible Erklärung abgegeben.

Die andere anzweifeln.

Knees: Viele äußern ihre Meinung, ohne die Hintergründe zu kennen. Einer wie Christopher Froome, der bei der Vuelta und der Tour jeden Tag getestet wird, kommt doch nicht auf die Idee, auf einmal eine weit höhere Dosis als genehmigt einzunehmen. Ich finde es nicht fair, ihn mit überführten Dopingsündern gleichzusetzen. Das ist er nicht. Das hat auch der Weltverband und die Welt-Anti-Doping-Agentur so gesehen.

Belasten Sie die Diskussionen?

Knees: Manchmal nervt’s. Aber der Radsport ist halt durch eine raue Vergangenheit geprägt. Wenn ein Team über Jahre so dominant ist wie Sky, wirft das vielleicht bei einigen Fragen auf. Damit müssen wir leben.

In Deutschland gibt es keinen, der im Gesamtklassement vorne mitfahren kann. Was wird in anderen Ländern, beispielsweise in England, besser gemacht?

Knees: Man kann nur mit dem Potenzial arbeiten, das man hat. In Deutschland fehlt einfach die Masse. Hier muss ja schon die U23-Bundesliga für Ältere geöffnet werden, um überhaupt Starterfelder zusammenzubekommen. In England gibt es ein hoch entwickeltes Nachwuchsförderprogramm. Die Jugendlichen durchlaufen eine regelrechte Schule, fahren erst auf der Bahn, kommen dann auf die Straße und werden langsam an die Profis herangeführt. Das funktioniert sehr gut. Geraint Thomas ist zum Beispiel einer, der diesen Weg gegangen ist.

Was braucht man, um so lange wie Sie in der Spitze mitzufahren?

Knees: Spaß am Radfahren.

Disziplin?

Knees: Natürlich auch. Wobei es auch Phasen gibt, in denen ich undiszipliniert bin, nicht über Radsport, nicht übers Essen und nicht über Training nachdenke. Im Oktober mache ich vier Wochen Pause, in denen ich das Rad nicht anfasse und mich nur erhole.

Sie haben saisonübergreifend in einem Jahr mit dem Team Sky die Tour, die Vuelta und den Giro gewonnen. Hätten Sie sich das jemals vorstellen können?

Knees: Mit Froome dieses Triple geschafft zu haben, macht mich stolz. Ich hab’s nachgelesen: Es gibt in der ganzen Tour-Historie weniger als zehn Fahrer, denen das mit einem Leader gelungen ist. Das ist schon eine Leistung.

War es schwer, die eigenen Ansprüche zurückzuschrauben?

Knees: Ich hatte meine Zeit mit dem Milram-Team, in dem ich Leader war. Meine Ergebnisse waren akzeptabel, aber wenn man ehrlich ist, nicht die Superleistung. Durch den Wechsel zu Sky war die Helferrolle, der klassische Domestik, programmiert. In jedem Rennen, in dem ich am Start bin, gibt's im Team mindestens einen, der das meiste ein bisschen besser kann als ich. Das habe ich akzeptiert. Ich habe mich also in den Dienst der Mannschaft gestellt – und das mache ich richtig gut.

Die Deutschland-Tour ist wiederbelebt worden. Bonn ist Etappenort. Sie werden dabei sein. Auf was freuen Sie sich?

Knees: Es ist traumhaft, dass sie durch meine Heimatregion führt. Ich fahre auf der zweiten Etappe von Bonn nach Trier nur ein paar Kilometer an meiner Haustür vorbei, die erste Etappe führt in die Bonner City, da kenne ich jede Straße. Das ist eine besondere Motivation für mich. Vielleicht schaffe ich es ja, eine Etappe zu gewinnen. Das wäre nochmal ein riesen Ziel.