GA-Sonntagskicker - Folge 50

Noch weniger als Nebensache

Training im Dunkeln auf der Asche: Nur noch wenige junge Menschen haben Lust darauf.

Training im Dunkeln auf der Asche: Nur noch wenige junge Menschen haben Lust darauf.

Bonn. Zahlreiche kleinere Fußball-Vereine in Bonn und der Region leiden unter der mangelnden Motivation ihrer Spieler. Absagen kommen über Whatsapp, die Ausreden sind teils abenteuerlich.

Die gelb-grünen Schuhe sind frisch geputzt, die Initialen auf den Trainingsanzug geflockt, auf der Trinkflasche ist die Nummer des Spielers verewigt – ein Hauch von Profifußball weht Sonntag für Sonntag über die Aschen- und Kunstrasenplätze der Kreisligisten. Doch nicht nur spielerisch liegen zwischen Anspruch und Realität oft Welten. Denn nur wenige Tage nach dem Meisterschaftsspiel ist es mit der „professionellen“ Einstellung meist wieder vorbei.

Es ist Dienstagabend – für die Spieler der Seniorenmannschaft des SC Widdig eigentlich ein fester Termin im Kalender. Zweimal die Woche treffen sich die Senioren zum Training – zumindest sollte es so sein. Alle Spieler des C-Ligisten sind der Einladung von Trainer Alexander Engels nämlich nicht gefolgt. Lernstress in der Uni, Wehwehchen oder die kranke Freundin – das Potpourri der Absagen könnte nicht bunter ausfallen. Eine Trainingsbeteiligung mit mehr als zehn Spielern sei eher die Ausnahme, berichtet Engels.

Laut Jürgen Biele, Geschäftsführer der Bonner Übungsleitergemeinschaft, habe es so etwas früher nicht gegeben. „Vor einigen Jahren hat man sich zu einer Sache wie Fußball entschieden und stand auch dazu“, erinnert sich Biele. „Heute wird das in vielen Fällen mit weniger Disziplin durchgezogen.“ Ein Eindruck, den Lothar Paulsen, Vorsitzender des FV Bad Honnef teilt: „In den letzten Jahren ist immer mehr auf die junge Leute eingeprasselt und hat die Einstellung verändert. Da steht der Fußball nicht mehr an erster Stelle und andere Termine werden vorgezogen.“

Die Problematik ist dem Widdiger Übungsleiter Engels nur bestens bekannt. In seinem ersten Jahr als Seniorentrainer verbrachte der 28-Jährige viel Zeit im mannschaftsinternen Chat bei Whats-app. Der Messenger ist mittlerweile ein verbreitetes Werkzeug bei Übungsleitern, um den Kader und den Trainingsbetrieb zu organisieren. Ein Segen und Fluch zugleich. „Es macht die Arbeit leichter, aber gleichzeitig auch schwieriger“, sagt Engels.

„Die Absage wird den Spielern einfacher gemacht. Ein persönliches Telefonat muss nicht mehr geführt werden. Die Hemmschwelle zur Absage ist gering.“ Ein paar unpersönliche Zeilen, und der Trainer kann sich um einen Ersatzspieler bemühen. Für Engels nur ein Problem im Training: „Sonntags bekommen wir im Normalfall immer eine Mannschaft zusammen“, sagt der SC-Trainer. Aber: Noch bis vor wenigen Jahren spielten in Widdig drei Seniorenmannschaften, mittlerweile ist es nur noch eine. Auch in anderen Vereinen ist die Zahl der aktiven Spieler geschrumpft. Häufig mangelt es am Nachwuchs.

Das Drop-out-Phänomen ist ein wissenschaftlich untersuchtes Problem. Der DFB verzeichnete zwischen 2010 und 2014 einen Rückgang der Juniorenmannschaften zwischen 15 und 18 Jahren von mehr als zehn Prozent. Experten sehen neben gesundheitlichen und sportlichen Gründen auch soziale Aspekte als Ursache. Der DFB steuert mit verschiedenen Projekten dagegen an. Auch, weil es bei vielen kleinen Vereinen zunehmend um die Existenz geht. Für die Übungsleiter ist das Training mittlerweile eine undankbare Aufgabe. Vorbereitete Trainingspläne müssen aufgrund der mangelnden Beteiligung kurzfristig umgestellt werden.

Hat sich die Einstellung der Spieler so gravieren verändert? „Ja und Nein“, sagt Biele. „Aktive und Trainer waren dem jeweiligen Verein mehr verbunden.“ Biele vermisst teilweise den Respekt von Spielern gegenüber Trainern und Vorstand. Der 53-Jährige macht aber auch deutlich, dass Fußball für viele Spieler nur ein Hobby sei und verständlicherweise andere Dinge wichtiger seien. Zum Beispiel der Urlaub. „Es wäre uns früher nie in den Sinn gekommen, während der Saison in den Urlaub zu fahren. Das kam überhaupt nicht in Frage“, erklärt Paulsen. Heute sei dies selbstverständlich.

Auch beim C-Ligisten aus Widdig scheint es die fest im Kalender eingetragenen Termine nicht mehr zu geben. Besonders schwierig wird es laut Engels, wenn es keinen Leistungsgedanken gibt, weil der Konkurrenzkampf ausbleibt oder den Verantwortlichen die Alternativen fehlen. „Für einen solchen Leistungsdruck fehlen bei uns eine zweite Mannschaft oder nachrückende Jugendspieler“, sagt Engels.

In seiner 30-jährigen Tätigkeit als Trainer hat Paulsen vom FV Bad Honnef Ähnliches erlebt. Für das Urgestein sind aber nicht alle jüngeren Spieler gleich, es gebe Ausnahmen. Jedoch bemängelt er das fehlende Interesse von A-Jugendspielern an der ersten Mannschaft. „In den letzten fünf Jahren habe ich kaum einen Spieler mal am Sonntag im Stadion gesehen“, so Paulsen – ein Besuch, der für den Vorsitzenden früher Pflicht war. „Auf die Veränderungen muss man sich als Trainer einstellen. Wenn man selbst ambitioniert gespielt hat, kann man gewisse Auffassungen nur schwer nachvollziehen“, erklärt der ehemalige Trainer.

Die Zeiten, in denen klare Hierarchien bestimmten, wer in der Kabine auf welchem Platz sitzt und wer die Hütchen beim Training abbaut, seien offenbar vorbei. Heute sei die Beschriftung der Trainingsjacken und Trinkflaschen vermutlich wichtiger.