Pferd vom Rodderberg

Mary Lou ist Favoritin beim CHIO

Westfalenstute und Schwede, zu Hause im Rheinland: Henrik von Eckermann und Toveks Mary Lou.

Westfalenstute und Schwede, zu Hause im Rheinland: Henrik von Eckermann und Toveks Mary Lou.

WACHTBERG. Kurz vor Beginn des Pferdesport-Weltfestes in Aachen ist die Stute Mary Lou an die Spitze der Weltrangliste gesprungen. Der Wachtberger Karl Schneider entdeckte das Ausnahmepferd, der Schwede Henrik von Eckermann will mit ihr in Aachen gewinnen.

In Deutschland war es kalt, Karl Schneider saß in der Wüste. Der Chef des Rodderberger Broichhofs sah sich im Internet das Januar-Turnier in der Halle Münsterland im Live-Stream an, als er ein Juwel entdeckte. „Ich habe mich sofort erkundigt, ob sie zu haben ist“, sagt Schneider. Ihm ist anzusehen, dass die Begeisterung für die Dame nicht mehr so groß ist wie am ersten Tag. Sondern noch viel größer.

Ihr Name ist Mary Lou. Sie ist eine 13-jährige Westfalenstute. Hübsch, ehrgeizig, erfolgreich. Heimatadresse: Rodderberg. Am Dienstag ist sie von dort aus aufgebrochen, um mit Henrik von Eckermann Aachen zu erobern. Beim CHIO, dem Concours Hippique International Officiel, gehört das deutsch-schwedische Duo zu den Favoriten. Im Grunde sind sie Top-Favorit auf den Großen Preis von Aachen, das Hauptspringen der Turnierwoche, denn Mary Lou ist nachgewiesenermaßen das erfolgreichste Springpferd der Welt. Seit vergangener Woche führt sie die Weltrangliste an. „Es gibt viele gute Pferde“, sagt Schneider, „aber ihre Konstanz macht Mary Lou zu einer Ausnahmeerscheinung.“

Sie weiß, dass sie gut ist – glauben beide ohne Zweifel. „Ihr Spitzname ist nicht umsonst Queen Mary“, sagt Schneider, und die Stute wird unruhig, als sie für das Foto mit Drachenfels im Hintergrund ihren schon bereitstehenden Transporter passiert. Einsteigen und starten wäre ihr lieber. „Sie weiß, dass es losgeht“, sagt von Eckermann. Das mit der Favoritenrolle schränkt er ein wenig ein. In blitzsauberem Hochdeutsch gibt der Schwede zu bedenken: „Wenn nicht alles perfekt ist, gewinnst du nicht in Aachen.“

Er sagt das nicht nur, weil hier zwei lebendige Komponenten einer Paarung Fehler machen können. Der 38-Jährige weiß nicht, wie Mary Lou auf Aachen reagieren wird. Sie war noch nie dort, wo der Pferdesport sein Wimbledon austrägt. Der überdimensionale Springplatz, 40 000 Zuschauer – nicht jedes Pferd ist da in der Lage, business as usual durchzuziehen. „Aber wenn sich das Pferd wohlfühlt“, sagt von Eckermann, „dann gibt es auf der Welt keinen besseren Platz als Aachen.“

Für die beiden steht einiges auf dem Spiel. Im März gewannen sie den mit 900 000 Euro dotierten Großen Preis von 's-Hertogenbosch, erster Teil der hoch dotierten Serie Rolex Grand Slam. Preisgeld: 297 000 Euro. Zweiter Teil: Aachen. Gewinnt von Eckermann, erhält er neben einem Preisgeld in ähnlicher Höhe eine Bonifikation für den zweiten Erfolg in der Serie, zu der im Jahresverlauf auch noch die Springen in Calgary und Genf gehören. Mit jedem Sieg würde sich das Preisgeld des Schweden in die Höhe schrauben.

Zunächst muss er sich wie alle Starter in einer von drei Prüfungen qualifizieren.Das ist für ihn nur im Nationenpreis (am Donnerstag) möglich. Denn Mary Lou muss alles selbst erledigen. Anders als andere Reiter, die ihr Top-Pferd für den Großen Preis am Sonntag schonen können und die Qualifikation mit ihrer Nummer zwei bestreiten, hat von Eckermann kein Pferd von annähernd Mary Lous Format.

Im Nationenpreis tritt er ohnehin für Schweden an, also will er die Qualifikation da mit einem Platz unter den ersten 18 schaffen, damit er möglichst wenig Energie seines Pferdes verbraucht.

Die Tatsache, dass von Eckermann mit dem aktuell besten Pferd anreist, setzt auch den Reiter unter Druck: „Wenn du ein solches Pferd unter dem Sattel hast, musst du auch als Reiter abliefern. Sie will immer alles richtig machen. Das muss auch mein Ziel sein.“

Wie Mary Lou unter seinen Sattel kam, ist eine kleine Glücksgeschichte. Karl Schneider trainierte Reiter in Dubai, als er sie per Liverübertragung in Münster entdeckte. „Ich hatte das Gefühl, dass ich schnell sein muss. Also habe ich sie ohne sie auch nur mit einem Ritt zu testen, gekauft, damit sie mir niemand wegschnappt.“ Anfangs ritt Schneider sie selbst, dann erfuhr er, dass der bis dahin bei Ludger Beerbaum angestellte von Eckermann sich selbstständig machen wollte. „Wir kannten uns recht gut. Ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit hat. Wir waren uns schnell einig.“ Der Schwede pachtete nach Rio 2016 Stallungen von Schneider, zog auf den Rodderberg und ritt Mary Lou so erfolgreich, dass viele Kaufinteressenten seine Freude über die Erfolge trübten. Mit jedem Sieg wurde es unwahrscheinlicher, dass er sie würde behalten können.

Da kam der Vater seiner Schülerin Evelina Tovek ins Spiel. Der Auto-Großhändler machte Schneider ein Angebot. „Ich hätte höhere Preise erzielen können. Aber ich wollte die Partnerschaft nicht auseinanderreißen“, sagt der Mann, der seinen Job so beschreibt: „Ich suche im Auftrag von Kunden das passende Pferd.“ Also nahm er das „Millionenangebot“ von Tovek an, Mary Lou blieb auf dem Rodderberg und von Eckermann hat die Garantie, dass sie niemals verkauft wird. Er kann also ganz beruhigt in Aachen gewinnen.