Weltmeisterschaft in Manchester

Martin Stach fährt gelassen zur Taekwondo-WM

Swisttal. Der Swisttaler Martin Stach tritt am kommenden Freitag bei der Taekwondo-WM in Manchester an. Trotz seiner 20 Jahre geht der Student das Turnier ganz gelassen an. Das entspricht seinem Naturell.

Luft holen, durchatmen, Ruhe genießen. Martin Stach ist ein gelassener Mensch – sehr gelassen. Aus der Ruhe bringt den Studenten der Wirtschaftspsychologie gar nichts. Fast nichts. „Ich ärgere mich total“, sagt er während eines Hundespaziergangs, klingt aber so entspannt wie eben während eines Hundespaziergangs. „Ich habe mir im Trainingslager eine fette Erkältung eingefangen.“ Seine Wut erinnert an den Gefühlsausbruch eines Bären – im Winterschlaf.

Dabei kommt die Erkältung tatsächlich zu einem überaus schlechten Zeitpunkt. Denn eigentlich sollte sich Stach nicht auf den Straßen mit dem Familien-Shih-Tzu, einer tibetanischen Hunderasse, befinden, sondern in der Halle im Dobok beim Training. „Ich würde jetzt schon lieber trainieren, als krank zu sein“, sagt er. Stach befindet sich mitten in der Vorbereitung auf sein Saisonhighlight – die Taekwondo-WM in Manchester. „Ich freue mich schon riesig darauf“, sagt er fast schon beiläufig. „Auch wenn ich zunächst ein wenig Bedenken wegen der verpassten Uni hatte.“ Die Bedenken sind ausgeräumt, die Uni kommt dem Studenten entgegen – zum Beispiel bei Klausur-Terminen oder mit Freistellungen.

So konnte Stach auch zum Trainingslager nach Sonthofen reisen. Standortbestimmung, Training, Vorbereitung auf das große Turnier. Zwei Trainingseinheiten standen am Tag auf dem Programm. „Bei diesen Lehrgängen geht man meistens nicht mehr an die Leistungsgrenze“, sagt Stach. „Außerdem geht man nicht mehr in den direkten Kampf, um das Verletzungsrisiko gering zu halten.“ Verletzungsfrei ist Stach zurückgekehrt, aber eben auch erkältet. „So kann ich zurzeit nicht trainieren. Das wäre kontraproduktiv“, ärgert er sich.

Wobei ärgern offenbar relativ ist. „Wirklich wütend habe ich den Martin noch nie erlebt“, sagt Trainer Dimitrios Lautenschläger. Im Gegenteil, die Gelassenheit bringt auch den Coach manchmal auf die Palme. „Bei den meisten meiner jungen Kämpfer hast du ja den Eindruck, das Handy ist an deren Hand festgewachsen. Beim Martin wartest du halt mal 'nen halben Tag auf eine wichtige Antwort.“ Doch wirklich böse kann Lautenschläger seinem Schützling nicht sein. Zu viel Respekt und Achtung hat er vor dem 20-Jährigen. „In meiner 20-jährigen Trainerkarriere habe ich noch nie von einem Athleten so viel gelernt“, sagt Lautenschläger. Stach kam als Sechsjähriger zum TKD Swisttal. „Meine Eltern wollten, dass ich mich wehren kann“, sagt Stach. Schüchtern, zurückhaltend ist er. Eher der Typ aus der zweiten Reihe. „Wenn ich damals nach einem Training auf der Couch lag und mich gefragt habe, wer besonders aufgefallen ist, war ich mir manchmal nicht sicher, ob der Martin überhaupt da gewesen ist“, erinnert sich Lautenschläger. Ist er. Stach war immer da. Doch er drängte sich nicht in den Vordergrund. Mit 14 Jahren kam der Sinneswandel. Stach fragte den Trainer, ob er auch mal auf internationale Turniere reisen dürfe. Lautenschläger nickte ab und nahm ihn fortan mit.

"Ich werde nie mehr unterschätzen, was in so einem introvertierten Jungen schlummern kann"

Innerhalb von zwei Jahren kämpfte er sich in den nationalen Jugend-Kader, gewann zahlreiche Turniere, wurde U21-Meister und deutscher Vize-Meister, gewann Bronze bei der EM. Höhenflug? Keine Spur. Weiterhin Gelassenheit pur. „Das ist einfach sein Naturell“, sagt Lautenschläger. Und dieses Naturell darf nicht mit mangelndem Ehrgeiz verwechselt werden. Im Gegenteil: Schon während der Schulzeit zeichnete ihn Fleiß und Ehrgeiz aus. In manchen Fächern bot der 1er-Abiturient seinen Mitschülern Nachhilfe an. Auch auf der Matte zieht er nicht zurück. So trat er bei Deutschen Meisterschaften trotz Bänderriss getapt an. „Das ist eine Charakterstärke“, sagt der Coach. „In seinen Freistunden kommt er in die Halle und trainiert alleine.“

Alles für das große Ziel, ein großes Turnier zu gewinnen. Am Sonntag ist Stach nach Manchester geflogen, am kommenden Freitag greift er dann in den Wettkampf ein. Von Aufregung oder Anspannung kann keine Rede sein. Ambitioniert ist Stach schon, auch ehrgeizig, aber nicht auf Teufel komm raus. „Das Viertelfinale sollte schon drin sein. Gerne auch mehr, wenn ich ein wenig Losglück habe“, sagt er. „Aber ich bin jung und habe noch viel Zeit. Ich werde noch einige große Turniere kämpfen.“

Daran glaubt auch Lautenschläger. „Ich kenne nur wenige Athleten, die beidseitig technisch so gut sind. Da ist er Weltklasse“, sagt Lautenschläger, der zugibt, sich in Stach zu Beginn getäuscht zu haben. „Ich werde nie mehr unterschätzen, was in so einem introvertierten Jungen schlummern kann. Ich habe das Gefühl, dass Martins Entwicklung noch lange nicht zu Ende ist.“ Die für einen Champion nötige Gelassenheit bringt Stach auf jeden Fall mit.