Interview mit Beueler Badmintonspieler Marc Zwiebler: Singapur kenne ich besser als Bonn

Deutschlands bester Badmintonspieler Marc Zwiebler über seine Karriere, berufliche Pläne und Heimatgefühle. Sportsendungen im deutschen Fernsehen schaut der Beueler grundsätzlich nicht.

Marc Zwiebler, Deutschlands bester Badmintonspieler, hat sich mit 33 Jahren vom Leistungssport zurückgezogen. Mit einer Gala am 24. Februar im Telekom Forum, an der viele Weggefährten seiner langen Karriere teilnehmen, feiert er seinen Abschied. Mit Zwiebler sprach Bärbel Dähling.

General-Anzeiger: Herr Zwiebler, Sie haben international Ihre Karriere eigentlich längst beendet und jetzt doch wieder bei der Mannschaftseuropameisterschaft im russischen Kasan für Deutschland gespielt. Warum?

Marc Zwiebler: Ich habe noch einmal ausgeholfen, eventuell tue ich das auch bei der Team-WM in Bangkok. Aber ich wollte die Rücktrittsentscheidung selbst treffen und sie mir nicht abnehmen lassen durch Verletzung oder mangelnde Leistung. Das wäre kein schöner Abschied gewesen.

Wann fiel die Entscheidung?

Zwiebler: Der Entschluss, nach der WM im August 2017 Schluss zu machen, ist Ende 2016 nach vielen Gesprächen gereift. Bis dahin habe ich normal weitergespielt und die Zeit ganz bewusst genossen. Ich habe zum Beispiel in Asien ein paar Tage Urlaub drangehängt, mich dort mit Freunden getroffen und überall Tschüss gesagt.

Sie werden aber weiter für Ihren Heimatverein BC Beuel spielen.

Zwiebler: Ja. Ich möchte dem Verein gerne etwas zurückgeben und die Jüngeren unterstützen. Das klappt derzeit leider zeitlich noch nicht so, wie ich mir das vorstelle.

Sie haben die frisch gekürten deutschen Meister Luise Heim und Max Weißkirchen, Ihre Mannschaftskollegen beim BC Beuel, bei den Titelkämpfen in Bielefeld gecoacht. Beide haben Sie dafür sehr gelobt. Wäre ein Trainerjob nichts für Sie?

Zwiebler: Nein. Ich glaube zwar, dass ich ein guter Trainer wäre. Badminton ist wahrscheinlich das beste, was ich kann. Aber es wäre nichts Neues für mich. Dazu käme der ganze Organisations- und Papierkram. Und ich wäre wieder so viel unterwegs.

Wie sieht der Tagesablauf heute bei Ihnen aus?

Zwiebler: Ich muss mich nach fast 15 Jahren Badminton an die Freiheit erst noch gewöhnen. Bislang hatte ich ja immer eine feste Struktur. Ein bisschen vermisse ich die schon. Bonn ist ein totaler Neuanfang in allen Bereichen.

Wie lange waren Sie in Sachen Badminton in der Welt unterwegs?

Zwiebler: Fast 15 Jahre. In Asien, in großen Städten wie Schanghai und Singapur, kenne ich mich immer noch besser aus als in Bonn. Selbst in Köln finde ich mich kaum zurecht.

Gibt es Lieblingsadressen in Asien?

Zwiebler: Ich habe viel Zeit in Malaysia und Indonesien verbracht, auch Hongkong vermisse ich. Und durch den Sport habe ich viele Einheimische kennengelernt und Freunde gewonnen. Ich war dort bei Hochzeiten und Kindergeburtstagen eingeladen, habe bei Badminton-Kollegen gewohnt und das normale Leben und weniger die Touristen-Attraktionen erlebt.

Im Vorjahr sind Sie nach Bonn zurückgezogen. Was bedeutet Heimat für Sie?

Zwiebler: Heimat bedeutet mir sehr viel. Ich bin ein Beueler Junge. Ich habe sehr engen Kontakt zu meiner Familie, die zu 98 Prozent in Beuel wohnt. Meine Schwester, sie lebt in Florenz, und ich sind die einzigen, die es rausgeschafft haben (lacht). Aber Weihnachten war ich immer zu Hause. In all den Jahren.

Ihre Eltern haben Sie immer unterstützt.

Zwiebler: Die haben alles richtig gemacht. Cool war zum Beispiel, dass sie mich als 14-Jährigen allein für vier Wochen in die chinesische Provinz reisen ließen. Dort war ich bei dem Spieler Xie Yangchu zu Gast und habe viel gesehen und erlebt. Das öffnet den Horizont ungemein.

Sie waren in ganz jungen Jahren auch recht erfolgreich im Fußball, haben sich dann aber für Badminton entschieden. Würden Sie das noch einmal so machen?

Zwiebler: Ja. Man muss das machen, was einem das Herz sagt.

Und jetzt läuft die Phase der Neuorientierung?

Zwiebler: Genau. Nach der ersten Karriere gucken, wie das Leben weitergeht. Und auch hier wieder Freunde treffen, die ich notgedrungen lange vernachlässigt habe.

Und beruflich?

Zwiebler: Ich habe eine Firma mitgegründet, mit Standbeinen in Bonn und München. Das ist eine Unternehmensberatung im Personalmanagement, genauer im HR-Recruitment-Bereich.

Rekrutierung bedeutet…?

Zwiebler: … Einstellung und bezieht sich auf den gesamten Prozess der Anwerbung und Auswahl geeigneter Kandidaten für Jobs. Dieses Thema war auch Schwerpunkt meines BWL-Studiums. Ich habe tolle Kollegen. Es wird sicherlich super spannend. Und ich denke, dass ich viel lernen kann.

Bleiben Sie in Bonn?

Zwiebler: Das weiß ich noch nicht. Bonn ist eine superschöne Stadt, allerdings merke ich, dass mir Bonn manchmal zu klein ist. Ich bin ja das andere Extrem gewohnt und vermisse auch die Hektik und den Rhythmus einer Weltstadt. In Europa gibt es den wohl nur in London. Bonn bleibt aber immer ein Standbein!

Welche Themen bewegen Sie im Sport?

Zwiebler: Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ich finde, dass die Athleten stärker an vielen Dingen beteiligt sein sollten. Wobei wir in Deutschland schon ganz gut dran sind. Aber für die jungen Spieler in aller Welt müsste mehr getan werden.

Zum Beispiel?

Zwiebler: Etwa kostenfreie Kurse, damit sie per Smartphone Englisch lernen können. Um mich weiterhin einbringen zu können, bleibe ich auch in der Athleten-Kommission.

Verfolgen Sie Sportsendungen im deutschen Fernsehen?

Zwiebler: Nein, da läuft ja nur Fußball.

Sagen wir mal, hauptsächlich...

Zwiebler: Selbst in so fußballverrückten Ländern wie Großbritannien, England und Spanien ist die Sportvielfalt im TV viel, viel größer. Im Übrigen auch die Akzeptanz anderer Sportarten.

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