Springreiten

Karl Schneider macht den Scheich fit

Bonn. Ali bin Khalid Al Thani aus Katar trainiert auf dem Rodderberg fürs Weltcup-Finale im niederländischen 's-Hertogenbosch. Doch der Pferdewirt Karl Schneider ist weit mehr als ein Dienstleister für den Scheich.

Das FEI-Weltcup-Finale der Springreiter vom 19. bis 22. April, bei dem im niederländischen 's-Hertogenbosch die hippologische Crème de la Crème an den Start geht, spielt derzeit auch in hiesigen Gefilden eine große Rolle. Genauer auf dem Rodderberg vor den Toren Bonns.

Dort auf Gut Broichhof im Vulkankrater, wo internationale Topsportler in der Vergangenheit oft und gerne zu Gast waren, meist allerdings in Sachen Vielseitigkeit, ist nun der malerisch gelegene große Springplatz der Mittelpunkt des Geschehens.

Kommandos und Erklärungen auf Englisch sind seit ein paar Wochen an der Tagesordnung und niemand wundert sich. Die Trainingsanweisungen von Karl Schneider (37) gelten einem Scheich aus Katar. Allerdings einem sehr sportlichen, der statt Kaftan und Kopfring bequeme Reithose und goldumrandete Sonnenbrille in Pilotenform mit grünen Gläsern trägt.

Jetzt gerade sitzt Ali bin Khalid Al Thani, der hochgewachsene Mann mit den pechschwarzen kurzen Haaren, auf seinem Lieblingspferd Abraksas, einem seiner fünf Pferde, mit denen er auf dem Rodderberg trainiert und sich auf das Weltcup-Finale vorbereitet.

Al Thani wird beim Höhepunkt der seit 1978 von der internationalen reiterlichen Vereinigung ausgetragenen Turnierserie zusammen mit einem Reiter aus Saudi-Arabien die arabische Liga vertreten. Um mehr Erfahrungen sammeln zu können, vor allem bei großen anspruchsvollen Hallenturnieren, die es im reichen Wüstenstaat Katar nicht gibt, und um auch sportlich wirklich beim Finale in den Niederlanden ein Wörtchen mitreden zu können, ist der Scheich zusammen mit dem Team-Manager Mohammed Al Attiyha und zwei Pfederpflegern seit Anfang März auf dem Rodderberg und lässt sich von Pferdewirt Karl Schneider fitmachen.

Unterstützt von seinem Coach Karl startete der 29 Jahre alte Scheich Ali in den vergangenen Wochen bei einem nationalen Turnier in Goch, gewann dort ein S-Springen und machte auch bei internationalen Turnieren in Bremen, Dortmund und Braunschweig positiv von sich reden. Bei letzterem wurde er mit dem Holsteiner Schimmel Cantaro nach zwei Nullrunden sogar Dritter im Großen Preis.

Dafür gab's nicht nur 9000 Euro Preisgeld, sondern auch ein dickes Lob vom Trainer. Denn Ali hatte sich an die Stallorder gehalten, und die hieß "saubere Runde, keine Fehler machen, nicht heizen".

Karl Schneider weiß zu berichten, dass "Lieber tot als Zweiter" viel eher der katarischen Mentalität entspricht. "Sie reiten oft zu wild und mit viel zu viel Risiko", hat der Coach, der lange selbst sehr erfolgreich im Springsport unterwegs war, in den vergangenen zwei Jahren festgestellt. Ruhe und Ordnung reinzubringen, war im Prinzip seine Hauptaufgabe, als er 2010 völlig unerwartet und ungeplant einen Trainerjob übernahm, an den er kurz zuvor selbst im Traum nicht gedacht hatte.

Vor zwei Jahren kam eine Gruppe aus Katar zu ihm - auf der Suche nach einem Pferd für Kinder. Da ist zunächst nichts daraus geworden, resümiert Karl Schneider und erinnert sich, dass er deshalb damals ein bisschen enttäuscht war. Doch wie so oft im Leben kam alles ganz anders. Interesse an Karl Schneider als Pferdehändler hatten sie Gäste aus dem Staat mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt zunächst nicht, aber sehr bald am Stall auf dem Rodderberg und an Karl Schneider als Trainer für Kinder und Jugendliche.

So war er bald von einer ganzen Gruppe Heranwachsender aus Katar umgeben, die über mehrere Wochen auf dem Rodderberg trainierten und mit ihrem Trainer auf etlichen Turnieren in der näheren und weiteren Umgebung an den Start gingen, so auch im Sommer 2011. Wenn die Nachwuchssportler daheim die Schulbank drücken mussten, ließen sie den Trainer aus dem fernen Deutschland in den Wintermonaten eben einfliegen. Karl Schneider bezog dann ein Domizil in einem Sporthotel in Doha, nahe der vollklimatisierten Reitsportanlage.

Dass die Verantwortlichen in Katar mit seiner engagierten Arbeit sehr zufrieden sind, lässt sich daran ablesen, dass er in diesem Jahr auch das Training der ersten  Mannschaft Katars übernimmt. Zuvor ließ die sich von dem Niederländer Jan Tops trimmen. Was das Besondere an der Arbeit mit Karl Schneider ist? Scheich Alis Antwort lässt nicht lange auf sich warten: "Wir haben viel Spaß und sind wie eine große Familie!"

Und in einem guten Team lassen sich auch bessere Ergebnisse erzielen, hofft der großzügige Scheich nach dem Kurzziel Weltcup-Finale auch auf eine gute Saison 2012 mit Karl Schneider bei großen Turnieren in ganz Europa. Er fühlt sich wohl auf dem Rodderberg, das ist nicht zu übersehen. Und er kann abgeben: Kürzlich verschenkte er den soeben erhaltenen Ehrenpreis bei einem Turnier und überließ das Gewinngeld seinen Pferdepflegern. Nobel und in der Reiterwelt alles andere als an der Tagesordnung.

Karl Schneider ist weit mehr als ein Dienstleister für den Mann, der mit dem Emir von Katar verwandt ist. Er tourte mit dem Scheich durchs Land auf der Suche nach erfolgversprechenden Pferden, probierte diese mit aus und übernimmt daheim die regelmäßige Morgenarbeit mit den Pferden, die zumeist Alis Sponsor, den Qatar Armed Forces gehören. Gemeinsamer Ausgleichssport oder andere Unternehmungen sind bei Trainer und Schüler, der in einem Bonner Luxushotel Quartier bezogen hat, ebenso an der Tagesordnung. Man(n) versteht sich.

Vor dem Weltcup-Finale steht Anfang April ein weitere wichtige Etappe für das Team an: nämlich die erste Wertungsprüfung der Global Champions Tour 2012, und zwar in Doha. Zwei seiner fünf Pferde nimmt der Scheich mit nach Hause, wo er auch endlich seine drei Kinder wiedersieht. Die anderen Rösser auf dem Rodderberg hält Karls Lebensgefährtin Alexandra Spenlenhauer währenddessen fit fürs Finale in den Niederlanden. 

Kribbelt es Karl Schneider nicht in den Fingern, wenn er als Trainer und nicht als Aktiver bei den großen Turnieren ist? "Doch, sicher ein bisschen", gibt er unumwunden zu, "aber man kann nur jeweils eine Sache richtig machen!"