Jürgen Nolte erinnert sich an Olympia

Wie Musketier - Säbelfechter nimmt an Spielen 1984, 1988 und 1992 teil - Medaillen-Traum erfüllt sich nicht - Mit acht deutschen Titeln Rekordhalter

Bonn. Jürgen Nolte war zehn Jahre alt, als er mit Fechten begann. Damals wollte er unbedingt wie die drei Musketiere über Tische, Bänke und Stühle springen und dabei ein bisschen mit der Klinge herumfuchteln.

Doch in der Fecht AG am Helmholtz-Gymnasium lernte der Fünfklässler, dass dieser Sport harte Arbeit ist und mit dem berühmten Film gar nichts zu tun hat. Diese Erkenntnis fand Nolte gar nicht toll. Trotzdem ist er in den Olympischen Fechtclub Bonn (OFC) eingetreten, spezialisierte sich auf den Säbel und hat sich damit drei Mal bis zu den Olympischen Spiele gekämpft: 1984 in Los Angeles, 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona.

"Ich hätte sogar 1980 in Moskau dabei sein können", sagt er stolz. Er gehörte damals schon der A-Nationalmannschaft an, war jedoch gerade erst ein Jahr als Aktiver dabei, mit noch sehr wenig Erfahrung im internationalen Bereich. Doch aus Protest gegen den Einmarsch der damaligen Sowjetunion in Afghanistan wurden die Spiele unter anderem von der Bundesrepublik Deutschland boykottiert.

Die Qualifikation für Los Angeles 1984 war dann ein Klacks für den Säbelfechter. Vor dem Flug in die USA wurden die Athleten noch in Frankfurt eingekleidet. "Das war echt witzig. Große und kleine Leute, dicke und dünne, die hatten für jeden Sportler die passenden Kleider. Unglaublich", erinnert sich Nolte. "Doch ich freute mich am meisten aufs Olympische Dorf." Das jedoch bekam Nolte fast gar nicht zu sehen.

Denn aufgrund der Lage der Wettkampfstätte wurden die Fechter in Long Beach untergebracht. "Weit außerhalb, sogar zu weit, um mal ans Meer nach Santa Monica zu fahren", bedauert er.

Die Zeit an der Westküste war für ihn trotzdem unvergesslich: "Meine erste Eröffnungsfeier als Athlet bei Olympischen Spielen, das war etwas ganz Besonderes und Aufregendes. 100 000 Zuschauer, die jubeln und applaudieren - absolutes Gänsehautgefühl."

Ansonsten habe er vom Programm leider nicht viel mitbekommen. "Ich konnte Karten fürs Schwimmen ergattern und Michael Groß live erleben, das war super", blickt Nolte zurück. "Und als Linol Richie ins Olympische Dorf kam, war ich total aus dem Häuschen." Das gemeinsame Foto habe er noch.

Sportlich war er mit Einschränkung zufrieden. "Die Wettkämpfe liefen bombig - doch der vierte Platz mit der Mannschaft war undankbar. Wir hätten locker Dritter werden können", bilanziert er.

Vier Jahre später dann Seoul. "Das war das schönste, was ich je erlebt habe", meint "Jojo" überschwänglich. Alle Welt- und Europameisterschaften eingeschlossen. Schon im Flugzeug habe eine herrschte eine super Stimmung geherrscht.

Denn er habe neben den Wasserballern gesessen "und die Jungs waren super drauf." Endlich konnte Nolte auch Olympisches-Dorf-Luft schnuppern. Denn die Wettkampfstätten lagen alle in unmittelbarer Nähe. "Erst kam mir das Dorf sehr anonym vor, erinnert sich der Säbelfechter. Doch abends trafen sich alle Sportler bei uns vorm Eingang, saßen zusammen, haben erzählt. Das war toll." Eine Atmosphäre wie im Feriencamp.

Selbst seinen Traum, Basketball-Superstar Michael Jordan zu sehen, hat er sich erfüllt. Karten gab es nicht, und so hätten sie an ihren Ausweisen herum gebastelt und sich ins Stadion geschummelt: "Wir sind einfach mit dem deutschen Basketballteam einmarschiert, und keiner hat's gemerkt."

Mit dem Einzug ins Finale der besten acht feierte Nolte einen großen Erfolg. "Ich im Finale! Ab da habe ich gekämpft wie ein Löwe." Er wurde schließlich Achter und mit der Mannschaft Sechster. Dieses Ergebnis wollte er in Barcelona 1992 noch toppen. Aber an diese Olympischen Spiele hat Jürgen Nolte im Nachhinein weniger gute Erinnerungen. "Ich bin erst sehr spät angereist und habe dadurch keinen anderen Sportler kennengelernt", bedauert der 48-Jährige.

Die Wettkampfstätten hätten sehr weit auseinander gelegen. "Und ich habe die Stimmung aus Seoul vermisst." Das Ergebnis: Achter im Einzel und Fünfter mit der Mannschaft. Schade für Nolte, denn er hätte endlich gerne eine Medaille von den Olympischen Spielen mit nach Hause gebracht. Sein Fazit: "Da ich 1990 und 1991 Vizeweltmeister war und 1992 kurz vor den Spielen noch Dritter bei der Weltmeisterschaft geworden war, hatte ich mir echte Chancen ausgerechnet. Ich war richtig traurig, dass es nicht für eine Medaille gereicht hatte."

Trotzdem kann Nolte auf eine große Karriere blicken. So hält er mit acht gewonnenen deutschen Meisterschaften den Rekord. Neben dem sportlichen Erfolg ist ihm aber eines fast noch wichtiger: "Ich habe noch einen engen Kontakt zu anderen Fechtern, die ich im Laufe der Zeit kennengelernt habe. Zum Beispiel zu László Csongrádi aus Ungarn. Uns verbindet mittlerweile eine enge Freundschaft."

Und Imre Bujdoso, der auch der ungarischen Nationalmannschaft angehörte, ist sogar sein Trauzeuge gewesen. Beide hatten 1988 mit der Mannschaft Gold gewonnen. "Die Welt der Fechter ist ein Mikrokosmos", sagt Nolte lächelnd. "Irgendwie sind wir alle dem Fechtsport eng verbunden geblieben."

Trotzdem gibt es für Jürgen Nolte auch noch Dinge abseits der Fechtbahn. "Die Schule", betont der Lehrer für Sport und Biologie am Tannenbusch-Gymnasium. Aber auch dort ist sein Lieblingssport präsent. Nolte gründete eine Fecht-AG, ist Koordinator für den Sportzweig.

Seine Frau Heike, mit der er seit 1990 verheiratet ist, hat sich in den vielen Jahren ans Fecht-Fieber des Ehegatten gewöhnt, auch wenn sie mit dieser Sportart eigentlich nichts zu tun hat.

"Wenn ich früher auf Turnieren war, ist sie einfach hinterher gereist, und wir haben uns zusammen noch die Umgebung angesehen", erzählt Jürgen Nolte. "So sind wir ganz schön rumgekommen. Sie hatte immer großes Verständnis für mich und meinen Sport." Fechten wird wohl auch weiterhin seine Leidenschaft bleiben.