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Im Ring mit Kickboxerin Sarah Liegmann

Rheinbach. Sarah Liegmann, die viermalige Junioren-Weltmeisterin im Kickboxen, zeigt GA-Redakteur Simon Bartsch bei einer Trainingseinheit die Grenzen auf.

Ein unscheinbares Gebäude – nur das Vereinslogo lässt auf die Sportart schließen: „Tomburg Boxing Rheinbach“. Hinter der Eingangstür versteckt sich ein Kickbox-Gym. Hier hat mich die Redaktion hingeschickt. Für einen in die Jahre gekommenen ehemaligen Sportstudenten – na gut, mindestens leicht übergewichtigen, extrem verletzungsanfälligen ehemaligen Sportstudenten – genau das Richtige.

In der Halle erwartet mich Sarah Liegmann – sozusagen mein Gegenpart. Sarah ist mit gerade 15 Jahren noch herrlich jung, fit wie ein Turnschuh und „möchte auf jeden Fall Sport studieren“. Mit ihr soll ich eine kleine Trainingseinheit inklusive Sparring absolvieren. Kann schon nicht so schwer sein, rede ich mir ein. Ein 15-jähriges Mädel, alles andere als ein Schwergewicht – da wird schon nichts passieren. Sarah ist ein ganz normales Mädchen. Sie begrüßt mich aufgeschlossen, lachend, aber mit schwachem Händedruck. Und sie soll mir im Sparring die Grenzen aufweisen? Niemals.

Allerdings gibt es da einen kleinen, aber nicht zu vernachlässigenden Aspekt: Sarah ist viermalige Kickbox-Weltmeisterin. Alleine bei der WM in Orlando im Herbst vergangenen Jahres fuhr sie zwei Titel und einen zweiten Platz ein. Vermutlich, damit ich diesen Aspekt auch auf keinen Fall vergesse, hat die Gymnasiastin einige ihrer WM-Medaillen mitgebracht. Sind mir ins Auge gefallen – vielen Dank!

Neben Sarah ist auch Coach Willi Zinken anwesend. Sympathisch, aber bestimmt. Mir ist sonnenklar, dass mir hier mein Lachen ganz schnell vergehen kann. Also lieber schnell hinter mich bringen. Handschuhe an, Fäuste hoch und einfach los. „Ganz so einfach geht das nicht“, bremst mich Zinken. Wie in jeder Sportart beginnt auch Kickboxen mit Aufwärmen. Und im Gegensatz zu meinen Erfahrungen auf den Aschenplätzen versteht man hier unter Aufwärmen: Aufwärmen!

Prusten wie ein Walross

Sit-Ups, Liegestütze, Skippings inklusive Boxbewegung. Innerhalb weniger Minuten pruste ich wie ein in die Jahre gekommenes Walross und fühle mich auch so. Auch beim Dehnen führt mich Zinken schnell an meine Grenzen und mir die erste Erkenntnis des Tages vor Augen: Fußballer-Bänder sind für den Spagat ungeeignet. Sarah geht das alles ganz leicht von der Hand. Kein Wunder: Seit Herbst 2013 steht das Kickboxen bei ihr an erster Stelle. „Ich trainiere schon so fünf bis sechs Tage die Woche.“ Und das harte Training zahlt sich aus. Sarah feiert einen Erfolg nach dem anderen. Nicht nur im Kickboxen. Mittlerweile trainiert sie auch Olympisches Boxen. Sarahs Ziel: „Ich will Profi werden. Und ich würde gerne mal im Fernsehen boxen.“

Ich bin dagegen Lichtjahre von einem Profi entfernt. Mir reicht es erst einmal, vor Anstrengung nicht umzukippen. In kurzen Gesprächen mit dem Trainer kaschiere ich meine konditionellen Unzulänglichkeiten. Doch Zinken hat schon den nächsten Anschlag auf mich vor. Es geht an den Sandsack. Während ich nach einer Zweier-Kombination mit der Haltekraft meiner Arme kämpfe, drischt Sarah unentwegt auf den Sandsack ein. Vor dem Sparring ist mir schon Bange und ich fürchte, dass ich mit einer zerbeulten Nase in die Redaktion zurückkehre. Eine Angst, die Sarah nicht teilt. „Eine krumme Nase – wäre ein Problem. Ich möchte ja nicht demoliert aussehen“, sagt sie. „Aber die kann man später richten. Und das blaue Auge kann man wegschminken.“

Na dann. Was spricht gegen den Sparring? In meiner Lage ziemlich viel, aber Kneifen ist nicht. „Man sollte auf jeden Fall nicht zu aufgeregt sein, einen klaren Kopf behalten. Sonst ist das eher kontraproduktiv und geht schnell in die Hose.“ Dahin ist mir mein Herz gerutscht, als Zinken die Runde auf zwei Minuten veranschlagt.

 

Mit Hundeblick kann ich ihn auf eine runterhandeln. Sarah ist blitzschnell. Meiner schwerfälligen Rechten weicht sie problemlos aus und täuscht ihrerseits einen Haken an. Bevor ich das auch nur realisiere, fuchtelt sie mir mit dem Bein vor dem Bauch herum. Zinken deutet mir immer wieder an, die Arme „oben“ zu halten. Leicht gesagt. Mir wird schnell klar, dass ich in einem echten Kampf nicht den Hauch einer Chance hätte. Sarah springt durch den Ring, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Tut sie aber. Es gibt in ihrem Leben noch mehr als die Sportart. Freunde und Schule. Auf dem letzten Zeugnis hatte sie einen Einser-Durchschnitt. Und das bei dem Pensum, das sie abreißt. Neben den „normalen“ Turnieren gibt es Lehrgänge und internationale Großturniere. Ein zeitaufwendiges und teures Hobby. Sponsoren, sagt sie, seien natürlich jederzeit erwünscht.

Kickboxen den Profis überlassen

Nach einer guten Stunde endet das Training. Während ich schweißgebadet nach Luft japse, strahlt Sarah über das ganze Gesicht. Für sie war der Sparring nicht mehr als ein Aufwärmen. Vielleicht bleibt es ihr als lustige Abwechslung in Erinnerung. Mir bleibt ein tierischer Muskelkater und die Erkenntnis, dass Kickboxen eine zwar anstrengende aber schöne Sportart ist. Ich habe mir geschworen, es noch einmal zu probieren. Natürlich auf Hobby-Ebene. Das Profi-Kickboxen überlasse ich lieber Sarah.