Weltmeister und Olympiateilnehmer

Im Bonner Fechtinternat zur Weltklasse reifen

Bonn. Das Bonner Fechtinternat verzeichnet elf Neuzugänge. Eine Vielzahl von Weltmeistern und Olympiateilnehmern ist aus ihm hervorgegangen.

Weltmeister, Medaillengewinner bei Olympischen Spielen und deutsche Meister gaben sich beim Ehemaligentreffen des Bonner Fechtinternats die Klinke in die Hand. Sie alle eint, dass sie in den ersten Jahren ihrer Karriere aus allen Teilen Deutschlands kommend im Sportpark Nord ein Zuhause fanden, um sich im Schoße der Internatsfamilie fechterisch weiterzuentwickeln und gleichzeitig eine möglichst gute schulische Ausbildung zu erhalten. Ein Musterbeispiel: Claudia Bokel, die 2001 Weltmeisterin mit dem Degen wurde, unter anderem vier Jahre Vorsitzende der Athletenkommission im Internationalen Olympischen Komitee war und aktuell Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB) ist.

„Trainer Manfred Kaspar hatte Claudia als Riesentalent bei einem Lehrgang in Holland entdeckt. Sie hat einen deutschen Vater und wollte auch für Deutschland fechten. Durch das Internat konnten wir sie nach Bonn holen“, erinnert sich Wilfried Wolfgarten, Vorsitzender des Vereins Sportinternat. Bokel sei der klassische Fall: „Junge Athleten kommen aus der Diaspora, wo sie in ihren Vereinen nicht weiterkommen und ihre Trainer an Grenzen stoßen, nach Bonn, um Schule und Leistungssport optimal zu kombinieren.“

Gerade erst hat das Internat elf 13- bis 14-Jährige aufgenommen. „Wir haben parallel in Bonn und Tauberbischofsheim Talente gesichtet, die wir gezielt eingeladen hatten“, berichtet Holger Sievert, der im 26. Jahr das Internat leitet. Wolfgarten: „Der Wechsel nach Bonn ist eine Riesenumstellung für die Jungen und Mädchen, auch familiär gesehen. Wir versuchen, ihnen den Wechsel durch eine gute Betreuung so leicht wie möglich zu machen.“ Heimweh gehöre natürlich auch zu den Problemen, um die man sich kümmern müsse, sagt Sievert. „Jeden Tag steht jemand bei mir in der Tür und hat ein Pro᠆blem. Und es ist wichtig, es ernst zu nehmen. Die Kinder müssen sich wohlfühlen.“

Von Zuschüssen finanziert

Das Internat, das 20 Plätze hat, finanziert sich im Wesentlichen durch Zuschüsse der Sportstiftung NRW und die Beiträge der Internatler. Für monatlich 635 Euro können sie dort wohnen und essen. „Es laufen Gespräche, die Internatsbeiträge bezuschussen zu können, zumindest für herausragende Talente mit guter Perspektive. Dazu muss dann der Bundestrainer eine entsprechende Einschätzung abgeben“, erklärt Sievert.

Im schulischen Bereich besteht eine Kooperation mit der Eliteschule des Sports im Tannenbusch. Das Lehrer-Kollegium dort sei, so Sievert, leistungssportaffin und nehme sich der Bedürfnisse der Internatsfechter in besonderer Weise an. Fabian Braun, der einst aus dem Saarland nach Bonn kam, 2017 deutscher Herrenflorettmeister wurde und jetzt als Soldat der Sportfördergruppe in Bonn studiert, stellt der Kooperation ein gutes Zeugnis aus.

Als Beispiel nennt er das Silentium, das im Bonner Bundesleistungszentrum angeboten wird. „Viele Lehrer engagieren sich da. Sogar meine Mathelehrerin von der Schule kam extra vorbei und hat mit uns gelernt und dabei geholfen, das aufzuarbeiten, was man durch das Fechten versäumt“, weiß Braun. Es kommt regelmäßig vor, dass die Sportler wegen der Teilnahme an Turnieren nicht am Unterricht teilnehmen können oder bei Klassenarbeiten fehlen. Braun: „Die kann man dann nachschreiben.“

Große Vorteile

Auch die Möglichkeit, morgens vor der Schule unter fachlicher Anleitung trainieren zu können, sei ein großer Vorteil. „In Zeiten von G8 mit langen Unterrichtstagen von bis zu zehn Stunden ist es immer schwieriger geworden, Training und Schule unter einen Hut zu bekommen“, sagt Sievert.

Eingebettet ins Bundesleistungszentrum Fechten im Sportpark Nord als Teil des Olympiastützpunktes (OSP) Rheinland, profitiert das Internat von den guten sportlichen Rahmenbedingungen, zum Beispiel der modernen Fechthalle und den Trainern. Aber auch von der medizinischen und psychologischen Betreuung. Die Internatler erhalten zudem eine Laufbahnberatung des OSP. „Ein Bereich“, sagt Wolfgarten, „der in der heutigen Zeit immer wichtiger wird.“

Natürlich hoffe man, dass die Internatler auf lange Sicht Bonn verbunden bleiben. Viele haben sich in der Vergangenheit dem OFC Bonn angeschlossen. Andere, wie auch Fabian Braun, bleiben ihrem Heimatverein treu. Das gilt auch für Peter Joppich. Mit vier Weltmeistertiteln gehört der Koblenzer zu den erfolgreichsten Fechtern, die aus dem Internat hervorgegangen sind. Für die elf Neuzugänge ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Wolfgarten: „Die Rahmenbedingungen haben sie, der Rest hängt von ihnen ab.“