Interview mit Taekwondo-Bundestrainer Aziz Acharki

"Ich wünsche mir mehr Anerkennung"

BONN. Aziz Acharki - nie gehört? Der Mann war immerhin Weltmeister. Und Olympia-Teilnehmer. Aber in einer Randsportart, im Taekwondo. Das erklärt einiges. Dabei hat der 41-Jährige eine bemerkenswerte Geschichte hinter sich.

Mit sechs Jahren von Marokko nach Bonn gekommen, Sportsoldat, Oberfeldwebel, Absolvent der Trainerakademie in Köln, Gründer des OTC Bonn, große Verdienste um die Integration Jugendlicher, Landestrainer und seit 1. Januar Bundestrainer der Herren. Am 5. Juli fliegt er mit seinem Team zur WM nach Mexiko.

Sie stehen vor ihrer ersten WM als Bundestrainer. Nervös?
Aziz Acharki: Nein. Ich war ja vorher Assistenztrainer und wusste, was auf mich zukommt. Und bei den Swiss Open in Lausanne war meine Mannschaft zuletzt richtig gut. Erster in der Nationenwertung, noch vor den starken Mexikanern - das macht mich stolz. Da war eine Aufbruchstimmung zu spüren, die Athleten hatten Spaß. Und ich denke, sie haben Vertrauen zu mir gefasst.

War es in Ihrem Lebensplan, Taekwondo-Bundestrainer zu werden?
Acharki: Ja, seit ich 2004 als Athlet aufgehört habe. Ich habe dann mein Diplom an der Trainerakademie in Köln gemacht, war seit 2006 Landestrainer. Insofern war das jetzt der logische Schritt.

Dann verdienen Sie jetzt so viel wie Joachim Löw?
Acharki: Richtig, ich bin jetzt reich. Nein, im Ernst, in dieser Sportart wirst du nicht reich. In Deutschland zumindest.

Aber Sie können ihre Familie ernähren, die mit vier Kindern ja recht groß ist?
Acharki: Gottseidank. Wir leben bescheiden. Es gibt vom Deutschen Olympischen Sportbund zweckgebundene Gelder für Trainer, und die werden dann aufgeteilt. Natürlich habe ich ein wenig verhandelt, aber ich wusste ja ungefähr, was geht und was nicht. Wenn du kein Fußballtrainer bist, ist es sehr schwer, in Deutschland als Trainer zu arbeiten. Du wirst nachdenklich, wenn du hörst, was Trainer - oder auch Weltmeister und Olympiasieger - etwa in der Türkei verdienen. Oder in Kasachstan.

Und in Marokko, Ihrem Geburtsland?
Acharki: Da gibt's auf jeden Fall mehr als in Deutschland, und du hast auch noch andere Privilegien. sogar der König interessiert sich für dich. Andererseits gewinnen solche Länder nur wenige Medaillen, nur ganz wenige Leute profitieren davon.

Sie selbst haben auch den König kennengelernt.
Acharki: Das war nach meinem WM-Titel 1995. Das hat die Marokkaner stolz gemacht, obwohl ich ja für Deutschland am Start war. Der damalige König Hassan II. hat mich dann nach Marokko eingeladen. Ich war sehr stolz.

Läuft da was falsch in Deutschland?
Acharki: Ich würde mir wünschen, dass hierzulande die Trainer mehr anerkannt werden. Gerade in den Randsportarten. Die meisten unterschreiben Zeitverträge und verdienen nicht wirklich viel. Dann stehst du permanent unter immensem Druck.

Haben Sie auch einen befristeten Vertrag?
Acharki: Natürlich.

Zwei Jahre?
Acharki: Nein, vier, für den olympischen Zyklus.

Aber zwei Jahre sind nicht ungewöhnlich.
Acharki: Das hätte ich nicht gemacht. In vier Jahren kannst du was auf die Beine stellen. Danach wird man sehen, wie's weitergeht.

Immerhin haben Sie auch was anderes gelernt.
Acharki: Verwaltungsfachangestellter, Mechaniker, Bürokaufmann. Das beruhigt etwas. Ich war zehn Jahre lang Sportsoldat und wollte mich immer weiterbilden.

Wann fliegen Sie zur WM nach Mexiko?
Acharki: Am 5. Juli. Dann geht's dort ins Höhentraining, und am 15. Juli beginnen die Kämpfe.

Wie viele deutsche Männer-Weltmeister gab es bislang?
Acharki: Fünf, aber ich war 1995 der vorerst letzte. Diese Durststrecke möchte ich beenden.

Haben Sie auch Athleten vom OTC Bonn dabei?
Acharki: Mokdad Ounis. Der hat 2009 die letzte WM-Medaille für Deutschland erkämpft, Bronze in Kopenhagen.

Welchen Status hat Taekwondo in Mexiko?
Acharki: Das ist fast Nationalsport dort. Die waren jetzt auch mit 25 Sportlern zu den Swiss Open gereist. Das sagt ja schon einiges aus. Die Weltmeisterschaft wird dort außerdem live im Fernsehen gezeigt.

Welche Einflussmöglichkeiten haben Sie während eines Kampfes?
Acharki: Du kannst einem Athleten noch sehr viel helfen mit taktischen Anweisungen. Aber egal, ob du Diplomtrainer, Professor oder sonst was bist - ohne Fingerspitzengefühl hast du verloren. Du brauchst ein Gespür für den Kampf. Deshalb war es auch so wichtig, das Vertrauen der Athleten zu gewinnen. Ich weiß, wie's auf der Matte zugeht.

Wer sind Ihre Medaillenkandidaten für Mexiko, auch Ounis?
Acharki: Mit einem guten Los kann er ins Viertel-, vielleicht sogar ins Halbfinale kommen. Aber dann wird's hart. Ansonsten gibt's noch Levent Tuncat (-58 kg) aus Laar und Daniel Manz (-68) aus Friedrichshafen.

Wo stehen die deutschen Taekwondoka international?
Acharki: Nicht in der Weltspitze. Die Frauen vielleicht unter den ersten zehn, die Männer nicht einmal das.

Judo schwappte als erste Kampfsportart nach Deutschland über. Hat Taekwondo da aufgeholt?
Acharki: Da ist schon ein kleiner Boom. Ich glaube, in Deutschland haben wir jetzt 70.000 Mitglieder. Und 22 Millionen weltweit. Insgesamt ist unser Sport globaler geworden. Bei Olympia in London waren die Medaillen extrem unter den Ländern verteilt. Sogar ein Afrikaner aus Gabun hat Silber gewonnen.

Warum ist Taekwondo reizvoller als Judo?
Acharki: Ich will nicht von besser oder schöner reden. Mich hat Judo nicht gereizt, weil da zu viel geklammert wird. Ich wollte immer Action. Und Taekwondo bietet ja auch viele Facetten, da ist ja nicht nur der olympische Vollkontaktkampf. Es gibt auch den Formenlauf, den du bis ins hohe Alter betreiben kannst.

Sie haben 2000 den Olympic Taekwondo Club Bonn gegründet, sind heute noch dessen Vorsitzender und haben hier auch den Landesstützpunkt aufgebaut. Kriegen sie das als Bundestrainer noch alles unter einen Hut?
Acharki: Im Verein habe ich reduziert, mache nur noch die Wettkampfgruppe. Aber mir ist sehr daran gelegen, dass es hier weiterläuft, dass unser soziales Engagement nicht versandet.

Was genau tun Sie beim OTC?
Acharki: Das Projekt heißt "Integration durch Sport und Bildung" und läuft in Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt. Wir haben hier 220 Mitglieder aus 25 Nationen.

Warum kommen zum Taekwondo so viele Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund?
Acharki: Das ist so. Warum auch immer. Aber irgendwie stört mich das Wort. Ich selbst bin ja auch kein gebürtiger Deutscher und mit sechs Jahren hierher gekommen. Doch ich fühle mich nicht als Migrant. Viele von unseren Sportlern sind hier geboren, nur ihr Name klingt vielleicht fremd. Migrationshintergrund - die Leute fühlen sich dann in eine Ecke geschoben.

Wieviel Sozialarbeit leistet dieser Sportverein?
Acharki: Sehr viel. Das ist Brennpunkt hier am Pennenfeldstadion. Die Eltern treffen sich, ob mit oder ohne Kopftuch, ob Schwarz oder Weiß. Hier kommt viel zusammen. Das ist gelebte Integration. Früher konnten wir Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe, Deutsch-Kurse, Frühstück für Frauen und alles mögliche andere anbieten. Aber mittlerweile mussten wir reduzieren.

Warum?
Acharki: Weil hier alles über Ehrenamt und 400-Euro-Basis läuft. Wir bräuchten eine Vollzeitstelle. Als damals das Konzept mit der AWO ausformuliert war, wollte die EU mehr als 200 000 Euro geben. Das hätte auch eine Vollzeitstelle bedeutet. Aber dann hat die Stadt eine Frist für die Umbaugenehmigung unseres Vereinsgebäudes verstreichen lassen - und das Geld war weg.

Was tut die Stadt für den OTC?
Acharki: Unsere Halle ist städtisch. Aber der Anbau, wo unsere Geschäftststelle untergebracht ist, ist mit ganz viel Eigenleistung renoviert worden. Das war alles ziemlich verfallen, ehe wir eingezogen sind. Da kommt nicht viel von der Stadt Bonn. Im Juli haben wir jetzt nochmal ein Gespräch, um vielleicht doch eine Vollzeitstelle zu bekommen. Nur mit Ehrenamt können wir das hier nicht mehr lange machen. Bonn muss begreifen, dass Integration nicht nur punktuell gefördert werden darf. 2000 Euro hier, 1000 Euro da, dann ein Fest, um in die Presse zu kommen. In unserem Sportverein wird Integration täglich praktiziert. Wenn ich vergleiche, was andere Institutionen bekommen, fühlen wir uns im Stich gelassen.

Zur Person

Aziz Acharki, geboren 1972 in Nador ( Marokko), ist seit 1. Januar 2013 Taekwondo-Bundestrainer der Herren. Er war 1995 Weltmeister in Manila, zweifacher Militär-Weltmeister und 2000 in Sydney Olympiateilnehmer für Deutschland. Acharki ist verheiratet, hat zwei Söhne und zwei Töchter. Vor 13 Jahren gründete er den OTC Bonn.

OTC Bonn

Der im Jahr 2000 gegründete Olympic Taekwondo Club Bonn hat seinen Sitz unmittelbar neben dem Pennenfeldstadion. Leistungssport wird ebenso gefördert wie Breitensport. Die mehr als 200 Mitglieder kommen aus 25 Nationen. "Jugendarbeit" und "internationale Begegnung" sind als Vereinszwecke in der Satzung verankert. Vorsitzender ist Aziz Acharki.