Reiten

Ein Weltklassereiter auf dem Rodderberg

Dream-Team: Reitstallchef Karl Schneider (links), Eigentümer der Stute Mary Lou, und der schwedische Profireiter Henrik von Eckermann. Ende des Monats steht der Start beim Weltcup-Finale in den USA an.

Dream-Team: Reitstallchef Karl Schneider (links), Eigentümer der Stute Mary Lou, und der schwedische Profireiter Henrik von Eckermann. Ende des Monats steht der Start beim Weltcup-Finale in den USA an.

Bonn. Der Schwede Henrik von Eckermann, der sich in Wachtberg-Niederbachem selbstständig gemacht hat, gewinnt mit Mary Lou das Weltcup-Springen in Göteborg und reist zum Finale in die USA.

Der Mann ist Profi. Durch und durch. Wer denkt, Henrik von Eckermann (35) habe erst einmal Pause gemacht und seinen Sieg beim 5-Sterne-Weltcupspringen in Göteborg kräftig gefeiert, irrt gewaltig. An diesem Vormittag hat er schon vier Pferde geritten. Jetzt steht der schwedische Springreiter, der seit September 2016 auf dem Rodderberg zu Hause ist, in Business-Kleidung im Stall von Karl Schneider. Dort in Wachtberg-Niederbachem hat sich der Profireiter selbstständig gemacht.

14 Jahre lang, bis 2016, war er als angestellter Bereiter im Stall von Springsport-Legende Ludger Beerbaum vor allem für junge Pferde zuständig. Auf dem Rodderberg nennt er einen Stalltrakt sein Eigen, dort stehen derzeit zwölf Pferde, unter anderem. von schwedischen und mexikanischen Eigentümern, aber auch von Paul Schockemöhle. Der Schwede, der sich auch im eigenen Fitness-Raum seiner Wohnung in Bad Godesberg fit hält, ist auf dem Weg zum Flieger nach Doha, der Hauptstadt von Katar. Dort startet er schon am nächsten Tag in einem 5*-Springen.

Die angestrebte Kooperation mit Karl Schneider, der viele Wochen im Jahr als Trainer in der Welt unterwegs ist, geht voll auf. „Ich habe keine Zeit, meine guten Pferde ausreichend zu fördern“, erklärt Schneider, „aber Pferde mit viel Qualität brauchen regelmäßig einen guten Reiter, um erfolgreich zu werden.“

Zum Beispiel Mary Lou: Die elfjährige westfälische Stute war Schneider schon Anfang 2016 in Münster positiv aufgefallen. „Sie ist extrem vorsichtig, dabei leistungsbereit und sehr motiviert.“ Die kann noch viel mehr, war sich Schneider schnell sicher. Wenig später ging sie in seinen Besitz über, und beim Meckenheimer Jubiläums-Turnier wurde Schneider mit der Stute Dritter im Großen Preis.

Von Eckermann probierte die Stute bei einem Besuch auf dem Rodderberg aus und fand Gefallen an ihr: „Die fühlte sich sofort gut an“, erinnert er sich und empfahl Schneider, das Pferd nicht zu verkaufen. So wurden die beiden ein prima Team, wie sich beim Stechen im Hexenkessel von Göteborg zeigte: Mary Lou, das Sensibelchen, das unruhig wird, wenn die Boxentür geschlossen ist, und sich erst beruhigt, wenn es freien Blick in die Stallgasse hat, zeigte, was Coolness ist. „Die Schweden in der Halle tobten wie bei einem Konzert von Justin Bieber, als ihr Landsmann ins Stechen ritt“, erzählt Schneider. Mary Lou ließ sich nicht irritieren, sondern machte mit großer Konzentration ihren Job „wie eine Maschine“. Ohne Abwurf und vor allem schnell kamen die beiden ins Ziel. Als beim letzten Starter – immerhin Frankreichs Speed-Ass Simon Delestre – eine Stange in den Sand fiel, kannten die Zuschauer kein Halten. Ein sehr emotionaler (Heim-)Sieg für den Mann aus Nyköping war perfekt. „Ein Ausnahmepferd“, sagt er. Das Gefühl nach dem Sieg sei mit Worten nicht zu beschreiben und mit Geld nicht zu kaufen, erinnert er sich mit einem Strahlen. Von Eckermann ist froh, dass Schneider die Stute trotz etlicher Anfragen in diesem Jahr nicht verkaufen wird.

Und so profitieren beide von der Situation: Schneiders Pferde können sich auf internationalen Plattformen präsentieren, und der Schwede hat eine neue Stufe der Selbstständigkeit erklommen und mit Schneider einen kompetenten Mann an seiner Seite.

Und zudem ein Top-Team hinter sich, das ihm den Rücken freihält. Schneiders Partnerin Alexandra Spenlenhauer kümmert sich um den bürokratischen Teil und bucht unter anderem den Flug, der für ein Pferd von Lüttich nach Doha übrigens stattliche 5000 Euro kostet. Und dann sind da noch die beiden jungen Frauen, die Finnin Tiia und die Schwedin Isabella, sowie eine Praktikantin, die sich zu Hause und auf Reisen um die sensiblen Vierbeiner kümmern. Von Eckermann: „Die Mädels arbeiten sehr hart, und die tollen Ergebnisse in Göteborg habe ich auch ihnen zu verdanken.“

Während Isabella mit in Schweden war und Mary Lou sowie Little Lord und Lucky Silvana, mit denen von Eckermann weitere erste, zweite und dritte Plätze einheimste, via Lkw nach Hause chauffierte, flog Tiia mit Yayamila und Chacanno aus dem Besitz von Paul Schockemöhle nach Katar.

„Showjumping isn't a job, it's a lifestyle“ (Springreiten ist kein Job, sondern ein Lebensstil) ist das Motto des Schweden, der auch im schwedischen Nationalkader reitet. Bei zahlreichen seiner größten Erfolge saß von Eckermann im Sattel von Beerbaums einstigem Spitzenpferd Gotha.

Zurück in die Zukunft: Nach Doha stehen Turniere in Dänemark und mit Mary Lou in Paris an, bevor es zum Weltcup-Finale über den großen Teich nach Omaha geht. Wie sieht der Schwede seine Titel-Chancen dort? „Nein, in diesem Jahr wird’s nichts damit“, orakelt er. „Mary Lou muss erst noch mehr Erfahrungen sammeln.“