Erinnerung an Bonner Adolf Heuser

Der vergessene Boxer aus Buschdorf

Bonn. Adolf Heuser holte den Europameistertitel im Schwer- sowie im Halbschwergewicht und wurde vor genau 75 Jahren deutscher Meister. Wir blicken zurück und erinnern an die tragische Geschichte des Bonner Boxers.

Max Schmeling ist Deutschlands bester Boxer aller Zeiten gewesen. Ein Idol, verehrt selbst in den USA, wo er 1930 in New York durch einen Disqualifikationssieg über Jack Sharkey Weltmeister aller Klassen wurde. Zur Box-Legende aber machte ihn sein Kampf sechs Jahre später gegen Joe Louis, den Mann, der im Schwergewichtsboxen als unschlagbar galt und den der Hamburger mit einer knallharten Rechten in der zwölften Runde auf die Bretter schickte. Der einzige kleine Makel an dieser Sensation: Es war kein Kampf um die Weltmeisterschaft. Louis revanchierte sich zwei Jahre später, als er Schmeling im Duell um die WM-Krone in New York in der ersten Runde ausknockte.

Schmeling war bis zu seinem Tod im Jahr 2005 Deutschlands beliebtester Sportler. Ein anderer, der in den 30er Jahren hierzulande, aber auch in den USA wegen seines draufgängerischen Stils ebenfalls zum Publikumsmagneten wurde, ist dagegen in Vergessenheit geraten. Der Bonner Adolf Heuser, Kampfname „Bulldogge vom Rhein.“

Der Europameister im Schwergewicht und Halbschwergewicht gewann am 1. Februar 1942, vor genau 75 Jahren, seinen letzten großen Titel, die deutsche Meisterschaft im Schwergewicht. Heusers Box-Karriere ist ebenso faszinierend wie tragisch. Ein Junge aus Buschdorf, der sich aus einfachen Verhältnissen hochboxt, die größten Hallen füllt, viel Geld verdient, durch den Krieg alles verliert und in der Psychiatrie stirbt.

Eine Verteidigungsstrategie existierte nicht

Einen Beruf hatte Adolf Heuser nicht erlernt. 1907 als eines von 17 Kindern eines Maurers geboren, verdiente er sich als Knecht auf den Höfen des Bonner Vorortes Buschdorf ein paar Mark. Nach der Arbeit marschierte er kilometerweit zu Fuß in die Stadt, um beim Bonner Boxclub zu trainieren. Dort hatte das Kraftpaket bei seinem ersten Training gleich den Sandsack aus der Verankerung geschlagen. Man schrieb das Jahr 1926 – und niemand ahnte, dass dieser 19-jährige scheue und etwas linkische Junge Boxgeschichte schreiben sollte.

Denn für die schweren Klassen war er mit 1,73 m Körpergröße eigentlich zu klein. Doch Heuser besaß eine Eigenschaft, mit der er seine geringe Reichweite kompensierte. Ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit suchte er permanent den Nahkampf und bearbeitete den Kontrahenten mit einem Trommelfeuer an Schlägen. Wer gegen Heuser antrat, musste damit rechnen, dass er anschließend medizinische Hilfe benötigte. Und auch das Gesicht des Siegers sah in aller Regel malträtiert aus wie nach einem schweren Unfall. Der Draufgänger kannte nur eine Richtung – vorwärts. Eine Verteidigungsstrategie existierte in seiner boxerischen DNA nicht.

Adolf Heuser mach einem seiner vielen Blick-K.o.-Siege.

Adolf Heuser mach einem seiner vielen Blick-K.o.-Siege.

 

Sieg gegen den Europameister

1927 wird Heuser mit einem Schlag einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Beim Länderkampf zwischen Westdeutschland und Dänemark steigt der Bonner, der erst seit einem Jahr boxt, als Ersatzmann gegen Europameister Thyge Petersen in den Ring. Man hatte ihn direkt vom Pflügen geholt. Ein ungleicher Kampf – in Runde fünf geht der Däne zu Boden. Es ist der Beginn einer steilen Karriere.

Heuser wird zwei Jahre später Profi, vor seinen hämmernden Fäusten kapitulieren die besten europäischen Boxer: Karel Sys, Arno Kölblin, Walter Neusel, Adolf Witt. Ohne Pause steigt Heuser in den Ring. Auch in den USA, dem lukrativsten Markt für Boxer, wird man auf die Kampfmaschine aufmerksam. Der Bonner erhält 1931 eine Einladung in die Staaten. Von Bremerhaven geht's mit dem Schiff nach New York, auf der Reise feiert er seinen 24. Geburtstag. Innerhalb von nur 15 Monaten absolviert Heuser in New York, Boston und Chicago 14 Kämpfe, von denen er 13 gewinnt – und mit jedem Fight steigt seine Popularität. Zwischendurch knockt er in Valencia Europameister Martinez de Alfara aus und krönt sich zum europäischen Champion.

Weltmeister Maxie Rosenbloom weigert sich lange, gegen diesen Deutschen, der im Ring mit der Urgewalt einer Abrissbirne wütet, anzutreten. Erst im März 1933 kommt es zum WM-Kampf. Später behaupten manche, das Zögern sei ein cleverer Schachzug des Champions gewesen. Denn Heuser ist ausgelaugt von den vielen Kämpfen in kurzer Zeit, ausgerechnet seinen wichtigsten verliert er vor 15 000 Zuschauern im Madison Square Garden nach Punkten. Er selbst sagt, er habe keine Kraft mehr gehabt. Um 70 000 Dollar reicher und von schweren Gesichtsverletzungen gezeichnet, tritt Heuser die Rückreise an.

Selbst gegen Max Schmeling (rechts) boxte Adolf Heuser. Doch er ging nach 71 Sekunden k.o.

Selbst gegen Max Schmeling (rechts) boxte Adolf Heuser. Doch er ging nach 71 Sekunden k.o.

 

Nur 22 Niederlagen in 127 Kämpfen

Die Wunden, seelisch und körperlich, verheilen schnell. Der Bonner boxt wie im Stakkato, insgesamt steht er 127 Mal im Ring, nur 22 Kämpfe verliert er. 1937 wird er erstmals Deutscher Meister, der 25. März 1938 markiert seinen Karrierehöhepunkt: Belgiens eleganter Techniker Gustave Roth muss nach sieben furchtbaren Runden gegen Heuser in Berlin kampfunfähig aus dem Ring geführt werden. Der Bonner ist auf einen Schlag Europameister und Weltmeister im Halbschwergewicht. Seine Titelsammlung krönt er ein Jahr später mit dem Gewinn der Europameisterschaft im Schwergewicht gegen den Wiener Heinz Lazek.

Heuser ist nun neben Schmeling Deutschlands bester Boxer – was liegt näher, als ein Duell? 80 000 Zuschauer sind am 2. Juli 1939 in Stuttgart Zeuge, als Schmeling zum ersten Mal nach seiner Niederlage gegen Joe Louis wieder in den Ring steigt. Es geht um die Europameisterschaft. Adolf Heuser hat diesem Kampf gegen sein Idol Jahre entgegengefiebert. Auf den Beinen hält es ihn genau 71 Sekunden. Dann geht der Bonner, schwer getroffen von einer Rechten Schmelings, zu Boden, verliert das Bewusstsein, wird minutenlang ärztlich behandelt. Seine Frau stürzt in den Ring, wirft sich weinend über ihn – es ist der dramatische Wendepunkt in seiner Karriere.

Schwere Schicksalsschläge innerhalb weniger Tage

Heuser hat seinen Punch verloren, schlimmer noch, es machen sich erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung bemerkbar. Noch einmal wird er Deutscher Meister, am 1. Februar 1942 gegen Walter Neusel in Berlin, dann ereilen ihn innerhalb weniger Jahre schwere Schicksalsschläge. Eine Fliegerbombe zerstört sein Haus in Weiß bei Köln, ein Grundstück in Berlin geht durch die deutsche Teilung verloren, sein Erspartes ist nach dem Krieg nichts mehr wert, er leidet an Depressionen. Heuser tut das einzige, was er kann: Er boxt weiter. Für 200 Mark trägt er seine Haut zu Markte, nimmt verheerende Treffer, die irreparable Schäden verursachen.

1949 begibt sich der Mann, der jahrelang das Halbschwergewichtsboxen in Deutschland und Europa dominierte, mittellos in die Obhut der Ärzte im Bonner Landeskrankenhaus. Freunde aus der Bonner Boxszene unterstützen ihn bis zu seinem Tod am 19. November 1988. Auch ein großer Box-Kollege hat ihn nie vergessen. Jedes Jahr zum Geburtstag kam ein Scheck aus Hamburg. Der Absender: Max Schmeling.