Multitasking für Fortgeschrittene

Das G-A-Team testet Rollstuhltennis

Windhagen. Für GA-Mitarbeiterin Britta Röös geht der Sportartentest in die zweite Runde. Für das G-A-Team hat sie den Rollitennis e.V. in Windhagen besucht, den bundesweit einzigen Verein für Rollstuhltennis.

Zusammengekauert sitze ich in dem Sportrollstuhl – ein für mich völlig neues Sportgerät. Der Trainer schiebt mich an und lässt mich dann mit einem letzten Schwung los. Ich rolle schnell – und rückwärts. „Jetzt”, ruft er mir zu. Ich richte mich auf. Absolut unerwartet drehe ich zwei Pirouetten. Wenn ich für das G-A-Team Ballett hätte ausprobieren sollen, würde ich mich als Naturtalent bezeichnen. Doch beim Rollitennis ist das nur eine kleine Vertrauensübung zwischen Spieler und dem Sportgerät. Jetzt bin ich überzeugt, dass auch Tollpatsche wie ich, nicht so leicht aus den Rädern kippen.

Im Sportpark Windhagen darf ich bei dem bundesweit einzigen Verein für Rollstuhltennis mittrainieren. Normalerweise bin ich beim GA in der Online-Abteilung. Nun tausche ich für unser G-A-Team Redaktionssessel gegen Rollstuhl und Tastatur gegen Tennisschläger. Die benötigte Ausrüstung bekomme ich von Trainer Jürgen Kugler. Ein passender Stuhl ist schnell gefunden, und so rolle ich in die Tennishalle ein.

Damit ich nicht mit meinen zarten Klavierspielerfingern zwischen die Speichen der beiden großen Räder gerate, bekomme ich zunächst eine praktische Einführung: Daumen und Zeigefinger leicht strecken, die restlichen Finger einrollen. Dann möglichst weit hinten den Rahmen vor dem Reifen greifen und mit den beiden gestreckten Fingern anschieben. Ich fühle mich wie eine Krabbe mit zwei Scherenhänden. Entgegen meiner Erwartungen schaffe ich es auf Anhieb ganz gut, mit dem Rolli zu fahren. Erstaunlich, wie schnell sich der Kopf daran gewöhnt, mit den Armen die Fortbewegung zu übernehmen. Der erste Teil des Sports klappt also schon mal.

Alle auf einer Augenhöhe

Doch dann kommt der für mich viel schwierigere Part: das Tennisspielen. Die beiden Schwestern Hannah (6) und Lara (8) sind auch zum ersten Mal beim Training. Gemeinsam rollen wir drei auf eins der beiden Felder – Kugler läuft neben uns her. Wir üben, wie man einen Ball schlägt, ohne dabei ins Leere oder den Rahmen des Rollstuhls zu treffen. Wie ich schnell herausfinde, ertönt in letzterem Fall ein lautes Klirren, das alle darauf hinweist, dass ich definitiv ein blutiger Anfänger bin.

Wenn Kugler uns die Spieltechnik erklärt, dann spricht er im wahrsten Sinne des Wortes nicht von oben herab, sondern kniet sich hin. Denn beim Rollisport sind alle auf einer Augenhöhe: die beiden jungen Mädchen, ich und auch die drei fortgeschrittenen Spieler auf dem anderen Feld. „Jeder kann mitmachen. Unsere ältesten Spieler sind 57 und 73 Jahre alt”, erzählt Kugler. „Bei uns sagt keiner: Du bist zu alt“, so der Trainer.

Rollitennis ist ein gemischtgeschlechtlicher Sport und in Deutschland hauptsächlich im Verband organisiert. Zum Training in Windhagen kommen Spieler von weit her – sogar von der niederländischen Grenze. „Auch wir Trainer spielen ein Mal pro Woche im Rollstuhl”, erklärt der 64-Jährige aus Bad Honnef weiter. Früher war er Fotojournalist und „Fußgänger-Tennisspieler”. Als bei einem seiner Turniere Rollifahrer für den Behindertensport demonstrierten, entschied sich Kugler, beruflich auf Rehasport umzuschulen. Seit sieben Jahren leitet er nun das Rollitennistraining.

Nur auf den Schwung kommt es an

„Wenn manche zum ersten Mal bei uns sind, dann geht es häufig darum, ihnen erst mal die Hemmungen zu nehmen und zu zeigen, dass sie trotz einer Behinderung Sport machen können”, sagt Kugler. „Es geht alles, nur anders.”

So leidenschaftlich, wie er von seinem Verein erzählt, ist er auch beim Training und steckt mich mit seiner Begeisterung gleich an. Doch die Fähigkeit, Tennis zu spielen, springt leider nicht mit über: Ich schlage – oder besser gesagt haue – einen Ball nach dem anderen ins Netz, gegen die Deckenlampe oder die Hallenrückwand. „Zu viel Kraft, nutze nur den Schwung”, weist mich Kugler an. Ich ärgere mich über mich selbst, als es wieder und wieder nicht klappt. Doch irgendwann habe ich den Schlag raus. Zumindest drei Spielzüge lang.

Es ist aber auch wirklich nicht leicht, gleichzeitig den Rollstuhl zu kontrollieren, den Ball im Auge zu behalten, den richtigen Moment nach dessen Aufprall auf dem Boden abzuwarten und ihn dann noch vernünftig zu treffen. Das ist Multitasking für Fortgeschrittene. Auch beim nächsten Mal schlage ich den Ball viel zu unkontrolliert, und er saust nur knapp an Kuglers Kopf vorbei. „Immer noch zu viel Kraft”, ruft er mir zu und lacht. Nach den Trockenübungen im Stehen soll ich nun auf den Ball zufahren und ihn flach übers Netz schlagen. Erstaunlicherweise klappt das viel besser.

Kraftlos zum Erfolg

Das Geheimnis meines plötzlichen Erfolgs: Nachdem ich mich etwa vier Meter zum Ball hin geschoben habe, ist keine Kraft in den Armen mehr übrig, die ich in den Schlag investieren könnte. Für ein richtiges Spiel würde mein derzeitiges Können allerdings definitiv nicht reichen. Wie ich herausfinde, nicht einmal für die geplante Abschlussaufgabe: Eigentlich sollte ich das Bronzeabzeichen im Rollstuhltennis machen. Doch daraus wird nichts. Kugler begründet die spontane Änderung mit Zeitmangel und erspart mir freundlicherweise ein klägliches Scheitern.

Doch auch die neue, abschließende Aufgabe hat es in sich: Ich soll mit drei von zehn Bällen in ein rundes Zielnetz treffen. Ein paar Probeschläge gewährt mir der Trainer. Als ich wieder und wieder nicht treffe, fängt er an zu lachen und sagt: „Dabei ist das Netz doch so groß.” Ja, denke ich – ein bisschen über mich selbst verärgert – und der Ball so klein.

Dann beginnt meine Prüfung. Ich sammle all meine Gedanken, konzentriere mich nur auf meine Aufgabe und versetze mich in einen Zen-artigen Zustand. So versenke ich schließlich fünf Bälle im Netz. Als ich jubelnd meine Arme in die Höhe reiße, merke ich schon die Anfänge eines Muskelkaters.