Bonner Fechterin Wessel gewann Gold in Los Angeles

Seit 1971 nonstop in Nationalmannschaft - Wechselbad der Gefühle - Amtierende Senioren- Europameisterin

Bonn. Ein gepflegter, wilder und bunt-blühender Vorgarten verschönt den Eingang des Reihenhauses in Sankt Augustin. Im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer befinden sich Blockflöten in allen Größen. Nur nach den unzähligen Goldmedaillen muss man suchen. "Die sind im Schrank", sagt Ute Wessel. Es muss ein großer Schrank sein, denn die 55-Jährige ficht schon seit ihrem zehnten Lebensjahr, hat Dutzende Medaillen gewonnen.

Vor wenigen Wochen erst kam die Diplom-Sportlehrerin von den Europäischen Senioren-Meisterschaften in Ciudad Real mit Gold (Einzel) und Silber (Mannschaft) nach Hause. "Ich kann einfach nicht aufhören", erklärt die leidenschaftliche Florettfechterin vom OFC Bonn. Dabei hat Ute Wessel schon das Höchste erreicht, was ein Sportler erreichen kann: Eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen - 1984 in Los Angeles. Außerdem war sie 1976 in Montreal dabei und 1980 für Moskau nominiert.

An ihre erste Olympiateilnahme kann sie sich noch lebhaft erinnern: "Da ich ab 1971 nonstop in der Nationalmannschaft war, hatte ich einige internationale Erfahrung. Aber was 1976 in Montreal los war, so etwas hatte ich bis dahin nicht erlebt", erzählt sie und schaut ernst. "Das war die Blütezeit des Dopings. Die tiefen Stimmen der gedopten Frauen waren erschreckend und traurig zugleich." Dennoch hätte es auch schöne Momente gegeben: "Trotz intensiver Sicherheitsvorkehrungen waren es unglaublich fröhliche Spiele. Das Flair im Olympischen Dorf - unbeschreiblich." Die Spiele blieben ihr in schöner Erinnerung, denn sie wurde mit der Mannschaft Vierte.

Zu gern wäre sie auch vier Jahre später nach Moskau gefahren. Doch trotz Nominierung kam es zu keiner Teilnahme. Denn die Spiele wurden auch von Deutschland boykottiert. Aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan. "Das war sehr schade, schließlich war ich optimal vorbereitet." Trotz Enttäuschung focht sie weiter und flog 1984 in die USA. "Die schönste Erinnerung ist für mich der Gewinn der Goldmedaille in Los Angeles. Wir kämpften im Finale gegen die starken Rumäninnen", erzählt Wessel. "Doch wir kannten die einzelnen Fechter gut, auch ihre Schwächen. Das half uns."

Ein Wechselbad der Gefühle, auch wenn Wessel nur auf der Ersatzbank saß. Während ihr Mann Albrecht zuhause die 2-jährige Tochter Eva hütete, gewann Ute Wessel mit der deutschen Florettmannschaft Gold. "Ein tolles Gefühl. Ich konnte es erst gar nicht fassen. Diese wunderschöne Goldmedaille hing um meinen Hals. Da war sogar ich sprachlos." Los Angeles war ein krönendes Finale für Wessels aktive Laufbahn. Nach den Spielen gab es noch eine Abschlussfahrt für alle Medaillengewinner samt Familien nach Kos (Griechenland).

"Ich sehe heute noch Paul Schockemöhle auf einem Esel reiten. Das war echt lustig." Aber auch, wenn Ute Wessel ihre sportliche Karriere erst mal beendete, so ist die Sportlehrerin dem Fechten treu geblieben: "Ich gehe immer noch jeden Donnerstag in die Fechthalle zum OFC." Doch sie hat auch andere Hobbys: "Wir lieben die Gartenarbeit. Ich bin für die Blumen zuständig, mein Mann schneidet die Büsche und Bäume. Und wir spielen gerne Flöte. Sopran, Alt, Tenor, Bass und Großbass." Es gibt keine Blockflöte, die die beiden Mitglieder des Sankt Augustiner Blockflötenorchesters nicht spielen können.

"Wir kennen uns seit 42 Jahren. Vom Fechten", erzählt sie. Und seit Grenoble 1974 sind wir ein Paar. Albrecht Wessel, auch ein erfolgreicher Fechter, hat unter anderem 1977 in Buenos Aires mit der Florettmannschaft Gold erfochten. "Ich finde zwar Fechten immer noch toll, aber die Seniorenwettkämpfe sind mir zu verbissen", neckt er sie. Trotzdem begleitet er seine Frau zu den Wettkämpfen. "Wenn in den Herbstferien die Weltmeisterschaften in Limoges stattfinden, verbinden wir das mit einer Tour durch Frankreichs Hinterland." Denn die Wessels lieben nicht nur das Fechten. Auch duftender Lavendel, französische Küche und ein guter Rotwein mache das Leben noch viel schöner.

Der General-Anzeiger stellt in einer Serie ehemalige Bonner Olympia-Teilnehmer vor. Bisher sind erschienen:

Jürgen und Gudrun Theuerkauff "Wenn Olympia Familiensache ist"

Klaus Reichert "Ich dachte, die spielen die falsche Hymne"

Valerie Viehoff "Heimlich in die Eisdiele"

Aziz Acharki "Plötzlich stand Muhammad Ali vor mir"

Jürgen Nolte "Wie ein Musketier"

Peter Nettekoven "Erst Sportler, dann Trainer und heute Tourist"

Rüdiger Hänel "Im Finale von Wolke sieben gestürzt"

Klaus Steinbach Einmal Olympia, immer Olympia