Am Kanzlertisch herrscht eine gelöste Stimmung

Bundespräsident Johannes Rau zeichnet auf dem Petersberg Medaillengewinner der Olympischen Spiele und der Paralympics 2000 aus

Bonn. Am Kanzlertisch herrschte gelöste Stimmung. Als Jens Lehmann, Olympiasieger in der 4 000-m-Mannschaftsverfolgung der Bahnradfahrer, Gerhard Schröder im Bankettsaal des Petersberges sein "Silbernes Lorbeerblatt" aus der Nähe präsentieren wollte, fiel das gute Stück prompt aus der Schatulle. Mit einem breiten Lachen fingerte der Regierungs-Chef die Brosche unter dem Tisch hervor. Spätestens jetzt war das Eis gebrochen - es konnte getafelt werden.

Locker war''''s auch zuvor beim Festakt in der Rotunde des Gästehauses der Bundesregierung zugegangen, wo Bundespräsident Johannes Rau begleitet von einem stark erkälteten Schröder und Bundesinnenminister Otto Schily den Medaillengewinnern der Olympischen Spiele und der Paralympics 2000 von Sydney die höchste Auszeichnung im deutschen Sport überreichte. Das nur wenige Sekunden dauernde Statement Schröders ("Was soll ich noch sagen. Der Bundespräsident hat wie immer in allen Punkten Recht gehabt. Vielen Dank") quittierte der gebürtige Wuppertaler Rau jovial mit einem "eine starke Rede, fand ich" - und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Für Johannes Rau war die Verleihung des Lorbeerblattes an 204 Sportlerinnen und Sportler, darunter die beiden Bonnerinnen Monika Weber (OFC Bonn) und Valeri‚ Viehoff (Siegburger RV), eine Premiere. "Ihre Leistungen und ihr Kampfgeist haben uns mitgerissen, ich wäre gerne dabei gewesen", sagte Rau, der die Gelegenheit gleich für ein Plädoyer für den Behindertensport nutzte: "Der Sport kann den Behinderten Mut und Kraft geben, im Leben weiter zu kämpfen, deshalb verdienen diese Leistungen unsere Anerkennung." Paralympics-Medaillengewinner Gunther Belitz bezeichnete die Spiele als "Quantensprung" für die Paralympics: "Sie haben den Sportlern ihre eigene Identität gegeben. Wir waren keine bemitleidenswerten Gestalten, sondern Stars."

Zur Einstimmung flimmerten noch einmal Bilder von den Eröffnungsfeiern der Spiele über die Leinwand. Für viele Sportler auch Monate später ein bewegender Moment. "Es ist immer wieder ein Erlebnis, die Bilder zu sehen und die Musik zu hören. Da läuft mir jedesmal ein kalter Schauer über den Rücken", erklärte Säbelfechter Wiradech Kothny, für den die Hand des Bundespräsidenten indes "eine Hand wie jede andere auch" war. Der 21-jährige aus Koblenz machte sich im übrigen gleich nach dem Essen auf den Weg zum Weltcup-Turnier in Budapest, wo er heute schon wieder auf die Planche muss.

Johannes Rau erinnerte auch an den olympischen Gedanken und mahnte, sich über verpasste Erfolge nicht zu ärgern. "Ich halte es für falsch, einer nicht gewonnenen Medaille nachzutrauern, statt sich über eine gewonnene zu freuen", so der Bundespräsident, der zum Abschluss seiner Rede den Aktiven noch einen Satz des früheren britischen Premierministers Winston Churchill mit auf den Weg gab: "Wer sich auf Lorbeeren ausruht, trägt sie an der falschen Stelle."

In dieser Hinsicht braucht sich Rau allerdings keine Sorgen zu machen. Kerstin Kowalski, die im Doppel-Vierer Gold gewonnen hatte, dankte im Namen der Athleten: "Wir wissen, dass die Bundesregierung jede Mark auch im Sport nur einmal ausgeben kann. Die Spiele von Sydney waren für uns aber die größte Motivation auf dem Weg nach Athen 2004."