Erfahrungsbericht vom Bonn-Marathon

„Umkehren wäre jetzt blöd“

Bonn. Sieben Teilnehmer der GA-Aktion „Fit für den Marathon“ haben ihr erstes großes Etappenziel erreicht und meistern die Halbmarathondistanz. GA-Volontärin Sabrina Bauer schildert ihre Premiere über die 21 Kilometer. Beinahe wäre sie an sich selbst gescheitert.

Startnummer 58. Sie hat mir heute Glück gebracht – auch wenn Stunden vor dem Start noch alles ganz anders aussah.

8.40 Uhr: Laute Musik wummert aus den Boxen, als uns Trainer Thomas Eickmann vom Teamtreffen im Hotel Königshof zum Start am Belderberg bringt – natürlich joggenderweise. Vorbei an insgesamt 7000 Teilnehmern dürfen wir unsere Startplätze in der ersten Reihe einnehmen. Direkt neben den Profis. Meine Pulsuhr registriert die Aufregung – es ist ja auch meine Premiere über die Halbmarathondistanz.

Eigentlich wollte ich mit dem Ziel knapp unter zwei Stunden auf die Piste gehen. Aber diese magische Traummarke habe ich in der letzten Woche aufgeben müssen. Acht Tage vor dem Start zwang mich eine Entzündung am rechten Knie zu einer Trainingspause. Dank der Physiotherapie im Bonner Zentrum für Ambulante Rehabilitation, zusätzlicher Stabilisationsübungen sowie Faszientrainings in den eigenen vier Wänden war ich kurz vor dem Wettkampftag schmerzfrei. Bis eine leichte Erkältung meine Pläne scheinbar zunichte machen sollte. Drei Monate Vorbereitung – alles umsonst?

Am Tag X schnüre ich daher die Wettkampfschuhe mit einer strengen Vorgabe an mich selbst: Kein Tempolauf, locker angehen lassen und genau auf den Körper hören – denn die Gesundheit geht vor. Wenige Minuten vor dem Startschuss fühle ich mich fit. Die Aufregung steigt. „Wir müssen uns rechts halten“, rät Tomke Ebert. „Häng dich an uns dran, wir ziehen dich“, muntert mich Marie-Christine Kleiss auf.

Der Moderator zählt die Sekunden bis zum Start runter, dann das Signal. Ich merke, wie eine riesige Gruppe von Läufern an mir vorbeizieht, befolge Eberts Rat und bleibe auf der rechten Seite. Einige Läufer kämpfen um die vordersten Plätze, geraten ins Straucheln. Die ersten Kilometer über die Kennedybrücke nach Beuel fühlen sich entspannt an. Während mich Oliver Schwesig, Norbert Plenker und Marie-Christine Kleiss überholen und ihren Traum von der eigenen Bestmarke in Angriff nehmen, halte ich mein Tempo.

 

An jeder Verpflegungsstation nehme ich ein paar Schlucke gesüßten Tee – das war schon mein Erfolgsrezept beim Insellauf. Kurz vor dem ersten Wendepunkt stehen Familie und Freunde am Straßenrand und jubeln mir zu. So fällt der Rückweg bis zur Kennedybrücke gleich viel leichter. Aber sie sind nicht die Einzigen, die sich entlang der 21,0975 Kilometer langen Strecke versammelt haben. Einige Tausend Zuschauer stehen an der Strecke, viele von ihnen ausgestattet mit Boxen, Tröten und Plakaten. Kinder am Straßenrand strecken mir die Hand zum Abklatschen entgegen. Dazu schallt uns jede Menge musikalische Motivation vom Wegesrand entgegen: Von Karnevalsliedern über Technobeats und Sambarhythmen bis hin zu Dudelsackmusik – viele Bonner haben Lautsprecher in ihren Vorgärten platziert.

Als ich zum zweiten Mal die Kennedybrücke passiere, fällt mein Blick kurz auf das Rheinpanorama mit Drachenfels und Post Tower – der nächste Wendepunkt ist damit zumindest in Sichtweite. An mir läuft ein Mann vorbei. Barfuß. Zwischen Kilometer zwölf und 13 spüre ich die Entzündung am Knie – aber das Kinesiotape entlastet das Gelenk. Das Ziehen hört auf. Ich passiere die Ludwig-Erhard-Allee. Der Weg bis zum Wendepunkt scheint endlos – der für mich schlimmste Streckenabschnitt. Auf der Gegenspur laufen Schwesig, Kleiss und Ebert an mir vorbei. „Du schaffst das!“, ruft Kleiss mir zu. Als ich mich wenige Minuten später an eben dieser Stelle befinde, sehe ich Maxine Oltmans auf der Gegenspur und feuere sie an. „Bis Kilometer 15 muss es sich locker anfühlen“, fällt mir der Tipp von Maurice Mülder wieder ein. Kilometer 16, 17 und 18 fliegen vorbei. Einige Teilnehmer gehen jetzt.

 

„Umkehren wäre jetzt blöd“, steht auf einem Schild. Ich muss lachen und merke, dass ich den Lauf genießen kann. Auch über das Plakat „Papa, lauf schneller, wir haben Hunger!“ muss ich schmunzeln. Auf der Adenauerallee wird die Zuschauermenge am Rand dichter. Der Jubel wird lauter. Ab Kilometer 20 ein neues Gefühl: Meine Beine laufen wie von selbst, wie losgelöst vom Körper. Ich beschleunige und überhole einen Läufer nach dem anderen.

Auf den letzten 500 Metern stehen noch mal meine Mutter und meine Schwester – als Überraschungsmotivation. Der Zielleinlauf auf dem Marktplatz ist überwältigend. Im Ziel nehmen mich Schwesig, Bashir Mohamadi, und Lukas Kapp in Empfang. Marie-Christine Kleiss bekommt auf der Therapeutenliege die wohlverdiente Behandlung nach dem Lauf. Überglücklich hole ich meine Medaille ab. „Ich bin zufrieden, sehr sogar“, sagt Mohamadi. Er hat nach weniger als einer Stunde und 26 Minuten das Ziel erreicht. Auch Schwesig, Plenker und Kleiss erreichen ihre Traummarke. „Oliver und ich haben uns gut unterstützt.

 

Ich habe ihn gebremst und er hat mich gezogen“, so Kleiss. Ebert kam kurz nach ihnen ins Ziel. „Dein Zuruf hat mir sehr geholfen“, sagt mir Oltmans. Für sie war die Distanz ebenfalls Neuland. Alle haben das Etappenziel gemeistert. Zwei Stunden, 26 Minuten und drei Sekunden stehen auf meiner Uhr. Die Freude darüber lässt sich nicht messen.