Rhein-Sieg-Kreis

Tod eines Linienrichters beschäftigt die hiesigen Fußball-Schiedsrichter

RHEIN-SIEG-KREIS.  Reinhold Un-gar ist gerade mal 16. Genauso alt wie die Gewalttäter, die vor einigen Tagen in den Niederlanden einen Linienrichter bei einem B-Junioren-Spiel aus Wut über eine vermeintliche Fehlentscheidung zu Tode prügelten.
Ausblenden, so gut es eben geht, wollen die Linienrichterinnen Vanessa (links) und Alexandra Engels die Gewalttat.
							Foto: Holger Arndt
Ausblenden, so gut es eben geht, wollen die Linienrichterinnen Vanessa (links) und Alexandra Engels die Gewalttat. Foto: Holger Arndt

Reinhold Ungar könnte ebenfalls noch in der B-Jugend spielen. Doch der 16-Jährige hat sich entschieden, Schiedsrichter zu werden. Und er gilt als einer der besten Nachwuchsleute seiner Zunft. Trotz seiner erst 16 Lenze ist er sogar schon in der Landesliga als Assistent unterwegs. Die Tragödie in den Niederlanden hat ihn nachdenklich gemacht.

"Natürlich hast du so eine Sache jetzt im Hinterkopf. Du stellst dir automatisch die Frage, ob dir so etwas auch passieren könnte", sagt er. Schließlich hat er in jungen Jahren schon einige Erfahrungen hinter sich. Erfahrungen als Referee, was verbale Gewalt angeht; Erfahrungen als Schiri-Assistent, was körperliche Gewalt angeht.

"Es war bei einer Bezirksligapartie, als ein Spieler mich weggeschubst hat, weil er mit einer Entscheidung unzufrieden war", erinnert er sich. Seine Reaktion? "Ich bin einen Schritt nach hinten gegangen, habe eine abwehrende Handbewegung gemacht."

Die Zwillingsschwestern Vanessa und Alexandra Engels, beide 22 und bereits seit sechs Jahren vornehmlich als Schiedsrichterassistentinnen in der Bezirksliga unterwegs, zeigen sich ebenfalls entsetzt über den schrecklichen Vorfall.

"Wenn du so etwas hörst, bist du geschockt", sagt Alexandra. "Aber es wäre schlecht, immer wieder darüber nachzudenken. Du musst versuchen, es auszublenden, so gut es geht", meint Vanessa, die schon einmal Opfer heftiger verbaler Gewalt wurde. "Das war deftig. Du stehst da mit einem Kloß im Hals und versuchst, keine Schwäche zu zeigen", erzählt sie.

Ihr Hobby wollen sie dennoch ebenso wie Ungar nicht aufgeben. "Ich hänge halt an der Schiedsrichterei", erklärt der 16-Jährige.

Das ist freilich nicht bei allen so. "Gerade die Unparteiischen, die mit dem Pfeifen angefangen haben, überlegen sich jetzt, ob sie sich das weiter antun sollen", berichtet Günter Gertmann, der Vorsitzende des Kreisschiedsrichterausschusses. Ohnehin klagen die Referees über Nachwuchsmangel.

"An einen Zuwachs ist unter diesen Umständen nicht mehr zu denken", fürchtet Gertmann, der schon vor der Gewalttat in den Niederlanden ein waches Auge gerade auf die Altersstufe der B-Junioren geworfen hatte.

"Mir wird regelrecht bange. Da wächst offenbar eine Generation heran, die viele Aggressionen mitbringt. Das kann leicht aus dem Ruder laufen", meint der 65-Jährige und schließt sich dem holländischen Ex-Nationalspieler Frank de Boer an, der entsetzt die Frage gestellt hatte: "Wo ist die Erziehung geblieben?" Als Präventivmaßnahme schickt der Kreis-Schiedsrichterausschuss deshalb zu den B-Jugend-Partien nur noch erfahrene Senioren-Spielleiter.

Einer der erfahrensten ist Siegfried Reuss, inzwischen 70 Jahre alt. Er übt das Amt des Referees bereits seit 45 Jahren aus, pfiff selbst bis zur Verbandsliga. "Im Lauf der Zeit hat sich einiges geändert. Früher hast du sofort Ansprechpartner gehabt, egal in welcher Klasse", sinniert er.

"Früher hast du die Probleme auf dem Platz gehabt, heute wird vieles von außen hereingetragen und überträgt sich auf die Aktiven. Was du heute an Gewaltpotenzial vorfindest, hat es früher nicht gegeben."

Reuss nimmt die Vereine in die Pflicht. "Sie müssen sich intensiver bemühen, ihr Umfeld in den Griff zu bekommen. Ansonsten habe ich Angst, dass irgendwann auch bei uns mal etwas passiert."

Passiert ist ihm im Lauf der Jahre freilich auch einiges. Einmal wurde er sogar von einem Spieler geschlagen, nachdem er ihn vom Platz gestellt hatte. Dabei muss der 70-Jährige im Nachhinein sogar schmunzeln, wenn er an die Vorgeschichte der Roten Karte denkt. "Der Kerl hat damals eine junge Frau in einem weißen Kleid mit roter Asche beworfen - aus Verärgerung über ihre Kommentare am Spielfeldrand. Das Kleid war hin."

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