Olympischer Stichtag

Turin 2006: Sensation Hettich

Turin. Gleich zwei Mal Gold heißt die frühe Ausbeute der deutschen Starter bei den Olympischen Spielen. Vor allem das Edelmetall von Georg Hettich überrascht die Fachwelt. Im Medaillenspiegel wird es ein Start-Ziel-Sieg.

Die Olympischen Spiele von Turin haben kaum begonnen, da stehen am Nachmittag des ersten Wettkampftages schon zwei Goldmedaillen auf dem Konto der deutschen Mannschaft. Dabei ist die erste durch Michael Greis ein wenig überraschend und die zweite durch Georg Hettich eine echte Sensation. Was den Medaillenspiegel angeht, legen beide damit den Grundstein für den deutschen Start-Ziel-Sieg, denn am Ende der Spiele liegt das Team immer noch vorn – zum vorerst letzten Mal bei Winterspielen: 11 Gold-, 12 Silber- und 6 Bronzemedaillen stehen da zu Buche.

Biathlet Greis setzt sich über 20 Kilometer in der ersten Entscheidung der Spiele überhaupt vor dem norwegischen Favoriten Ole Einar Björndalen durch und bekennt hinterher: „Ein Kindheitstraum ist Wirklichkeit geworden.“ Doch der Traum endet für den 29-Jährigen aus Nesselwang noch lange nicht. Denn zehn Tage später führt er die deutsche Staffel zum Olympiasieg, und am Abschlusstag der Biathlon-Wettbewerbe gewinnt er das Massenstart-Rennen. Greis ist mit drei Goldenen der König der Biathleten.

Drei Medaillen kann auch Kombinierer Hettich mit nach Hause nehmen – von jedem Edelmetall eine: Bronze im Sprint, Silber in der Mannschaft und Gold in der traditionsreichsten Disziplin, dem Einzelwettbewerb aus zwei Sprüngen und einem 15-Kilometer-Langlauf. Wobei – und das ist die eigentliche Sensation – der 27-Jährige aus Schonach im Schwarzwald nie zuvor ein Weltcup-Rennen gewonnen hat. Ganz anders als die beiden Favoriten Hannu Manninen aus Finnland, der vor Olympia sieben Weltcups in Folge gewonnen hat, und Doppel-Weltmeister Ronny Ackermann.

Hettich gewinnt am Morgen auf der Schanze, muss zwar auf der Strecke den stärksten Läufer, den Österreicher Felix Gottwald, aufschließen lassen, hat aber so viele Körner gespart, dass er den von der Aufholjagd erschöpften Gottwald – er hat sich im Springen einen Laufrückstand von 1:52 Minuten eingehandelt – am letzten Anstieg abhängen kann. Natürlich wird der Sensations-Olympiasieger im Ziel von den Reportern nach seinen Gefühlen befragt. Seine Antwort geht in die Geschichte der olympischen Fernsehübertragungen ein: „Olympiasieger – ich dachte, das gibt es nur im Fernsehen, jetzt bin ich selber einer.“

Den entscheidenden Antrieb habe er daheim ausgerechnet von Georg Thoma erhalten, dem Olympiasieger von 1960, ebenfalls einem Schwarzwälder, sagt Hettich laut Copress-Olympiabuch. Thoma habe ihm gesagt: Ich habe ein gutes Gefühl, dass du als Olympiasieger zurückkommst. „Ich habe ihm nicht geglaubt, und jetzt ist es wahr, gespornt gefühlt“, so Hettich.

Viel Wettkampfglück hat dem Schonacher dieser Sieg allerdings nicht gebracht. Denn auch danach bleibt er ohne Weltcup-Sieg, hat viel mit Verletzungen zu kämpfen und beendet still und leise 2010 seine Karriere.