Olympischer Stichtag

Nagano 1998: Der Exot in der Loipe

Nagano. Als Philip Boit an diesem 12. Februar 1998 auf die Loipe geht, wird er von vielen belächelt. Nicht so vom König des Langlaufs, Björn Daehlie. Der wartet im Ziel auf den Kenianer - der Beginn einer engen Freundschaft.

Der Laufstil lässt nicht erahnen, ob er im klassischen Stil oder skatend ausgeführt wird. Der Kopf wackelt wild hin und her. Arme und Beine wollen nicht alternierend für die nötige Geschwindigkeit sorgen. Philip Boit stackst geradezu durch die Schnee-Landschaft von Hakuba. Mit einem Skilangläufer hat er optisch nicht viel gemein. An diesem 12. Februar 1998 schreibt er dennoch Olympische Geschichte.

Dem Kenianer wird der Leistungssport in die Wiege gelegt. Sein Onkel Mike Boilt hat bei Olympischen Spielen bereits eine Medaille gewonnen. Allerdings nicht bei Winterspielen. Boilt holt Bronze über die 800 Meter bei den Spielen in München. Auch Neffe Philip beginnt mit dem Laufen. Er hat den Traum, ebenfalls an Olympischen Spielen teilzunehmen. Seine Zeit auf der Mitteldistanz kann sich sehen lassen, doch ein Spitzenathlet wird er nicht werden. Sein Traum scheint zu platzen. Bis es ein amerikanischer Sportartikelhersteller doch noch möglich macht. Das Unternehmen Nike sucht einen Kenianer, der den Langlauf testen will – ein PR-Gag. Boit ist einverstanden. Er will an den Spielen in Nagano teilnehmen.

 

Doch seine Freude wird schon bei den ersten Versuchen im „Trainingslager“ in Finnland getrübt. Er verliert immer wieder das Gleichgewicht, kann die Balance nicht halten. Doch er gibt nicht auf und ist an diesem 12. Februar der erste Kenianer, der an Olympischen Winterspielen teilnimmt. Boit ist mit Abstand der langsamste Läufer, kommt über die zehn Kilometer 20 Minuten nach dem frisch gebackenen Olympiasieger Björn Daehlie als Letzter ins Ziel. Der Norweger ist von dem „Exoten“ jedoch so angetan, dass er auf ihn im Ziel wartet und dafür sogar zu spät zu seiner Siegerehrung kommt. Seit dem verbindet die beiden eine enge Freundschaft. Philip Boit benennt sogar seinen Sohn nach Daehlie. Der Kenianer nimmt noch an zwei weiteren Olympischen Spielen teil. 2002 wird er 64. im Sprint und lässt einige Kontrahenten hinter sich. Vier Jahre später darf er in Turin die Flagge tragen.

Philip Boit ist nicht der erste „Exot“ bei Olympischen Winterspielen. Eddie the Eagle alias Michael Edwards nahm an den Spielen 1988 in Calgary teil, ebenso wie das jamaikanische Bob-Team, das spätestens durch den Film „Cool Runnings“ zur Legende wurde.

Und auch bei diesen Spielen sind einige Außenseiter am Start. So hat sich eine nigerianische Mannschaft für die Frauen-Bob-Konkurrenz qualifiziert und mit Pita Taufatofua aus Tonga, bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro noch als Taekwondoka am Start, geht auch wieder ein exotischer Langläufer in die Loipe.