Olympischer Stichtag

Lillehammer 1994: Seifenoper auf dem Eis

Lillehammer. Das Duell der beiden Eisläuferinnen Tonya Harding und Nancy Kerrigan lockt 1994 Millionen US-Amerikaner vor die Fernsehgeräte. Doch es ist nicht der sportliche Wettkampf, der die Zuschauer interessiert - es ist ein Attentat.

In einem schwarzen schicken Kleid steht sie da auf den roten Teppichen der Film-Welt und promotet den Kinofilm „I, Tonya“, eine Komödie über die wohl größte Seifenoper der Olympischen Geschichte. Neben der US-Schauspielerin Margot Robbie wirkt sie, als wäre sie selbst Teil der Glamour-Welt. Doch mit Glamour hat das Leben der Tonya Harding nicht viel zu tun. Auch nicht an jenem 25. Februar 1994. Bei den Olympischen Spielen in Lillehammer will sie Olympisches Gold im Eiskunstlauf gewinnen. Harding gilt nicht als grazil, als Künsterlin auf dem Eis. Nein, sie ist athletisch, hat eine enorme Sprungkraft. 1987 steht sie als erste Frau den dreifachen Axel und tritt damit erstmals ins Rampenlicht. 1994 bei den Spielen in Lillehammer sind die Scheinwerfer ebenfalls auf sie gerichtet. Doch nach einer mäßigen Kür langt es nur für Rang acht. Die Enttäuschung ist riesig. Denn für die Olympische Medaille hat sie alles getan. Alles?

Harding hatte eine schwere Kindheit. Sie kommt aus der amerikanischen Unterschicht. Ihre Mutter habe sie misshandelt, ein Familienangehöriger habe sie missbraucht, heißt es. Ihr Zufluchtsort ist das Eis. Dort kann sie durchatmen, Luft holen. Und sie sammelt früh Erfolge. Sie wird 1991 US-Meisterin und gewinnt Silber bei der WM in München. 1992 startet sie in Albertville bei Olympischen Spielen. Nach der Kür belegt sie Platz Vier. Hinter Nancy Kerrigan, der 22-jährigen Schönheit, die so elegant über das Eis gleitet. In ihrem weißen Kleid, mit den pechschwarzen Haaren erinnert sie an Schneewittchen. Kerrigan erhält Sponsorenverträge, Harding näht abends die Show-Kostüme selbst. Das soll sich ändern. Und zwar mit Olympischem Edelmetall.

Doch bei den nationalen Meisterschaften 1993 reicht es für Harding nur noch zu Platz vier. Der Startplatz für die Spiele in Lillehammer ist in Gefahr. Beim Training vor der Olympia-Qualifikation in Detroit wird Kerrigan am 6. Januar 1994 Opfer eines Attentats. Die beiden Kleinkriminellen Shane Stant und Derrick Smith lauern der Eisläuferin in der Halle auf und verletzen sie vier Wochen vor den Spielen mit einer Eisenstange am Knie schwer. Bewegtbilder von der wimmernden Kerrigan gehen um die Welt.

Der Komplott fliegt schnell auf. Stant wurde von Hardings damaligem Mann und Manager Jeff Gillooly beauftragt und auch bezahlt. Er sollte Kerrigan ausschalten. Kerrigan verpasst tatsächlich die Olympia-Qualifikation. Die Medien stilisieren den Fall hoch. Erst recht, als Kerrigan vom US-Verband eine Startberechtigung für Lillehammer ausgestellt wird und Harding sich erfolgreich die Teilnahme an den Spielen erklagt. „Die Schöne und das Biest“ wird genauso geschrieben wie der Kampf zwischen „Eishexe gegen Eisfee.“ Jeder zweite Amerikaner sieht das Duell am Bildschirm. Doch Harding bleibt hinter ihren eigenen Erwartungen zurück. Kerrigan nicht. Sie läuft die Kür ihres Lebens und gewinnt Silber.

Nach den Spielen wird Harding lebenslang gesperrt. Der nationale Meistertitel von 1994 wird ihr aberkannt, obwohl sie jahrelang behauptet, von dem Vorfall nichts gewusst zu haben. „Nancy Kerrigan ist eine Prinzessin, und ich bleibe ein Haufen Scheiße“, soll Harding gesagt haben. Sie verkauft einen Amateur-Porno ihrer Hochzeitsnacht, versucht sich als Boxerin und Catcherin. Doch auch Kerrigan leidet unter den Folgen des Anschlags. Sie wird magersüchtig, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Heute fungiert sie ab und an als TV-Expertin. Den Kinofilm „I, Tonya“ will sie nicht ansehen. Im Gegensatz zu Harding. Sie genießt das Comeback, in ihrem schicken Kleid, auf dem roten Teppich – im Rampenlicht.