Olympischer Stichtag

Lillehammer 1994: Der Floh vom Fichtelberg

Lillehammer. Zehn Jahre nach seiner Goldmedaille von Sarajevo gewinnt Jens Weißflog erneut Gold. Allerdings nicht mehr für die DDR. Auch Kathi Witt tritt bei den Spielen 84 und 94 an.

Sie galt als das „schönste Gesicht des Sozialismus“, er war der „Floh vom Fichtelberg“. Gemeinsam war ihnen, dass sie in den 80er Jahren zu den beliebtesten Sportlern der DDR gehörten. Beide gewannen je einmal die entsprechende Leserumfrage der FDJ-Zeitung „Junge Welt“: Eiskunstlauf-Star Katharina Witt 1984 und der Skispringer Jens Weißflog ein Jahr später. Auch politisch engagierten sie sich als Volkskammerabgeordnete und wurden so zu sportlichen Aushängeschildern der Staats- und Parteiführung. Das brachte beiden in der Zeit der Wende viel Kritik ein.

Andererseits: Viele DDR-Stars schafften es nicht, ihre sportliche Popularität und ihren Ruhm aus der DDR-Zeit hinüber zu bringen in die wiedervereinigte Bundesrepublik. Katarina Witt und Jens Weißflog gelang das. Die zweifache Eiskunstlauf-Olympiasiegerin von 1984 und 1988 tourte mit Eis-Revuen durch die Lande, spielte in Filmen und Fernsehproduktionen mit und war Publikums-Liebling, während der Skispringer, ebenfalls Olympiasieger 1984, seine Laufbahn auf der Schanze fortsetzte und dort nicht mehr nur noch von Fans zwischen Rügen und Erzgebirge, sondern auch von jenen zwischen Schleswig-Holstein und Bayern angefeuert wurde. Auch bei den Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer.

Und die Voraussetzungen sind gut. Fünf Weltcupsiege hat er in diesem Winter schon gefeiert, nachdem er in den Jahren zuvor an seine erfolgreichen Jahre nicht mehr hatte anknüpfen können. Viele Verletzungen und auch die schwierige Umstellung vom Parallelsprungstil auf den V-Stil haben ihn zurückgeworfen. An diesem 20. Februar will er nun die Goldmedaille von der Großschanze holen. Und tatsächlich: Souverän gewinnt Weißflog vor dem Vierschanzentournee-Sieger Espen Bredesen und sagt nachher, er habe sich gewundert, „wie leicht ich hier springe“.

Zwei Tage später führt der inzwischen 29-Jährige die deutsche Mannschaft zur Überraschungs-Goldmedaille. Erstmals überhaupt gewinnt ein deutsches Team eine Medaille. Und das Geheimnis des Erfolgs? Skisportexperte Werner Kirchhofer schreibt, der aus Thüringen stammende Bundestrainer Reinhard Heß habe „in der Mannschaft die Ost-West-Probleme, die es in anderen Bereichen gab, gar nicht erst aufkommen lassen“, wie es in dem Buch „100 Jahre Olympische Spiele“ heißt. Weißflog ist der Leitwolf, an dem sich die drei Schwarzwälder Dieter Thoma, Christof Duffner und Hansjörg Jäkle orientieren.

Und Katharina Witt? Die 28-Jährige wagt in Lillehammer einen Comebackversuch, läuft aber nicht gut und wird Siebte. „Zum ersten Mal in meiner ganzen Karriere bin ich dem sportlichen Leistungsdruck nicht mehr gewachsen gewesen“, schreibt sie selbst auf ihrer Homepage, fügt aber hinzu, durch ihre Teilnahme sei sie im wiedervereinigten Deutschland angekommen.