Olympischer Stichtag

Grenoble 1968: Heiße Kufen im Schnee

Die Erwartungen an Anna-Maria Müller waren groß.

Die Erwartungen an Anna-Maria Müller waren groß.

Grenoble. Bei den Winterspielen in Grenoble ist die Erwartungshaltung in der DDR an die Rodler besonders groß. Die Erfolge lassen nicht lange auf sich warten. Doch sie werden von einem handfesten Skandal begleitet.

1968 in Grenoble nimmt die DDR zum ersten Mal als eigenständige Mannschaft an Olympischen Winterspielen teil – und als Diplomaten im Trainingsanzug sollen die Sportler zeigen, dass das sozialistische Deutschland mit modernen Methoden der Trainingslehre und technisch auf aktuellstem Stand sportlich erfolgreich sein kann. Dabei ist die Erwartungshaltung an die Rodler besonders groß. Und tatsächlich: Die Herren können diese im Einsitzer mit Silber und Bronze bestätigen. Und auch Ortrun Enderlein, Anna-Maria Müller und Angela Knösel liegen in der Damen-Konkurrenz vor dem entscheidenden dritten Lauf auf den Plätzen eins, zwei und vier.

Doch zum Doppelsieg kommt es nicht, denn nun tritt der polnische Rodel-Verbandspräsident und Juryvorsitzende Lucjan Swiderski auf den Plan. Angeblich sollen die Kufen der drei Sportlerinnen – was nach den Olympischen Spielen 1964 verboten worden war – vor dem Lauf angewärmt worden sein. Wie Sporthistoriker Volker Kluge im Olympiabuch „Vancouver 2010“ schreibt, hat Swiderski bei japanischen und DDR-Schlitten ein bisschen Schnee auf die Kufen geschnippt, dabei gesehen, dass dieser geschmolzen ist und per Handauflegen erkannt, dass sich die Kufentemperatur von anderen Schlitten unterscheidet. Er fordert die DDR-Sportlerinnen auf, die Schlitten in den Schnee zu legen, lässt sie nach dem Lauf, in dem diese wieder die besten Zeiten gefahren sind, aber dennoch disqualifizieren.

Für die DDR ist schnell klar: Die Drahtzieher dieser Disqualifikation sitzen in Bonn. Mannschaftsleiter Manfred Ewald, Jahrzehnte höchster Sportfunktionär seines Landes, spricht von „Kreisen der westdeutschen Führung“, die den Komplott ausgelöst hätten. Schließlich hätten neben der neuen Olympiasiegerin Erica Lechner aus Italien mit Christa Schmuck und Angelika Dünhaupt zwei Sportlerinnen aus der Bundesrepublik profitiert, die statt Fünfte und Sechste zu werden nun Silber und Bronze gewonnen haben.

War nun wirklich etwas dran an den Vorwürfen gegen die DDR-Sportlerinnen? Ganz klären wird sich das sicher nie lassen. Im Archiv des internationalen Rodelsportverbandes gibt es laut Kluge keine Unterlagen dazu und in 2006 aufgetauchten Stasi-Berichten sei davon die Rede gewesen, dass sich Swiderski „mit unentgeltlichen Urlaubsreisen in die Alpenländer aushalten ließ“. Klar ist aber auch, dass in der Zeit des Kalten Krieges ein solcher Skandal sowohl in West als auch in Ost gut in die geölte Propagandamaschinerie passte.