Olympischer Stichtag

Calgary 1988: Nykänen, das Maß aller Dinge

Calgary. Matty Nykänen ist im wahrsten Sinne des Wortes der Überflieger der Spiele 1988 in Calgary. Er gewinnt drei Goldmedaillen bei den Spielen. Nur privat will es bei dem Finnen nicht laufen.

Zwei Goldmedaillen hat Matti Nykänen schon gewonnen auf den windempfindlichen Schanzen von Calgary – und dabei die Konkurrenz geradezu deklassiert. Beim Springen von der Normalschanze sind es in zwei Durchgängen insgesamt siebeneinhalb Meter, die er zwischen sich und den Zweiten Pavel Ploc legt. Und auf der Großschanze hat er neun Meter Vorsprung auf den Norweger Erik Johnsen – geradezu Welten im Skispringen. Für den österreichischen Trainer Paul Ganzenhuber ist der 24-jährige Finne kein Springer mehr, sondern ein Flieger, der instinktiv mit Wind und Luft spiele, wie es in dem von ZDF-Reporter Dieter Kürten herausgegebenen Buch „Olympische Spiele 1988“ heißt.

Doch damit nicht genug. An diesem 24. Februar vor 30 Jahren zieht der überragende Nykänen seine finnische Mannschaft zum Sieg gegen die starken Jugoslawen. Er sei „mit der Leichtigkeit eines Indianerpfeils“ in die Tiefe gesegelt, kommentiert ein Journalist die Flüge Nykänens, wie in Kürtens Buch zu lesen ist. Dort ist auch bilanzierend zu lesen: „Calgary sah viele große Sieger, Athleten mit zwei oder mehr Medaillen, aber an seinen souveränen Triumph reichten alle anderen Leistungen doch nicht heran.“

Der schmächtige Finne ist Mitte und Ende der 80er Jahre das Maß aller Dinge im Skispringen. Gemessen an seinen 46 Weltcupsiegen – nur der Österreicher Gregor Schlierenzauer hat mehr –, seinen vier olympischen Goldmedaillen (nur der Schweizer Simon Ammann hat genauso viele) und seinen vier Weltcup-Gesamtsiegen (nur der Pole Adam Malysz hat ebenso viele) gilt Nykänen auch heute noch als einer der weltbesten Skispringer aller Zeiten, wenn nicht sogar der beste.

Doch im normalen Leben hat Nykänen mehr Probleme. Immer wieder fällt er durch Alkoholexzesse auf, auch durch Gewalttaten gegen Lebenspartnerinnen, er versucht sich als Popsänger und Stripper. Richtig wohl fühlt er sich nur auf den Schanzen. Immer wieder zieht es ihn dorthin – und er hat sogar Erfolg. Als 44-Jähriger wird er in seiner Altersklasse Veteranen-Weltmeister.