Olympia in Rio

Timo Boll will die Fahne weitergeben

Timo Boll tat sich bei seinem Sieg über den Russen Alexander Shibajew schwer.

Timo Boll tat sich bei seinem Sieg über den Russen Alexander Shibajew schwer.

RIO DE JANEIRO. War die Fahne eine zu große Last? Timo Boll musste trotz aller Enttäuschung kurz lächeln. „Es wäre vermessen, meine Leistung auf die Fahne zu schieben. Es war eine große Ehre sie ins Stadion zu tragen“, sagte der deutsche Fahnenträger bei der Olympia-Eröffnungsfeier von Rio.

Fest steht, dass es seit diesem „Höhepunkt meiner Karriere“ nicht so richtig läuft beim deutschen Tischtennis-Star. Im Einzel schied der 35-Jährige überraschend bereits im Achtelfinale aus. Im ganzen Teamwettbewerb hat er noch nicht ein Doppel gewonnen. Und auch im 1:3 verlorenen Team-Halbfinale gegen Japan kassierte Boll am Montagabend zwei Niederlagen. Und wirkte dabei ziemlich müde und angeschlagen.

„Irgendwann muss man halt akzeptieren, dass man mit 35 nicht mehr einfach so einen Gang zulegen kann“, sagte Boll danach. Er hat gerade eine halbjährige Knieverletzung überwunden und der Rücken zwickt hin und wieder. „Ich merke schon bei den extremen Bällen, wo es an die körperlichen Grenzen geht, dass ich steifer werde. Und jüngere Spieler da flexibler und geschmeidiger sind.“ Wie zum Beispiel der Japaner Jun Mizutani. 16:1-Siege im direkten Duell war die Bilanz für Boll vor dem Olympia-Halbfinale, aber dort fegte ihn der Einzel-Bronzegewinner von Rio locker mit 3:0 von der Platte.

Ein weiterer Finderzeig dafür, dass Timo Boll im Herbst seiner großen Karriere angelangt ist. 2003 schrieb er mit dem Aufstieg auf die Weltranglistenposition Nummer 1 Geschichte, lange war der zehnmalige Europameister auf dem Kontinent das Maß der Dinge und wurde in China zu einem der bekanntesten Deutschen. Inzwischen haben ihn jedoch jüngere Spieler überholt. Auch im deutschen Team ist Boll nur noch die Nummer 2 hinter Dimitrij Ovtcharov. Boll denkt manchmal schon an Rücktritt: „Die jüngeren Spieler sollen sich mal anstrengen, mich zu überholen.“

Das Problem daran: Im Gegensatz zu den asiatischen Nationen wie den dominanten Chinesen oder den Japanern, die sich im Olympia-Finale gegenüberstehen, ist talentierter Tischtennis-Nachwuchs in Deutschland rar. „Wenn, dann sind das nur Einzelprojekte. Genauso, wie ich Dimitrij Ovtcharov oder Bastian Steger einst mit viel Eigeninitiative gut geworden sind.“ Bis neue Talente in Deutschland herangereift sind, will Timo Boll also noch weiterspielen, so lange es der Körper aushält. Ein paar Jahre noch will er das Niveau halten, das immer noch für einen Platz in der erweiterten Weltspitze reicht.

Selbst ein Start bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ist „nicht ausgeschlossen: Wenn man sich aber nur noch dahinschleppt, werde ich die Reißleine ziehen.“ Der verheiratete Vater einer Tochter hat sich auch schon Gedanken gemacht, was einmal nach dem Ende einer Karriere passiert. Er will die neue Freiheit genießen, aber auch dem Tischtennis-Sport erhalten bleibe: „Es wäre ja schade, wenn ich das ganze Knowhow in den Mülleimer schmeiße.“

Genau das braucht er im Bronze-Match am Mittwoch gegen Südkorea. Dort will sich Timo Boll nach Silber 2008 und Bronze 2012 seine dritte Olympia-Medaille in Serie sichern. Und die Fahne danach zumindest im Tischtennis gern an die jüngere Generation weitergeben.