Dopingbericht: Ex-Innenminister wehren sich gegen Vorwürfe

Berlin.  Die ehemaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher und Wolfgang Schäuble haben angebliche Forderungen zum Doping-Einsatz während ihrer Amtszeiten bestritten.
Hans-Dietrich Genscher war von 1969 bis 1974 Bundesinnenminister. Foto: Alina Novopashina
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Hans-Dietrich Genscher war von 1969 bis 1974 Bundesinnenminister. Foto: Alina Novopashina Foto: DPA

In der Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" hatten Forschergruppen aus Berlin und Münster unter anderem FDP-Politiker Genscher vorgeworfen, Druck auf Sportmediziner ausgeübt haben. Solche Vorwürfe empfinde er als verletzend, sagte der 86-Jährige der "Süddeutschen Zeitung".

Laut dem Doping-Bericht soll Genscher bei einem Wortwechsel im Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) vor den Olympischen Spielen 1972 gesagt haben: "Von ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München." Dem entgegnete der FDP-Politiker, der von 1969 bis 1974 Innenminister war, dass er stets für einen sauberen Sport eingetreten sei und ein Anti-Doping-Gesetz seit langem für notwendig halte. Er habe sich über Erfolge von Sportlern aus der DDR und der Bundesrepublik gleichermaßen gefreut.

Auch Schäuble, der von 1989 bis 1991 sowie von 2005 bis 2009 Innenminister war, sieht keinen Anlass für solche Vorwürfe: "Mir ist aus meinen beiden Amtsperioden als Bundesinnenminister persönlich nichts bekannt in Zusammenhang mit staatlicher Unterstützung oder Duldung von Sport-Doping," sagte Schäuble, der von 1989 bis 1991 und von 2005 bis 2009 Innenminister war, dem Nachrichtenmagazin "Focus". Schäubles klare Meinung zu dem Thema ist: "Doping schadet den Athleten. Doping verzerrt die Leistungen und betrügt so die Sportler und die Fans. Doping zerstört den Sport."

Am Mittwoch hatte die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass Schäuble 1976 in seiner Funktion als sportpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Sportausschuss gesagt haben soll: "Wenn es nicht schadet, soll man auch da das Bestmögliche unseren Sportlern angedeihen lassen". Ein Sprecher Schäubles sagte darauf, der Minister könne sich heute nicht mehr daran erinnern, ob er früher einen bestimmten Satz gesagt habe, er sei aber immer gegen Doping gewesen.

Ein anderes Fazit aus der Doping-Studie zieht hingegen Gregor Gysi, Bundesfraktionsvorsitzender der Linken. "Nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik wurde staatlich gestützt und offenkundig mit Wissen der jeweiligen Bundesinnenminister gedopt", sagte er im Interview des Berliner "Tagesspiegel am Sonntag". Es zeige sich, "dass sich beide deutsche Staaten in manchen Punkten ähnlicher waren als es viele glaubten und es die Bundesregierung zugeben will", so Gysi in dem interview weiter.

Neunzig Prozent der Topathleten seien früher gedopt gewesen, schätzt Sportmediziner Frank Hartung in der Zeitung "Märkische Allgemeine". Doping war kein Geheimnis im Westen: "Über die zum Teil von Steuergeldern und die Pharmaindustrie finanzierte Forschung zu Wirkung und Nebenwirkung diskutierten Sportwissenschaftler, Mediziner und Funktionäre [...] auch offen in den Medien." Auch er habe "regen Austausch mit vielen Sportlern" gehabt.

Frank Hartung hat früher als Sportmediziner in der DDR gearbeitet und war danach als Allgemeinmediziner und Sportarzt mit Praxis im Kreis Siegen tätig. Seine Einschätzung in dem Interview ist: "Da wusste jeder, was er tut. Deshalb kann man auch nicht von Doping-Opfern im Westen sprechen." Die Sportler in der Bundesrepublik seien freiwillig und individuell von Ärzten beraten worden.

Zwei Forschergruppen der Berliner Humboldt-Universität und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster untersuchten über vier Jahre lang Doping in Westdeutschland. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) gab die Studie 2008 in Auftrag. Nach der Fertigstellung im März 2012 war der knapp 800 Seiten lange Bericht noch einmal überarbeitet und um mehrere Hundert Seiten gekürzt worden. Die gekürzte Version wurde am vergangenen Montag durch das BISp veröffentlicht. Das Namen und Fakten zurückgehalten wurden, sorgte für große Kritik. Die Studie bestätigte das Bild einer staatlich geduldeten und von Steuergeldern finanzierten Doping-Forschung.

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