Biedermanns Jahresende: Vergessen und Aufarbeiten

Istanbul.  Die Silbermedaille lag samt zusammengeknülltem Band eher achtlos in Paul Biedermanns Hand. Die durchaus vorzeigbare Leistung über die 200 Meter Freistil bei der Kurzbahn-WM in Istanbul war für den Weltrekordler nicht viel mehr als "ein kleines Pflaster auf die große Wunde Olympia".
Die Silbermedaille ist für Paul Biedermanns 'ein kleines Pflaster auf die große Wunde Olympia'. Foto: Hannibal
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Die Silbermedaille ist für Paul Biedermanns 'ein kleines Pflaster auf die große Wunde Olympia'. Foto: Hannibal Foto: DPA

Noch immer beschäftigen ihn die medaillenlosen Spiele von London; auf der Suche nach dem Warum gewährte der 26-Jährige einen kleinen Einblick in sein Seelenleben. Biedermann war "ohne Erwartungen" nach Istanbul gereist, eine der Lehren aus dem auch für ihn so enttäuschenden Olympia-Erlebnis. "Da war das ganz anders, ich weiß gar nicht mehr, was ich dort für ein Mensch war. Ich war ultrafokussiert, wollte so professionell wie möglich sein. Vielleicht wollte ich zu viel, hab einmal zu viel daran gedacht, was wäre wenn. Ich weiß es nicht", sagte der Olympia-Fünfte.

Die Ursachenforschung dauert noch an, auf endgültige Antworten muss der Doppel-Weltmeister von 2009 vielleicht für immer warten: "Es gibt so viele Sachen, die ungeklärt sind und die irgendwann sicher wieder hochkommen. Aber momentan bin ich in der Phase des Vergessens. Beziehungsweise Aufarbeiten, nach vorne gucken."

So groß war die Enttäuschung, dass im Sommer zeitweise auch der Gedanke ans Karriereende in Biedermanns Kopf rumspukte. "Vielleicht einige Male. Aber irgendwann kitzelt es dann wieder, irgendwann hast du wieder Lust. Bis 2016 ist schon mein Ziel. Ich möchte sehen, was ich noch kann", sagte der Sportler des Jahres 2009. Dabei will sich Biedermann auch von nicht beeinflussbaren Faktoren wie dem engen WM-Wettkampfprogramm mit sechs Rennen in drei Tagen nicht mehr ablenken lassen: "Wir müssen aufhören immer zu jammern und einfach anfangen mit machen."

Mit weniger Erwartungen in die Rennen zu gehen, könnte eine der Stellschrauben sein, an denen Biedermann und sein Heimtrainer Frank Embacher drehen müssen. Das ging zumindest am Mittwochabend zum WM-Auftakt schon mal gut - in 1:42,07 Minuten und seiner besten Kurzbahn-Zeit in einem Textilanzug fehlten gerade einmal 15 Hundertstelsekunden auf Seriensieger Ryan Lochte (USA). Da war auch Biedermann überrascht. "Warum kann ich jetzt vergleichsweise schnell schwimmen mit weniger Training, was man sich sonst so vorstellt", fragte er sich und setzte mit eher ironischem Grinsen hinterher: "Auf der Kurzbahn scheint es ja voranzugehen."

Seinen Kurzhaarschnitt ("8,50 Euro bei meinem Friseur") oder die neuen neongrünen Rennshorts wollte Pragmatiker Biedermann nicht als Zeichen eines anderen Lebensgefühls verstanden wissen. "Ich bin jetzt nicht so der Typ, der dann eine andere Frisur machen müsste, den Haarschnitt habe ich schon, seitdem ich lebe", sagte er.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt zum Jahreswechsel aber in der gemeinsamen Wohnung mit Freundin Britta Steffen in Halle/Saale. Auf etwa 100 Quadratmetern "halb Altbau-saniert, halb neu-saniert" kann sich das Paar von den gemeinsamen Trainingseinheiten erholen. "Die Umzugskartons sind halb gepackt, das wird sich noch alles etwas ziehen. Wir haben jetzt ein wunderschönes Bett bestellt. Das kommt in kleinen Schritten, das wird schön", verriet Biedermann und freut sich auf das gemeinsame Nest nach über zweieinhalb Jahren Pendelei zwischen Berlin und Halle.

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