Interview mit Björn Otto

"Den perfekten Sprung gibt es nicht"

Leverkusen.  Der Kölner Stabhochspringer Björn Otto über das Fliegen, seine Taktik in Moskau und die Gefühle für Köln. Coole Typen, diese Stabhochspringer. "Nervös? Ach was. Bisher ist das bei mir genauso wie vor einer Kreismeisterschaft. Vielleicht am Tag vorher ein bisschen..." Original-Ton Björn Otto vor wenigen Tagen in Leverkusen.
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Heimat ist da, wo der Dom steht.
												Foto: IMAGO/AXEL KOHRING

Heimat ist da, wo der Dom steht. Foto: IMAGO/AXEL KOHRING

Als erster deutscher WM-Teilnehmer kam der Olympiazweite vom ASV Köln am Mittwoch in Moskau an. Am Freitag verkroch er sich aufs Hotelzimmer. Konzentrieren, Tunnelblick entwickeln. "Nicht nervös? Na ja ...", sagte sein Trainer Michael Kühnke im Foyer des deutschen Teamhotels schmunzelnd.

Am Samstag muss der mit 35 Jahren älteste deutsche WM-Teilnehmer in aller Herrgottsfrühe aufstehen. Nach deutscher Zeit schon um 8.15 Uhr beginnt für Otto die Qualifikation. Ziel: Das Finale am Montag. Im GA-Gespräch verrät Otto, wie er die Aufgabe angeht, ob Olympiasieger Renaud Lavillenie schlagbar ist und warum er Köln liebt.

Außerdem beschreibt der 1,91-m-Mann das Gefühl, seine 90 Kilo Körpergewicht mit einer Anlaufgeschwindigkeit von rund 35 km/h in den 5,10 Meter langen Glasfieberstab zu wuchten und sich damit in Höhen um 6 Meter zu katapultieren. Fliegen war schon immer sein Traum und soll auch nach der Sportkarriere sein Beruf bleiben...

Herr Otto, was macht die Pilotenausbildung?
Björn Otto: Sie wächst und gedeiht. Ich fliege fleißig, immer wenn das Wetter mitspielt. Zuletzt kam es leider häufiger vor, dass die Übungsflüge wenige Stunden vorher wegen Gewitters wieder abgesagt werden mussten.

Das heißt, Sie müssen sehr flexibel sein?
Otto: Zwei bis drei Tage im Voraus bekomme ich den Plan, wann ich dran bin. Aber es ist auch kein Problem, wenn er sich wegen der Wetterlage kurzfristig ändert. Es macht keinen Unterschied, ob ich vormittags fliege und nachmittags trainiere oder umgekehrt. Nur die Wettkampfreisen bedeuten eine Einschränkung. Entscheidend ist ein gutes Zeitmanagement, und das beherrsche ich.

Hört sich so an, als sei die Doppel-Aufgabe WM-Vorbereitung und Pilotenausbildung für Sie eher beflügelnd als belastend...
Otto: Das empfinde ich wirklich so, und alle meine Erfahrungen bestätigen das. Immer, wenn ich während meiner Studienzeit nebenbei Klausuren geschrieben habe, war es auch sportlich ein gutes Jahr.

Welches Gefühl ist erhebender? 6 Meter aus eigener Kraft über dem Erdboden, oder 10 Kilometer am Steuer eines Flugzeugs?
Otto: Die 3500 Fuß Flughöhe mit einer C-152 sind eher unkompliziert und nicht so erhebend. Höher habe ich bislang kein Flugzeug gesteuert und 10 Kilometer deshalb noch nicht erlebt. Im Übrigen sind Starten und Landen die Herausforderung, die spannenden Momente.

Und wie erhebend ist das Gefühl im Zenit eines geglückten Stabhochsprung-Versuchs?
Otto: 6 Meter Höhe aus eigener Kraft zu gewinnen, gegen die Erdanziehung -  das ist ein berauschendes Gefühl. Es beruht auf Kraft, Taktik und motorischer Harmonie. Aber im Grunde genieße ich es am meisten, mir bewusst zu machen, dass ich einer von nur 18 Menschen in der Welt bin, die das geschafft haben.

Genauer: Mit ihren in Aachen erzielten 6,01 m aus dem vergangenen Jahr, die deutschen Rekord bedeuten, sind Sie Zwölfter der ewigen Weltrangliste. Sie haben aber noch ganz andere Flugerfahrungen, mit dem Gleitschirm zum Beispiel. Schildern Sie dieses Gefühl…
Otto:
Sechseinhalb Stunden Flugzeit nur durch die Kraft der Natur, bis zu 4000 Meter hoch und 100 km weit nur durch die Thermik – das ist wahrhaft erhebend. Dagegen sind es beim Stabhochsprung nur 1,5 Sekunden, dann ist alles vorbei.

Gleitschirmfliegen, Stabhochspringen, Pilotenausbildung: Wo hat das mit der Fliegerei in Ihrem Leben seinen Anfang?
Otto: Irgendwie ist es mir vielleicht in die Wiege gelegt worden, denn schon mein Großvater Hans war Pilot im Zweiten Weltkrieg. Mein Vater hat Papierflugzeuge mit mir gebastelt, später habe ich mit ihm Modellflugzeuge gebaut, was immer noch eine Leidenschaft von mir ist – das Fliegen hat mich immer einfach interessiert, ohne dass mich jemand dazu getrieben hat.

Und die sportliche Seite?
Otto: Stabhochspringen hat im Grunde nichts mit Fliegen zu tun. Dennoch hat es mich lange fasziniert, bevor ich einen Stab in die Hand bekam. Es gibt ein Bild von mir, da bin ich etwa neun Jahre alt und übe im Garten mit einer Bohnenstange. Damals war ich noch im Tennis- und im Schwimmverein, aber nichts davon hat mir so richtig Spaß gemacht. Später war es dann der Zufall und ein bisschen Glück, sprich die Nähe zu einem hervorragenden Leichtathletik-Verein wie dem TSV Bayer Dormagen.

Turnerisches Geschick, Kraft, Schnelligkeit und Bewegungsgefühl sind vonnöten – aber werden Stabhochspringer nicht in erster Linie im Kopf geboren?
Otto: Vielleicht ist es ein Gen, dass du anders denkst. Aber den Erfolg garantiert das nicht. Ohne Schnelligkeit geht nichts. Man kann den besten Kopf haben, aber wird deshalb alleine nie hoch springen.

Aber auf höchstem Niveau entscheidet die Psyche, oder?
Otto: Sie macht in allen Sportarten das letzte Quäntchen aus. Jeder Sieg im Sport entspringt dem Kopf. Er entscheidet, wenn es um die letzten paar Prozent geht.

Zum Höchstleistungssport benötigt man eine gehörige Portion Disziplin. Wo haben Sie die her?
Otto: Das entwickelt sich mit der Zeit.  Stabhochsprung ist keine Sportart, die man mal so zwischendurch machen kann. Viel Turnen gehört dazu, eine gute leichtathletische Grundausbildung – das ist ein langwieriger Prozess, der einen irgendwann befähigt, höher zu springen als andere. Dazu gehört auch, Schule, Studium und das Training selbst organisieren zu können.  Wer sich früh für sich selbst verantwortlich fühlt, geht seinen Weg.

2004 bei Ihrer ersten großen internationalen Meisterschaft, der Hallen-WM in Budapest, sagten Sie: „Für das ein oder andere brauche ich länger, dafür falle ich nicht ins Loch.“ So ist es gekommen. Ist Geduld Ihr Erfolgsrezept?
Otto: Ich musste Wege kennenlernen, die für meinen Körper funktionieren. Das findet man nicht in zwei Jahren heraus. Das kann 15 Jahre dauern.

Der im selben Jahr wie Sie geborene Danny Ecker hatte damals schon seinen 6-m-Sprung hinter sich. Hatte er einfach mehr Verletzungspech?
Otto: In puncto Verletzungen war ich nicht weit hinter Danny. Nach meinen beiden Achillessehnenrissen in den Jahren 2008 und 2010 war ich beide Male kurz davor, die Sache an den Nagel zu hängen.

Wem verdanken Sie, dass Sie durchgehalten haben?
Otto: Eltern und Freunden - und nicht zuletzt meinem Trainer Michael Kühnke, mit dem ich seit 2004 zusammenarbeite. Er hat äußerst viel Geduld bewiesen und mir immer wieder vermittelt, an mich zu glauben.

Am 5. September 2012 haben Sie sich in Aachen den Traum eines jeden Stabhochspringers erfüllt, 6 Meter zu überwinden. Wie hat sich das angefühlt?
Otto:  Es war sehr bewegend. Aber am meisten bewegt mich das Gefühl, zum elitären Kreis der 18 Springer weltweit zu zählen, die sechs Meter überwunden haben.

Ist mit Ihrem deutschen Rekord von 6,01 m und Ihrem Olympia-Silber von London im vergangenen Jahr nicht die Gefahr verbunden, dass Ihre Motivation leidet?
Otto: Die Gefahr besteht bei mir nicht. Erstens bin ich keine 20 Jahre mehr. Zweitens habe ich es erst einmal geschafft – ich versuche, es ein zweites und drittes Mal zu schaffen. Dass vielleicht eine 6,03 m da steht.

Dann wären in der ewigen Rangliste nur noch der legendäre Sergej Bubka sowie vier weitere Stabhochspringer vor Ihnen – auch das kein Grund zum Aufhören?
Otto: Nein, solange es so läuft wie derzeit. Jetzt ernte ich die Erfolge, für die ich jahrelang trainiert habe. Es ist das Schöne, dass ich jetzt dafür belohnt werde. Das genieße ich und deshalb macht es umso mehr Spaß.

Beschreiben Sie den perfekten Sprung!
Otto: Frag 100 Stabis und du hörst 100 Meinungen. Den perfekten Sprung gibt es nicht, der ist noch keinem gelungen. Er existiert maximal im Kopf. Auch Bubka ist nie perfekt gesprungen. An jedem seiner Sprünge hätte ich noch fünf Kleinigkeiten auszusetzen, wenn ich sie seziere.

Was kennzeichnet denn aus Ihrer Sicht den optimalen Bewegungslauf?
Otto: Das ist schwierig zu beschreiben, weil es ein virtuelles Konstrukt ist, das bei jedem Springer anders aussieht. Olympiasieger Renaud Lavillenie ist 15 Zentimeter kleiner als ich und springt dennoch über 6 Meter hoch. Es geht darum, möglichst viel Energie aus dem Stab zu holen - mit Kraft, Schnelligkeit und einer bestmöglichen turnerischen Umsetzung dieser Komponenten in Höhe.

Sie wüssten wirklich niemanden, der einmal das Gefühl der Perfektion erlebt hat?
Otto: Du springst jahrelang, und  du erlebst es nie. Ich kenne keinen, der den perfekten Sprung erlebt hat.

Thema WM: Für sich selbst formulieren Sie sicher ein klares Ziel, wie viel davon verraten Sie uns?
Otto: Ich gehe alle Meisterschaften Schritt für Schritt an. Zunächst kommt es in Moskau wie immer darauf an, verletzungsfrei und gesund an den Start zu gehen. Eine Erkältung, und schon ist man nicht mehr 100-prozentig fit. Zweites Ziel: Die Qualifikation überleben, denn da sind schon die größten Helden gescheitert. Das dritte: Am Finaltag über einen gültigen Versuch in den Wettkampf finden. Wenn du das geschafft hast, kannst du an Größeres denken.

Was formt sich dann im Kopf?
Otto: Bei einer WM geht es im Finale darum, taktisch zu springen. Mit möglichst wenigen Versuchen und Fehlversuchen durchzukommen und sich Platz um Platz nach vorne zu schieben.

Klingt nach einer Pokerpartie, die man bei einem guten Bluff auch mit zwei Zweiern auf der Hand gewinnen kann…
Otto: Ja, die Höhe spielt keine Rolle. Wenn ich bei starkem Wind und strömendem Regen mit 5,50 m Weltmeister würde, wäre es mir sehr recht. Bei einem 1:0 im Fußball fragt später ja auch keiner mehr groß nach dem Ergebnis – der Titel ist die Hauptsache.

Zweimal haben Sie Lavillenie in diesem Jahr bei weniger wichtigen Wettkämpfen hinter sich gelassen. Ist der Franzose in Moskau zu schlagen?
Otto: Ja klar. Man muss ihn früh unter Druck setzen, dann macht auch er Fehler. Auch er ist keine Maschine.

Sie sind 35 Jahre alt, wie lange können Sie sich noch in der Weltspitze halten?
Otto: Das ist nicht leicht zu beantworten. Im höheren Alter braucht man mehr Regeneration. Aber so lange ich vorne mitspringen und andere hinter mir  lassen kann, wird es mir Spaß machen. Schau’n wir mal, wie lange das funktioniert. Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger.

Sie sind Strahlemann, ein bisschen Draufgänger, aber doch Typ Schwiegersohn – genug Ansätze zur Vermarktung, oder?
Otto: Nur wenn es passt, wie das Turmspringen bei Raab beispielsweise. Außerdem mache ich einige Foto-Shootings für meine Partner DKB und Nike sowie Aktionen mit meinen Club ASV Köln. Aber als Model für den Katalog sehe ich mich nicht.

Was bedeutet für Sie Heimat?
Otto: Das ist die Region, in der ich meinen Hafen habe, wo ich mich wohl fühle - wo meine Freunde sind und mein Zuhause. Wenn man länger nicht da war, ist es umso schöner zurückzukehren. Und dann sind da auch noch die Modellflugzeuge im Keller.

Und Köln?
Otto: Ist für mich Heimat. Die ersten drei Jahre meines Lebens spielten sich in Köln ab, dann sind wir nach Dormagen gezogen. Zum Einkaufen ging es schon immer nach Köln, ich habe dort studiert und gewohnt – und jetzt starte ich für den ASV, einen Verein mit großer Leichtathletik-Vergangenheit.

Wie finden Sie die kölsche Art?
Otto: Ich mag das Lebensgefühl der Kölner, die Emotionen in der Stadt, auch den Karneval. Leider konnte ich in den letzten Jahren häufig nicht feiern, weil Wettkämpfe dazwischen kamen.

Und den 1. FC Köln?
Otto: Auch wenn ich nicht der allergrößte Fußball-Fan bin: der 1. FC Köln spielt selbst in der zweiten Liga ständig vor vollen Rängen – das zeigt die ungeheure  Begeisterungsfähigkeit der Menschen in der Region, die meine Heimat ist.

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