Nächste EM in Paris So war die Leichtathletik-EM in Berlin

Die deutsche Goldmedaillengewinnerin Gesa Felicitas Krause jubelt über 3.000 Meter Hindernis im Ziel.

Berlin. Das mit 125 Athleten größte deutsche Team der EM-Geschichte nutzte seinen Heimvorteil. Insgesamt 19 Medaillen holte sich das deutsche Team in Berlin.

Als Gesa Krause  am letzten Wassergraben attackierte und einen fulminanten Spurt zur erfolgreichen Titelverteidigung über 3000 Meter Hindernis anzog, war das Sommermärchen im Berliner Olympiastadion perfekt. Die 26-Jährige holte die letzte von insgesamt sechs Goldmedaillen, bevor die 4x100-Meter-Frauenstaffel mit der Leverkusenerin Gina Lückenkemper Bronze und damit das insgesamt 19. Edelmetall  für die deutschen Leichtathleten – exakt die gleiche Ausbeute wie bei der letzten Heim-EM 2002 in München.

„Diesen Sieg wollte ich unbedingt“, sagte Krause, die 2017  im WM-Finale von London unglücklich gestürzt und unter Wert geschlagen Neunte geworden war. Nach mäßigen Wettkämpfen in diesem Jahrpräsentierte sie sich genau rechtzeitig zum  Saisonhöhepunkt in Topform. Einzel-Vizeeuropameisterin Lückenkemper trug an Position zwei zum Teamerfolg bei und zeigte sich einmal mehr infiziert von  der Partystimmung in der Arena. „Die Stimmung hat uns beflügelt, wir sind alle über die Bahn geflogen“, sagte Lückenkemper.

Nur am Samstag war das Olympiastadion ausverkauft (60500), doch offiziell insgesamt 360.000 Zuschauer bei den Titelkämpfen bedeuteten EM-Rekord – der deutsche Verbandschef Jügren Kessing sprach von einem „Sommermärchen“. Der Norweger Svein Aren Hansen, Präsident des europäischen Verbandes, sprach von den „besten Europameisterschaften der Geschichte“. In diesem Fall keine Floskel, was er mit dem Nachsatz klarmachte:  „Das ist sicher", Vor allem an den sechs Wettkampfabenden steppte der Bär. Im wahrsten Sinne, denn Maskottchen Berlino, der bereits 2009 bei der WM an gleicher Stätte die Zuschauer begeistert hatte, wagte das eine oder andere Tänzchen mit den Medaillengewinnern. Leichtgewicht Krause trug er sogar auf Händen. 

Medaillen für das Gastgeber-Team

Das mit 125 Athleten größte deutsche Team der EM-Geschichte nutzte seinen Heimvorteil.  „Am Tag X performen - das war unser Motto. Und davon ist sehr, sehr viel aufgegangen“, betonte Sportdirektor Idriss Gonschinska. DLV-Präsident Jürgen Kessing zeigte sich überzeugt, „dass die deutsche Leichtathletik in dieser Woche einen Schub bekommen hat, den wir hoffentlich in den nächsten Jahren nutzen werden.“

Die ausgeklügelte Dramaturgie ging auf, weil die deutschen Asse stachen. Jeden Abend gab es Medaillen für das Gastgeber-Team. Sechsmal erklang deutsche Hymne: für die Speerwurf-Asse Thomas Röhler und Christin Hussong, Zehnkampf-König Arthur Abele, Hochspringer Mateusz Przybylko und Weitspringerin Malaika Mihambo auf dem Breitscheidplatz und zum Abschluss am Sonntagabend im Olympiastadion für Hindernisläuferin Krause. 

Lisa-Marie Kwayie (Berlin), Gina Lückenkemper, Tatjana Pinto und Rebecca Haase rannten über 4 x 100 Meter noch auf Platz drei, im Männer-Vorlauf hatten sich dramatische Szenen abgespielt, als Lukas Jakubczyk beim letzten Stabwechsel einen üblen Sturz und  Julian Reus mitriss. Stark bandagiert und mit einer Platzwunde am Kopf verließ Jakubczyk das Stadion - aus der Traum von einer Medaille. Reus zog sich eine Schulter-Blessur zu. 

Fast fünf Millionen Zuschauer

Perfekt vom Timing hatten am Super-Samstag im ausverkauften Mateusz Przybylko und Malaika Mihambo ihre Gold-Sprünge hingelegt. Hinzu kamenSilber und Bronze durch das Diskus-Duo Nadine Müller und Shanice Craft. Enttäuschungen gab es wenige. Die größte: Das scheitern von Diskus-Olympiasieger Christoph Harting in der Qualifikation, das Clemens Prokop, Chef des EM-Organisationskomitees und langjähriger DLV-Präsident, dieser Zeitung gegenüber als „inakzeptabel und unter aller Kanone“ bezeichnete. Ansonsten war fast alles gut – nicht zuletzt auch die Fernseh-Zuschauerquoten: „Die Zuschauerzahlen liegen weit über unseren Erwartungen“, kommentierte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann „freudig überrascht“. 

Bei den Übertragungen aus der deutschen Hauptstadt schalteten am Samstag fast fünf Millionen Menschen in Deutschland ein. Auch Sportarten, die sonst im Fernsehen weniger im Blickpunkt stehen, erleben während der erstmals ausgetragenen European Championships ein großes Interesse der deutschen TV-Zuschauer. Rund 3,5 Millionen sahen am Samstag die Sendungen mit Triathlon und mit Kunst- und Turmspringen. Auch hier lagen die Marktanteile deutlich über 15 Prozent. Die TV-Sender haben deshalb bereits ihr Interesse an einer Fortsetzung des Formats im Jahr 2022 signalisiert. Die nächste Leichtathletik-EM findet 2020 in Paris statt.

Zur Startseite