Vorzeitiger Hauptrundeneinzug verpasst

Handballer geben Sieg gegen Russland aus der Hand

Zu früh gefreut: Torhüter Andreas Wolff jubelt nach einer geglückten Parade, im Vordergrund Patrick Wiencek.

Zu früh gefreut: Torhüter Andreas Wolff jubelt nach einer geglückten Parade, im Vordergrund Patrick Wiencek.

Berlin. Vor der Reifeprüfung gegen Frankreich hat die Deutsche Auswahl beim 22:22 gegen Russland einen Sieg unnötigerweise aus der Hand gegeben und damit den vorzeitigen Einzug in die Hauptrunde verpasst.

Ganz am Anfang war die Nervosität. Dann, während des ersten Spiels gegen Korea, kam die Sicherheit. Und schließlich, während der zweiten Partie gegen Brasilien, kam der Spaß. Alle, wirklich alle schwärmten davon, wie besonders die Atmosphäre in der Berliner Mercedes-Benz-Arena sei. Und dass es ein Privileg sei, bei einer Handball-WM im eigenen Land dabei zu sein.

Der Spaß verging jedoch schneller, als er gekommen war. Beim 22:22 (12:10) gegen Russland gab die deutsche Nationalmannschaft gestern Abend ein wenig überraschend den ersten Punkt ab. Ein Sieg hätte die vorzeitige Qualifikation für die Hauptrunde in Köln bedeutet. Jetzt geht's gegen Frankreich – Schluss mit lustig.

Ein Freiwurf noch, ein direkter, also etwas fast Unmögliches: Steffen Fäth tritt an - und ballert in die russische Mauer. Ende. Während die Russen jubeln, schleichen die Deutschen umher. Hängende Schultern, ratlose Blicke. Die Spieler bilden einen Kreis und schwören sich auf die nächste Aufgabe ein. Die Russen tanzen im Kreis. Ein Ergebnis, dass beiden Mannschaften einen Punkt bringt und beiden einen nimmt, ruft völlig unterschiedliche Reaktionen hervor. Es sah aus, als hätten die Russen gewonnen.

Wenige Minuten zuvor, es läuft die 59. Spielminute: Deutschland ist im Angriff und führt mit 21:20. Paul Drux will den Ball auf die rechte Seite werfen, aber Dmitrii Zhitnikov spritzt dazwischen, läuft den Konter und gleicht aus. Ein entscheidender Fehler, ausgerechnet von Drux, dem Berliner. Fabian Böhm trifft noch einmal zum 22:21, aber der junge Sergei Kosorotov (19) egalisiert erneut zum Entstand.

Die Vier-Tore-Führungen reichten nicht zum Sieg

"Ich hatte nie den Eindruck, dass wir das Spiel aus der Hand geben könnten", sagte Patrick Wiencek, als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte. Deutschland führte nach der Pause mit 15:11 und 16:12, schaffte es aber nicht, sich vorentscheidend abzusetzen. "In dieser Phase haben wir zu viel liegenlassen", meinte Martin Strobel, der das Spiel längst nicht so beruhigen konnte wie zuletzt. Drux, Patrick Groetzki und Steffen Weinhold vergaben frei gegen den starken russischen Torhüter Victor Kireev.

Christian Prokop hatte diese Szenen längst gedreht und gewendet, als er als zur Pressekonferenz erschien. Der Bundestrainer kam als Erster, ungewöhnlich früh und saß allein auf dem Podium. Als wollte er die Sache möglichst schnell hinter sich bringen. Er sprach von den technischen Fehlern, von der fehlenden Cleverness, um einen Vier-Tore-Vorsprung über die Bühne zu bringen und davon, dass er jetzt noch nicht an einen Rückschlag im Medaillenkampf denken mochte. Prokop wollte in die unmittelbare Zukunft schauen: "Das Schöne ist doch, dass wir schon in 24 Stunden wieder spielen." Gegen Frankreich allerdings. Dabei hatte Russland doch schon Probleme bereitet.

Erstmals in diesem Turnier ließ sich ein deutscher Gegner nicht schnell abschütteln. Vor allem der Halblinke Sergei Kosorotov, 19 Jahre jung, beschäftigte die Abwehr des DHB-Teams, wie sie es in den Tagen von Berlin noch nicht erlebt hatte. 1:1, 2:2, 3:3, 7:7 - ein zähes Ringen, das nach und nach die Sicherheit im deutschen Spiel schwinden ließ. Auch weil Torhüter Andreas Wolff keinen Andreas-Wolff-Tag, sondern einen normalen erwischt hatte. Über den Kreis war kein Durchkommen, aus der Distanz ebenfalls kaum. Jedes Tor musste hart erarbeitet werden. Das Publikum reagierte deutlich zurückhaltender auf diese Darbietung als auf die lockeren Siege zuvor.

Einig waren sich die Zuschauer in ihrer Aufregung über die schwedischen Schiedsrichter. Die pfiffen kleinlich - und so manches deutsche Stürmerfoul, was die Fans überhaupt nicht nachvollziehen konnten. Nach und nach weckten die Unparteiischen die Halle auf, der Funke sprang langsam aufs Spielfeld über. Patrick Groetzki und Hendrik Pekeler machten aus einem 10:10 den 12:10-Pausenstand.

Nach dem Wechsel lief es ordentlich in einem manchmal wilden Spiel. Deutschland führte sogar noch mit 20:17, ehe die Mannschaft den Sieg aus der Hand gab. "Wir dürfen uns davon jetzt nicht aus der Bahn werfen lassen", sagte Strobel noch. "Einfach weitermachen."

An diesem Dienstag (20.30 Uhr) geht es gegen Frankreich darum, möglichst ohne weitere Punktverluste nach Köln zu fahren. Bei den Franzosen stand gestern für die Partie gegen Korea übrigens schon ein Karabatic auf dem Spielberichtsbogen. Allerdings Luka, der Bruder, nicht Nikola, der Superstar.