Beim Schießen zählst nur du

Das G-A-Team wagt sich an den Schießstand

Volle Konzentration: Laszlo Scheuch beim Freihandschießen.

Volle Konzentration: Laszlo Scheuch beim Freihandschießen.

Wachtberg. Für das G-A-Team hat Laszlo Scheuch bei der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Niederbachen mit dem Luftgewehr geschossen. Eine Angelegenheit, die viel Ruhe und Körperkontrolle bedarf

Selten fiel ein Voting für das G-A-Team so deutlich aus wie dieses: 54 Prozent der Leser wollten mich bei der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Niederbachem am Schießstand sehen. Schießen? Damit hatte ich in meinen 28 Lebensjahren bislang so viel zu tun wie ein Esel mit Pferderennen. Aber klar: Herausforderung angenommen!

Maus und Tastatur in der Redaktion also mal links liegen gelassen, Gewehr in die Hand und los geht es. So in der Art hatte ich mir das vorgestellt. Weit gefehlt. "Zunächst machen wir eine Balance-Übung, denn Körperkontrolle ist für unseren Sport sehr wichtig, weil jede kleine Bewegung zu einem schlechteren Ergebnis führt. Danach kommt etwas Theorie und erst dann gehen wir an den Schießstand", bremst Marcel Bachem meine Euphorie erst einmal. Der 29-Jährige ist einer der Jugendleiter des Vereins und für einen Abend mein Trainer.

Ich merke früh: Den brauche ich auch. Denn wenn unsere Übungsstunde so weitergeht, wie sie beginnt, endet sie in einem Fiasko. Die Aufgabe, auf einem Balancebrett das Gleichgewicht zu halten, lässt mich wackeln wie ein Fähnchen im Wind. Timm Sachse, der die Aufwärmübung mit mir gestaltet, huscht das eine oder andere Grinsen übers Gesicht. Er ist erst acht Jahre alt - und schon Deutscher Meister im Lichtgewehrschießen. "Aufgrund seines Alters darf Timm noch mit keiner anderen Sportwaffe schießen", erklärt Bachem. Sachse hat übrigens kein geringeres Ziel vor Augen als die Teilnahme an den Olympischen Spielen.

An diesem Abend ist er der jüngste Sportler im Schützenhaus. Hat der Sport ein Nachwuchsproblem? "Es ist schwierig, Jugendliche in den Verein zu bekommen. Man muss nicht nur das Kind oder den Jugendlichen überzeugen, sondern braucht auch immer das Einverständnis der Eltern. Man muss also zwei Parteien überzeugen, dass der Sport das Richtige ist", erklärt Bachem. Dabei könne den Sport eigentlich "jeder" machen.

Sport leidet unter schlechtem Image

Jeder? "Klar ist, dass ein vernünftiger Verein niemanden aufnimmt, von dem bekannt ist, dass er sich Verfehlungen mit Waffen geleistet hat", sagt Bachem. Der Sport leide zum Teil unter einem schlechten Image. "Die Amokläufe von Winnenden und Erfurt waren heftig, das spüren wir vor allem in der Langzeitwirkung sehr stark. Viele Eltern sind skeptisch, weil sie nicht wissen, was im Verein wirklich passiert", erzählt Bachem nachdenklich. Viele Vereine hätten es nach den Vorfällen verpasst, offensiv zu sagen: "Wir bilden hier niemanden aus, der sich hinstellt und wild durch die Gegend ballert. Wir fordern von den Schützen Selbstverantwortung und Sicherheitsverständnis."

Die Leidenschaft des 29-Jährigen für seinen Sport schmälern die negativen Vorfälle nicht. Durch seinen Vater Dieter Bachem kam er früh mit dem Schießen in Kontakt, durch seine Arbeit als Sportmanager beim Deutschen Schützenbund nimmt der Sport nicht nur in seiner Freizeit einen großen Part seines Lebens ein. "Mich fasziniert die gezwungene Selbstreflexion: Nur man selbst ist dafür verantwortlich, was am Ende rauskommt auf der Scheibe. Kein Schiedsrichter, kein Gegner - nur deine eigene Leistung entscheidet."

Zurück zum Training: Nachdem Bachem mir die Funktionsweise des Luftgewehrs erläutert hat, geht es endlich an den Schießstand. Mein Trainer stellt eine kleine Eisenstange als Auflage für das Gewehr auf meine Größe ein, lässt mich die Sportwaffe positionieren, lädt und gibt mir das Go. Endlich, mein erster Schuss. Vom Gefühl her gar nicht schlecht. Der Blick auf die zehn Meter entfernt hängende schwarze Zielscheibe belegt wenig später mein gutes Gefühl: Das Einschussloch der Bleimunition kratzt tatsächlich am engsten Kreis. "Das wären zehn Punkte", sagt Bachem, der selbst aktiv in der Luftgewehr-Landesliga schießt.

Die Faust als Gewehrablage

Ein paar Schüsse später erhöht mein Coach die Schwierigkeitsstufe und nimmt mir die Gewehrauflage - Freihandschießen steht ab jetzt auf dem Programm. Stattdessen bekomme ich einen Schießhandschuh mit Extrapolsterung sowie einen Nierengurt, wie man ihn vom Motorradfahren kennt. Bachem: "Der dient quasi als Ersatz für eine Schießjacke und stabilisiert deinen Rücken." Das Gewehr richtig justiert, die Beine schulterbreit auseinander, ein leichtes Hohlkreuz gebildet - für alle Freunde des Wohlstandsbauchs ein wunderbarer Anblick - den Ellenbogen in die nun leicht seitlich hervorstehende Hüfte gestemmt, eine Faust als Gewehrablage gebildet und dieses gegen die Schulter gepresst - die Schießstellung ist geschafft. Zumindest grob.

Selten habe ich etwas so schnell schätzen gelernt wie die erwähnte Auflage. Auf meiner Faust fällt es mir deutlich schwerer, das Gewehr zu kontrollieren. Als wäre das nicht schon schwer genug, muss ich nun auch auf eine deutlich kleinere Zielscheibe zielen.

Ein paar - zu meiner Überraschung durchaus auch noch passable - Schüsse später erwartet mich meine letzte große Aufgabe. "Du schießt fünfmal Freihand auf die Scheibe, dreimal davon musst du den schwarzen Bereich treffen", erklärt Bachem. "Auf die kleine Scheibe?", denke ich laut und werde beruhigt. "Nein, aufgrund deiner bisherigen Ergebnisse werden wir wieder die Große nehmen", sagt Bachem. Ich bin verwirrt. Offenbar habe ich meine bisherigen Leistungen überschätzt. Sei es drum, schließlich will ich meine Aufgabe erfolgreich meistern.

Fünf Schüsse später: Siehe da, souverän bestanden. Von einem Ausreißer abgesehen, der das Ziel so deutlich verfehlt hat wie Fußballer Thomas Helmer anno 1994 bei seinem Phantomtor den Kasten, - mit dem Unterschied, dass Helmers Versuch damals trotzdem zählte -, landen tatsächlich vier Schüsse im Schwarzen. Aufgabe geschafft, Training gemeistert.

Und das "für das erste Mal sehr ordentlich", sagt Bachem. Ob es mit einer Olympiateilnahme für mich noch klappen könnte, möchte ich wissen. Bachem lacht und sagt: "Könnte eng werden." Aber ein guter Schütze? "Durchaus", äußert der Trainer optimistisch: "Da spielen das Alter und die körperliche Verfassung eher eine untergeordnete Rolle."