Aufs Kreuz gelegt

Das G-A-Team testet Ringen

Für einen Abend Trainingspartner: GA-Volontär Laszlo Scheuch (l.) und Ringer Salih Sahin.

Für einen Abend Trainingspartner: GA-Volontär Laszlo Scheuch (l.) und Ringer Salih Sahin.

Bonn. Volontär Laszlo Scheuch war einen Abend bei den Ringern des TKSV Duisdorf. Den Sport gibt es seit der Antike. Es kommt vor allem auf die richtige Technik an.

Als ich den kurzen, hell erleuchteten Gang in Richtung Trainingshalle entlanglaufe, dudelt diese Liedzeile plötzlich in meinem Kopf. "Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer." Eine böse Vorahnung? Ein gutes Omen? Ich hoffe auf zweites. Für die Fußballnationalmannschaft avancierte der Song von Xavier Naidoo 2006 schließlich auch zur Hymne.

Einen Fußball sehe ich heute Abend aber nicht. Ich öffne die schwere Tür zur Trainingshalle, auf der in großen Lettern "Danger" geschrieben steht, und stehe wenig später auf einer Matte. Für das G-A-Team bin ich bei den Ringern des TKSV Duisdorf in der Hardtberghalle. Mit im Gepäck: Eine gehörige Portion Respekt vor meiner Aufgabe, die ich den Lesern zu verdanken habe.

"Ehe zum Ringen kommen, müssen wir uns erst einmal gründlich aufwärmen", erklärt Ibrahim Mavua-Kazai, Trainer beim TKSV und seit 23 Jahren als Ringer aktiv. Für ihn ist Ringen mehr als nur ein Sport: "Es ist wie eine Lebensphilosophie. Ringen ist kein Sport, den man einfach nur so macht. Ringen lebt man. Und dazu gehört viel Disziplin", sagt der 38-Jährige. Das beginne schon weit vor dem Training und beeinflusse den gesamten Tagesablauf.

Technik ist das A und O

Zurück auf die Matte: Einige Bocksprünge, Slalomläufe und Koordinationsübungen später sind wir aufgewärmt. Besser gesagt: Ich glühe, mein Trikot ist bereits jetzt vom Schweiß durchnässt. Dass die anderen Männer sowie die eine Frau noch deutlich fitter aussehen, erkläre ich mir ausschließlich so, dass sie die zugegebenermaßen warmen Temperaturen in der Halle besser gewohnt sind. Mit meiner Lieblingssportart Konsolespielen hat das ganz sicher nichts zu tun. Dennoch strotze ich weiter vor Tatendrang. Ehe ich aber wirklich ringe, erklärt mir mein Kontrahent und Trainingspartner Salih Sahin, worauf es ankommt. "In erster Linie auf Technik.

Natürlich braucht man auch eine gewisse Grundkraft, aber das A und O ist die richtige Technik." Gerungen wird zwei mal drei Minuten, erfolgreiche Techniken werden mit Punkten belohnt. Die höchste Punktzahl gibt es für einen K. o., der den Kampf sofort beendet. Heißt: Man schafft es, seinen Kontrahenten so auf die Matte zu befördern, dass er mit beiden Schultern auf dem Rücken liegt. Als Sahin mich auffordert, genau das zu tun, bin ich hilflos. Wir kämpfen Freistil, dementsprechend darf ich meine Beine - anders als beim griechisch-römischen Stil, bei dem nur oberhalb der Gürtellinie gegriffen werden darf - mit einsetzen.

Das bringt mir einen Vorteil von ungefähr null Prozent. Wild fuchtele ich mit meinen Armen, versuche, meinen Gegner zu greifen oder ihm Beinchen zu stellen, um ihn auf die Matte zu befördern. Sämtliche Versuche gehen ins Leere oder werden von Sahin im Keim erstickt. Ein Griff hier - ich liege auf der Matte, ein Griff dort - ich liege schon wieder. "Du spielst nur mit mir, oder?", möchte ich von dem Familienvater wissen. Der kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und antwortet trocken: "Ja, klar."

Eine Frau trainiert mit

Anschließend üben wir den "Durchdreher". Ich soll Sahin, der auf dem Bauch auf der Matte liegt, drehen. Keine Chance. Nur mit viel Mühe bekomme ich überhaupt mal eine Hand unter seinen Körper geschoben. Von einem wirklichen Griff kann ich nur träumen. Das Ergebnis, als er dran ist? Er hebt mich hoch wie eine Feder und lässt mich schwingen wie im Kettenkarussell. Ein ums andere Mal lässt Sahin mich in der Sportart, die bereits in der Antike ausgeübt wurde, alt aussehen. Es ist ernüchternd.

Der Betonbaupolier ringt bereits seit 31 Jahren und feierte zuletzt im Jahr 2016 in der Altersklasse von 40 bis 45 Jahren in beiden Ringstilen die deutsche Meisterschaft in der Klasse bis 76 Kilogramm. Mit seinen 43 Jahren gehört er beim TKSV noch lange nicht zum alten Eisen. Der Sport hat allerdings ein Nachwuchsproblem. Nicht zuletzt, weil er in Deutschland nicht über den Status einer Randsportart hinauskommt. "Die Kämpfe sind für den normalen Zuschauer langweilig. Einfach, weil es sehr viel mit Taktik zu tun hat. Das ist leider so", sagt Sahin, Mannschaftskapitän der Oberliga-Ringer des TKSV. Mavua-Kazai führt das Problem nicht nur auf mangelnde Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, sondern auch auf fehlendes Durchhaltevermögen junger Ringer zurück. Viele würden in der Pubertät aufhören und sich anderen Interessen widmen.

Bei Elisabeth Schloßmacher war das nicht so. Die Lehramtsstudentin ist am heutigen Abend die einzige Frau auf der Matte und ringt seit ihrem sechsten Lebensjahr. Berührungsängste sind bei dem Sport fehl am Platz. "Das ist ganz entspannt", sagt die 21-Jährige. In der Jugend würden Mädchen und Jungen ja schließlich grundsätzlich zusammen trainieren.

Nach gut anderthalb Stunden neigt sich das Training dem Ende zu. Gefühlte fünf Liter Schweiß leichter und in Erwartung eines gehörigen Muskelkaters trotte ich ausgelaugt von der Matte. Die Rechnung habe ich allerdings ohne meine Teamkollegen gemacht. Sie rufen mich zurück. Zum Abschied gibt's 100 Kniebeugen, gefolgt von diversen Liegestützen. Mein Körper fragt mich ein weiteres Mal, ob das denn mein Ernst sei, und bedankt sich auf seine Art. Während ich meine Arme ein letztes Mal zwinge, ihn anzuheben, tropft der Schweiß unaufhörlich weiter vor mir auf die Matte. Ich weiß spätestens jetzt: Dieser Weg war ein lehrreicher und interessanter, aber beim besten Willen kein leichter für mich.