Mit Taktik und Respekt

Das G-A-Team testet Judo beim Godesberger Judo Club

Im Zweikampf mit dem Weltmeister: Sabrina Bauer musste sich beim finalen Kampf Falk Petersilka geschlagen geben.

Im Zweikampf mit dem Weltmeister: Sabrina Bauer musste sich beim finalen Kampf Falk Petersilka geschlagen geben.

Bad Godesberg. Sabrina Bauer trainiert beim 1. Godesberger Judo Club die richtigen Wurf- und Falltechniken.

Der feste Stoff des Judoanzugs, den Michael Fengler, Vorsitzender des 1. Godesberger Judo Clubs (GJC), mir zu Beginn meines Trainings überreicht, wiegt schwer auf meinen Schultern. Der Anzug fühlt sich so ganz anders an als die ultraleichte Laufkleidung, die ich während meiner Joggingrunden trage. Ich bin unsicher, wie ich mich in diesen Stoffbahnen bewegen soll. Aber nicht nur mit der Kleidung schlüpfe ich in eine ungewohnte Rolle, sondern wage mich als Redakteurin der Lokalredaktion Bonn an meine erste Kampfsportart seit der Unterstufe: Einen Abend lang trainiere ich Judo beim GJC.

Ein Judoka nach dem anderen betritt die große Halle in Lannesdorf. Die Farben ihrer Gürtel zeigen die Bandbreite des Vereins. Am Montagabend trifft sich hier die Breitensportgruppe. Der jüngste Teilnehmer ist 16 Jahre, der älteste Aktive 85 Jahre alt. "Wenn 20 Mitglieder da sind, sind das noch wenige", erzählt Carsten Hermes, der die Samstagsgruppe trainiert. Insgesamt sind es im Bereich Judo etwa 530 Mitglieder.

An diesem Abend muss Florin Petrehele, hauptamtlicher Trainer und Abteilungsleiter, die Judoka zur Begrüßung an der langen Seite der Halle aufstellen, so viele nehmen am heutigen Training teil. Aufgereiht nach Rang, zu erkennen an der Gürtelfarbe, stellen sich die Sportler nebeneinander auf, knien sich hin und verbeugen sich zur Begrüßung. "Die Stirn darf nicht den Boden berühren", erklärt Petrehele das Ritual.

Danach folgt die Aufwärmphase. In Zweierteams laufen die Sportler quer durch die Halle. "Komm", ruft mir Luka Oeste zu, die für die Aufwärmphase meine Trainingspartnerin ist, und hakt sich bei mir ein. Zunächst gibt es ein paar Lauf- und Koordinationsspiele. Petrehele steigert mit jeder Runde die Schwierigkeitsstufe. Ich komme unter dem dicken Anzug ins Schwitzen.

"Als Anfänger beginnt man mit den Fallübungen", erklärt Petrehele. Aus einer einfachen Vorwärtsrolle wird die erste Abrolltechnik abgeleitet. Die andere Abrollbewegung geht über Po und Rücken. Die Judoka sind nun aufgewärmt und ich bin bereit für meine ersten Würfe. In der ganzen Halle verteilt, trainieren die einzelnen Vereinsmitglieder nun auf unterschiedliche Ziele hin: Einige wollen bald die Prüfung für den nächsthöheren Grad ablegen, andere bereiten sich auf anstehende Wettkämpfe vor.

Einer von ihnen ist Falk Petersilka. 2015 wurde er U 18-Weltmeister. Für ihn steht am Wochenende die U 21-Europameisterschaft im slowenischen Maribor an. Mitten in diesem Trainingsgeschehen zeigt mir Petrehele meine erste Wurftechnik, den o-soto-otoshi. "Die rechte Hand greift an den Kragen, die andere Hand an den Ellbogen des Gegners". Dann kommt die Beinarbeit. Meinen rechten Fuß platziere ich hinter dem rechten Bein des Gegners und werfe ihn über die Hüfte zu Boden. Ich wiederhole die Übung ein paar Mal, dann lande ich das erste Mal auf den Matten.

Mittlerweile fühlt sich der Anzug wie ein Schutz an, eingeschränkt komme ich mir nicht mehr vor. Nur der große Wurf will mir noch nicht gelingen. Ob man in erster Linie Kraft für die Sportart braucht? "Man darf keine Angst vor Nähe und Körperkontakt haben", sagt der Trainer. Beim anschließenden Bodenkampf erfahre ich, was er meint. Hierbei geht es darum, den Gegner mit bestimmten Griffen mehrere Sekunden lang auf dem Rücken zu halten, während dieser versucht, sich zu befreien. Ich muss mein ganzes Körpergewicht einsetzen. Neben mir arbeiten die anderen Vereinsmitglieder auf einer dickeren Matte an ihrer Wettkampftechnik. An den Wänden des Dojo hängen Übungskarten mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen der Griffe und Würfe.

Zum Abschluss erwartet mich meine finale Prüfung - keine Gürtelprüfung, das wäre für mich als Anfängerin noch zu früh -, aber mein erster Kampf. Petrehele sucht Petersilka als meinen Gegner aus.

Als Sprinterin bin ich es gewöhnt, mich mit anderen zu messen. Allerdings ist mein Gegner in erster Linie die Distanz, die Zeit. Ein direkter Zweikampf ist mir fremd, und noch dazu gegen einen Weltmeister. Wir platzieren uns am äußeren Rand des markierten Mattenquadrats. Auf Petreheles Kommando betreten wir den Kampfbereich und verbeugen uns. Einen Teilpunkt kann ich zwar erzielen, aber dann wirft mich Petersilka mit dem Rücken auf die Matte und gewinnt klar mit einem Ippon - der höchsten Punktzahl.

Zum Abschluss verbeugen wir uns erneut. Denn neben den körperlichen Fertigkeiten sollen die Judoka vor allem Respekt, Fairness und Hilfsbereitschaft lernen. Auch Inklusion ist beim GJC wichtig. "Judo ist eine respektvolle Sportart, die viel taktisches Mitdenken erfordert", sagt Fengler. Am Ende möchte ich den Judoanzug gar nicht mehr ablegen.