Vom Fremdkörper zum Torjäger

Das G-A-Team testet Hockey

BONN. Für Alexandra Mölleken stand eine Hockey-Trainingseinheit bei der ersten Mannschaft des 
Bonner THV auf dem Plan. Ein rasanter Sport, der kaum Zeit zum Durchschnaufen lässt.

Ein intensiver Geruch von Testosteron und Anstrengung hängt in der Luft, als ich die Halle des Bonner THV (BTHV) in Dottendorf betrete. Naja, um ehrlich zu sein, stinkt es einfach streng nach Schweiß. Die GA-Leser haben mich im Rahmen unserer Serie des G-A-Teams zum Hockeytraining der ersten Herrenmannschaft des BTHV geschickt. Die spielt in der Regionalliga und dort um den Aufstieg. Dementsprechend deutlich fällt die Begrüßung des Trainers aus: „Das Training wird hart, aber auch mit viel Spaß verbunden sein”, ermutigt mich Victor vom Kolke, als er mich in Empfang nimmt und dem Team vorstellt.

Ein undeutliches, nuschelndes „Hey Alex” brummt übers Feld und mir fällt sofort auf, dass hier alle einen Mundschutz tragen – alle, außer mir. Ein wenig macht sich die Sorge breit, dass ich in diesem Jahr an Weihnachten zahnlos unter dem Tannenbaum sitzen werde. So ein Schläger sieht ziemlich massiv aus – und fühlt sich auch so an. Nach einer kurzen Einleitung übergibt mich der Trainer an Mannschaftskapitän Matthias Caspari, der mir einen seiner Schläger überlässt. Als Profi besitzt er nämlich gleich mehrere davon.

Nachdem mir Caspari kurz die Grundtechniken erklärt hat, wende ich diese im Einzeltraining an. Eine Schwierigkeit dabei: Der Ball darf nur mit der flachen Seite des Schlägers gespielt werden. Das heißt, dass ich beim Ballführen den Schläger drehen muss. Indessen regen sich in meinem Gehirn einige Synapsen und erinnern mich an diese Technik, die in der Hockeysprache „Dribbeln” heißt.

Anscheinend ist aus dem Schulsport von damals tatsächlich noch etwas hängen geblieben. Deshalb darf ich nach meiner Einzelbehandlung auch schnell bei den Mannschaftsübungen der anderen einsteigen. Passen, Dribbeln, Vorhand-Rückhand-Wechseln und Slalom gelingen für den Anfang gar nicht schlecht. „Man sieht auf jeden Fall, dass du nicht zum ersten Mal in deinem Leben einen Schläger in der Hand hältst”, lobt mich vom Kolke. Das macht mir Mut und ich fühle mich nicht mehr wie ein Fremdkörper in der Sporthalle. Im Gegenteil: Ich finde mich immer besser ins Training ein.

Körperloses Spiel

Nach ein paar einfachen Spielformen geht es für mich ans Eingemachte: Ich muss mein bis dahin Erlerntes in einem Trainingsspiel anwenden. Ich strotze in diesem Moment zwar nicht vor Selbstbewusstsein, denke mir aber „Augen zu und durch“ und traue mich mitten ins Geschehen. Mein Ehrgeiz ist gepackt und selbst die Sorge vor einem Schläger in meinem Gesicht ist jetzt verflogen. „Verletzungen durch Schläger und Bälle sind in unserer Liga selten“, erklärt vom Kolke. „Da wir auf einem recht hohen Niveau spielen und deshalb alles sehr kontrolliert abläuft, passiert so etwas in der Regel nicht.” Außerdem ist Hockey ein körperloses Spiel, bei dem die Gegenspieler in der Regel weder abgedrängt noch geblockt werden dürfen.

Damit stelle ich als Laie also wohl mit Abstand die größte Gefahr für mich selbst dar und muss mich vor den anderen Spielern nicht fürchten – obwohl von denen zu Höchstzeiten im Training bis zu 30 durch die Halle laufen. Im Spiel sind wir allerdings pro Team nur zu fünft plus Torwart auf dem Feld. Dem Spielfluss macht das keinen Abbruch: Die Spielzüge sind rasant und von einer solchen Schnelligkeit geprägt, dass der Ball manchmal meinem Blickfeld entwischt. Dennoch gebe ich Vollgas, erkämpfe mir zwischendurch auch mal den Ball und erziele sogar ein Tor. Ich glaube es kaum und habe fast ein bisschen Mitleid mit Torhüter Dirk von Jeetze. Warum? In Manier eines eiskalten Torjägers habe ich ihm den Ball durch die viel zu großen Schoner geschoben – der klassische Tunnel. Offenbar die Höchststrafe für einen Torhüter.

Torwart nimmt es mit Humor

Viel Zeit für ausgiebige Jubelarien bleibt mir allerdings nicht. Die nächste Herausforderung wartet schon: die kurze Ecke. Eine Art Freistoß, mit dem Regelverstöße geahndet werden. Dazu passen mir die Jungs aus der Spielfeldecke einen Ball zu, den ich von der Siebenmeter-Linie verwerten soll. Leichter gesagt als getan – der Torwart füllt mit seinen Schonern fast das gesamte Tor aus.

Meine Karriere als Torjäger scheint schon wieder passé zu sein, da passiert es doch noch, ausgerechnet bei meinem letzten Versuch: Mit einem kräftigen Schlag schmettere ich den neongelben Ball in Richtung Tor. Schon der laute Knall lässt vermuten, dass ich ihn recht gut getroffen habe. Und tatsächlich, der Ball flitzt mitten durch die Beine des Torwarts ins Tor. Der nächste Tunnel. Wohl meine Spezialität. Ich kann nicht anders, als die Faust zu ballen und mich über meinen Treffer zu freuen. Auch die Mitspieler kommen aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Schadenfreude ist ja bekanntlich die größte Freude. Von Jeetze nimmt seine „Schmach“ ebenfalls mit Humor und wirft mir durch seinen Helm ein Grinsen zu. Überhaupt fällt mir auf: Fairness und Professionalität werden hier groß geschrieben.

"Fusion" macht den Anfang

Stolz, aber erschöpft, bin ich froh, als das Ende des Trainings naht. Zu früh gefreut. Vom Kolke hat noch eine finale Prüfung für mich vorbereitet: einen Staffel-Slalom. Moritz „Fusion“ Zimmermann erklärt mir die Aufgabe. Und, nun ja, ich verstehe kein Wort. In einer Pendel-Staffel sollen wir einen Slalom absolvieren. In einem Dreier-Team bin ich die Schlussläuferin. Bevor ich noch einmal um eine Erklärung für Dumme bitten kann, fällt der Startschuss. „Fusion” macht den Anfang und holt einen ordentlichen Vorsprung heraus. Und ehe ich mich versehe, bin ich an der Reihe und renne den Slalom entlang. „Fusions“ Vorsprung gebe ich nicht mehr her und schaffe es als Erste ins Ziel. Prüfung erfolgreich gemeistert!

Nun, da auch das geschafft ist, muss ich meine Vorurteile und Abneigung gegenüber dem Hockeysport, die sich aus Schulzeiten tief bei mir verankert haben, endgültig revidieren. Das Training hat nicht nur Spaß gemacht, ich habe auch noch alle Zähne – Weihnachtsplätzchen, kommt her! Lediglich Rückenschmerzen und Muskelkater könnten mich in den nächsten Tagen quälen, warnt mich Kapitän Caspari, denn die Sportart wird hauptsächlich gebückt ausgeübt. Jetzt, wo ich Blut geleckt habe: Wer weiß, vielleicht werde ich ja schon bald weiter an meinen Hockeyfähigkeiten feilen.