Zwischen Brutalität und Kunst

Das G-A-Team testet American Football

Volle Konzentration beim Snap: GA-Redakteur Joshua Bung (im gelben Trikot) beim Anstoß vor dem nächsten Spielzug.

Volle Konzentration beim Snap: GA-Redakteur Joshua Bung (im gelben Trikot) beim Anstoß vor dem nächsten Spielzug.

WINDECK. GA-Redakteur Joshua Bung hat für das G-A-Team beim ASC Westerwald Giborim American Football ausprobiert. Hinter der äußerlichen Brutalität stecken Teamwork, Körperbeherrschung und ein kompliziertes taktisches System.

Das Licht geht aus. Mein Gesicht und den Kunstrasen unter mir trennen etwa zehn Zentimeter, dem Gitter meines Football-Helms sei dank. Von oben drückt mich das Gewicht meines Gegenspielers auf den nasskalten Boden, zögernd öffne ich meine Augen.

Das ist also American Football. In meiner Paradesportart Fußball hätte ich jetzt den sterbenden Schwan gespielt, eine dreifache Rolle seitwärts geturnt und mit schmerzverzerrtem Gesicht ein zutiefst männliches „Auaa“ oder „Ahhh“ ausgerufen. Aber das schenke ich mir – hier interessiert das eh keinen. Ich bin zu Gast bei den Jungs vom ASC Westerwald Giborim – und die haben für Weicheier vermutlich in etwa so viel übrig wie ein Sumo-Ringer für Eiskunstlauf. Mein Redakteursjob beim General-Anzeiger im warmen, beheizten Büro in Dransdorf ist gerade ganz weit weg.

Lange Jogginghose bei zehn Grad

Rückblick: Ich komme eine halbe Stunde zu spät am Sportplatz in Windeck-Öttershagen an – hierhin haben mich die Leser für das „G-A-Team“ geschickt. Dass ich bei rund zehn Grad Außentemperatur eine lange Jogginghose trage, bringt mir nur bedingt Sympathiepunkte ein.

Es folgt die erste Einweisung. Ich frage Trainer Sascha Krämer, ob die Jungs es eventuell sachte angehen lassen können, damit ich mich hier nicht verletze. Seine Antwort: „Dafür kann ich nicht garantieren.“ Ich soll einfach darauf achten, dass ich den Kopf beim Tackling in den Nacken lege, damit mein Genick nicht in Mitleidenschaft gezogen wird – ich gehe tiefenverspannt in die erste Übung.

Mit dem Ball in der Hand geht es über blaue Schaumstoffbalken, die in regelmäßigen Abständen vor mir aufgereiht liegen. Am Ende des Parcours wartet der Trainer und dreht seinen Körper entweder nach links oder nach rechts – ich muss in die jeweils entgegengesetzte Richtung ausweichen. Kein Problem, denke ich mir, während ich über die sechs Balken springe. Später wird mir erklärt, dass ich den Ball völlig falsch gehalten habe.

Zum Glück ist da Lucas. Er spielt auf der Position des Runningbacks – und macht somit den Job, den ich später übernehmen soll. Er erklärt mir, wie ich den Ball halten muss, damit ich mir nicht die Finger breche: Zeige- und Mittelfinger liegen in der Regel seitlich versetzt neben der oberen Spitze des Balls, damit sie bei einem Tackling des Gegners nicht gequetscht werden.

Schulterpolster als Figurschmeichler

„Verstanden“ nuschle ich kaum hörbar. Reden klappt gerade nicht so gut. Das liegt zum einem am Kieferschutz, der an meinem Kinn befestigt ist – und der meinen Unterkiefer so geschmeidig werden lässt wie Beton. Zum anderen ist da dieser Gummimundschutz, der konstant in meiner Kauleiste hängt.

Abgesehen davon, bin ich schon ziemlich zufrieden mit dem Outfit. Vor allem die breiten Schulterpolster schmeicheln meiner Figur. Popeye kann definitiv einpacken.

Aus der Ferne sehe ich dann aber etwas Großes, das meine Aufmerksamkeit erregt – in der Spielergruppe nebenan, wo die Männer der Defense trainieren, erspähe ich einen Hünen, der größer und stärker zu sein scheint als die anderen um ihn herum. Ich spreche den Trainer auf den Koloss an und frage, ob ich mal in ein Eins-gegen-Eins-Duell gegen „den dahinten“ gehen darf. Krämer lacht und schaut mich leicht irritiert an: „Das ist Sebi! Sorry, aber der würde dich zermalmen.“

Alles klar, dann doch lieber noch ein paar Trockenübungen vor dem Abschlussspiel. Diesmal liegen die blauen Schaumstoffbalken neben- und nicht hintereinander. Der Trainer sagt mir Nummern von zwei bis fünf an, die jeweils für die Balken stehen, an denen ich auf Kommando vorbeilaufen muss. Falls das die äußeren beiden Balken sind, muss ich den Ball fangen, wenn es die inneren sind, muss ich ihn per Übergabe aufnehmen. Bis ich es richtig mache, vergehen einige Minuten – doch es lohnt sich, im Spiel habe ich später einen Wissensvorsprung.

Und den brauche ich auch. Denn physisch sind die Jungs hier gut in Form. Der Großteil ist Mitte 20, wie mir erzählt wird. Erstaunlich. Dann sind die wohl einfach schneller gewachsen als ich, denke ich mir, als die Männer von der Defense zu uns stoßen, um sich die Erläuterungen des Trainers anzuhören. Einige von denen haben doppelt so muskulöse Beine und Arme wie ich. Für einen Rückzieher ist es allerdings zu spät. Der Trainer bittet bereits zum Abschlussspiel und stellt uns auf – ich soll als Runningback hinter die gegnerischen Linien vordringen.

Aus dem Huddle in die Dunkelheit

Vorher treffen wir uns aber noch zum sogenannten Huddle. Im Kreis stehend, sprechen wir im Team unseren nächsten Spielzug ab – überhaupt habe ich das Gefühl, dass im Football Teamwork einer der wichtigsten Bausteine für Erfolg ist. Ich verstehe nicht sofort alles, was hier besprochen wird, aber die anderen erklären es mir. Dann geht es los.

In zwei leicht versetzten Reihen stehen meine Teamkameraden und die gegnerischen Spieler zum Snap – dem Anstoß – an der Linie. Draußen stehen ein paar Zuschauer, die uns neugierig beobachten – ich bin erleichtert: Sonst schauen rund 200 bis 500 Menschen den Spielen des ASC Westerwald Giborim zu. Heute sind es vielleicht zehn.

Dann geht es plötzlich ganz schnell. Nach dem Snap geht der Ball an unseren Quarterback Simon. Wie vorher besprochen, wirft er mir den Ball zu, während ich ihn links überhole. Vor mir läuft unser Fullback „Reddi“. Seine Aufgabe: mir den Weg so gut es geht freiräumen. Nur wenige Sekunden später wird er durch einen Gegenspieler ausgeschaltet. Ich muss auf eigene Faust weiterlaufen. Doch ich bin umringt von Gegenspielern, ein Tackle von der Seite. Das Licht geht aus.