GA-Sportlerwahl

Klosterhalfen ist Sportlerin des Monats

Dieses war der jüngste Streich: Konstanze Klosterhalfen nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der Hallen-EM in Belgrad.

Dieses war der jüngste Streich: Konstanze Klosterhalfen nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der Hallen-EM in Belgrad.

BONN/FLAGSTAFF. Die GA-Leser haben Konstanze Klosterhalfen zur GA-Sportlerin des Monats Februar gewählt. Für ihre Erfolgsgeschichte gibt es Gründe: ein außergewöhnlicher Stoffwechsel und ein „afrikanischer“ Körperbau.

Laufen, laufen, laufen. Immer weiter, immer schneller. Das ist Alltag für Konstanze Klosterhalfen, die von Königswinter-Bockeroth ausgezogen ist, um die Leichtathletik-Welt zu erobern. Nun ist die 20-Jährige – quasi im Vorbeilaufen und alles andere als überraschend – zur GA-Sportlerin des Monats Februar gewählt worden. „Es freut mich sehr, dass so viele für mich abgestimmt haben“, ließ sie per Mail aus den USA wissen, wo Klosterhalfen derzeit im Höhentrainingslager weilt.

Zum zweiten Mal nach Mai 2016 lag sie in der Gunst der Leser dieser Zeitung vorne. Mit 42 Prozent der Stimmen und klarem Vorsprung vor Baskets-Spielmacher und Publikumsliebling Josh Mayo (26 Prozent). Auf den Plätzen drei bis fünf landeten Lena Schöneborn – die Moderne Fünfkämpferin der SSF Bonn war ein halbes Jahr nach ihrem Olympiadebakel als Weltcup-Siegerin in Los Angeles erfolgreich auf die Wettkampfbühne zurückgekehrt – und zwei deutsche Badmintonmeister: Raphael Beck und Luise Heim vom 1. BC Beuel.

Klosterhalfen hatte im Februar als deutsche Hallenmeisterin über 1500 Meter mit historischem Abstand (mehr als 20 Sekunden Vorsprung) einen deutschen U23-Rekord aufgestellt. Ihr Erfolgsrezept? „Nicht zu viel nachzudenken“, sagt sie. Das Taktieren lässt sie grundsätzlich sein und rennt fast immer vorneweg. „Sie verschwendet keine Energie darauf, nervös zu werden“, erklärt einer, der es wissen muss: Paul Heinz Wellmann, Olympiadritter über 1500 Meter von 1976 und Geschäftsführer von Klosterhalfens Club TSV Bayer 04 Leverkusen. „Koko kann das neue Gesicht der Bayer-Leichtathletik werden“, sagt Wellmann. Eines wie früher die Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius beispielsweise.

Dieser Tage spult Klosterhalfen jede Menge Trainingskilometer auf der so genannten „Kenia-Piste“ ab. Nicht etwa in der Höhenlage Ostafrikas, aber dennoch etwa 2000 Meter über dem Meeresspiegel: In Flagstaff im US-Bundesstaat Arizona hat die Mittelstrecklerin aus dem Siebengebirge mit einer Läufergruppe ihres Vereins ein Trainingslager bezogen. Für Klosterhalfen ist der Aufenthalt in den USA ein großes Erlebnis. „Da ich noch nie in Amerika war, genieße ich es alles sehr – die Landschaft, die Leute“, erzählt sie am vierten Tag des Trainingslagers. Was sie am meisten beeindruckt: „Die riesigen Supermärkte.“

Die "Kenia-Piste"

Die „Kenia-Piste“ hat ihren Namen schon ein Vierteljahrhundert. Dort trainierte Dieter Baumann 1992 vor seinem Olympiasieg in Barcelona. Damals wurde im Läuferlager der Name für die unbefestigte, staubige Straße geboren. Wegen der rotbraunen Farbe des sandigen Untergrunds, der Afrika-erfahrenen Langstreckler an die Beschaffenheit der Laufstrecken in der Heimat der meisten Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordler erinnerte. Auch in der Generation Klosterhalfen ist die Vokabel „Kenia-Piste“ noch geläufig, beim Austausch mit Laufprofis aus anderen Nationen ist es die „Kenia-Road“.

Wenn nicht gerade die Erdmännchen grüßen, die auf dem Feld neben der staubigen Straße immer wieder neugierig ihre Nase aus den Bodenlöchern stecken, hat Klosterhalfen dieser Tage alle Zeit der Welt, um in ihren Gedanken zu versinken. Um zu genießen. Um mal wieder das 1500-Meter-Rekordrennen der Leipziger Hallen-DM Revue passieren zu lassen, sich über ihre zweite Kür zur GA-Sportlerin des Monats zu freuen. Oder über die Silbermedaille von der Hallen-EM, die sie in Belgrad hinter der Britin Laura Muir gewann und die ihr zwangsläufig die neuerliche Nominierung für die GA-Sportlerwahl einbringen wird. Denn es war schon Anfang März, als sie sich mal wieder selbst übertraf – mit neuem deutschen U23-Rekord (4:04,45 Minuten).

Es gibt Erklärungen für Klosterhalfens schier unglaubliche Entwicklung, die längst nicht mehr nur die deutsche Leichtathletikszene aufhorchen lässt: Sportwissenschaftler am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig bescheinigen ihr eine erstaunliche Laktatresistenz. Heißt vereinfacht ausgedrückt: Ihre Muskulatur übersäuert bei hoher Belastung langsamer als die anderer Spitzenathletinnen – Klosterhalfens Stoffwechsel ist außergewöhnlich.

Die weiße Massai

„Sie ist fleißig, zielstrebig und hat Ausdauerwerte, die man nicht oft findet“, sagt Wellmann. Zudem wiegt Klosterhalfen bei 1,74 Meter Körperlänge nur rund 50 Kilogramm und hat ungewöhnlich lange Beine. Ein solches Last-Kraft-Verhältnis findet man vornehmlich bei Afrikanerinnen. Wenn also Baumann der weiße Kenianer war, dann könnte Klosterhalfen die weiße Massai werden.

In Flagstaff, auf der „Kenia-Piste“, bereitet sich Klosterhalfen nun auf neue Großtaten vor. „Die Freude aus der Hallensaison möchte ich einfach mit in den Sommer nehmen“, sagt sie. Noch mehr als über die bisherigen Erfolge freut sich die stets bescheiden wirkende Studentin auf die Saisonhöhepunkte, die 2017 anstehen: Die deutschen Meisterschaften Anfang Juli in Erfurt, und selbstverständlich die Weltmeisterschaften vier Wochen danach in London.

Denn um weiter an seiner Erfolgsgeschichte zu schreiben, darf das Mädel aus Bockeroth in Flagstaff genau das tun, was seinem Naturell am meisten entspricht: Laufen, laufen, laufen.