Die Sonntagskicker

Schiedsrichter Peter Bollig aus Bonn macht Schluss

„Schau mir in die Augen“: Mit bestimmtem Auftreten hat sich Peter Bollig als Unparteiischer im Bonner Fußballkreis in den vergangenen vier Jahrzehnten viel Respekt verschafft.

„Schau mir in die Augen“: Mit bestimmtem Auftreten hat sich Peter Bollig als Unparteiischer im Bonner Fußballkreis in den vergangenen vier Jahrzehnten viel Respekt verschafft.

Bonn. Mit über 2000 geleiteten Spielen ist Schiedsrichter Peter Bollig ein Urgestein im Bonner Fußball. Der 76-Jährige musste in dieser Zeit die ein oder andere brenzlige Situation überstehen. Am Jahresende macht er im Seniorenbereich Schluss.

Entschlossen schreitet Peter Bollig die Grundlinien des Aschenplatzes in Schwarzrheindorf ab. Mit geschultem Blick kontrolliert er die Netze der Tore. „Das muss ja alles seine Ordnung haben“, sagt er. Das hellblaue Trikot strahlt geradezu in der Sonne – frisch gewaschen und gebügelt. Auf der Rückseite ist das Emblem der Champions League abgebildet.

Königsklasse wird aber nicht gespielt. In der Kreisklasse D trifft an diesem Sonntag Preußen Bonn auf die dritte Mannschaft des Oberkasseler FV. Mit festem Händedruck und freundlichem Lächeln begrüßt Bollig die Spieler. Der Schiedsrichter ist eine imposante Persönlichkeit in seinem Outift. Seit 40 Jahren ist der 76-Jährige Schiedsrichter des Fußballverbandes Mittelrhein und damit einer der Dienstältesten. „Der Peter ist ein Schiedsrichter, dem es in seiner gesamten Schaffenszeit gelungen ist, die Spiele vernünftig zu leiten“, sagt der Vorsitzende des Bonner Fußballkreises, Jürgen Bachmann. „Er hat sie nicht einfach über die Bühne gebracht, er hat sie geleitet. Das ist ein wichtiger Unterschied“, ergänzt Bachmann.

Und es waren nicht wenige: In über 2000 Partien hieß der Schiedsrichter Peter Bollig. „Es gibt keinen Platz im Fußballkreis, auf dem ich nicht schon unterwegs war“, sagt er. Vermutlich gibt es auch nur wenige Spieler in der Gegend, die noch nicht unter seiner Leitung gespielt haben. Günter Seele hat den Schiedsrichter als Spieler und Spielertrainer erlebt. „Wenn der Peter aufhört, brauche ich meine Schuhe ja auch nicht mehr zu schnüren“, sagt Seele. Er erinnert sich gerne an die Spiele mit Bollig. „Der Peter hat mal einem meiner Spieler kurz vor Spielende die Gelb-Rote Karte gezeigt, obwohl das Foul schon dunkelrot war“, erzählt Seele. „Peter sagte dann nur: "Den Thomas, den kennen wir doch, der kann ja nichts dafür.“

Schiedsrichter seit den 1970-er Jahren

Der 76-Jährige steht seit seiner Kindheit auf dem Sportplatz, seit 1948 im Dienste des TuS Dransdorf. Zunächst als Spieler, dann als Betreuer und Schiedsrichter. „Ich war damals rechter Läufer. Schnell genug war ich“, sagt Bollig. In den 1970-er Jahren leitete er dann die ersten Spiele. Premiere feierte er bei der Partie zwischen dem Türkisch-Deutschen SSV und dem SV Ennert. In Erinnerung geblieben ist ihm eine Begegnung zwischen dem TDSSV und dem VfL Alfter 1978. „Da habe ich einen Strafstoß neunmal wiederholen lassen“, sagt er. „Der Torwart hatte sich jedes Mal zu früh bewegt. Die haben sich vielleicht geärgert.“

Es gehört dazu, dass Spieler sich über den Schiedsrichter ärgern. Auch über Peter Bollig. „Natürlich macht man Fehler. Aber nie mit Absicht. Man kann mir nie vorwerfen, ich wäre auf einem Auge blind. Wenn schon auf beiden“, sagt er. „Nach dem Spiel haben wir alle gemeinsam gelacht. Das gehört halt auch dazu.“

Seit dieser Zeit hat sich viel getan. Die Regeln haben sich verändert. Aber auch das Miteinander auf dem Platz. „Heutzutage gibt es viel mehr versteckte Fouls als früher. Vielleicht hat uns damals die nötige Cleverness gefehlt“, meint Bollig. Und: „Mir fehlt es aber auch am Respekt gegenüber dem Gegner.“ Ein rotes Tuch für Bollig.

„Wir haben mal ein Spiel gegen Preußen Bonn 2:1 gewonnen. Den entscheidenden Treffer haben wir in der 88. Minute erzielt“, erinnert sich Seele. „Der Gegner hat wie blöd auf ihn eingeredet, sich diverse Gelbe Karten eingehandelt. Er hat genau nach 90 Minuten abgepfiffen – und sagte dann nur: Die hätten mal besser mehr gespielt als geredet.“

Kritik prallt ab

Auch an diesem Nachmittag versucht Bollig, aufkommende Diskussionen im Keim zu ersticken. Nach einem harmlosen Foul redet ein aufgebrachter Spieler auf ihn ein. Bollig fackelt nicht lange und zieht die Gelbe Karte. „Willst du lieber duschen gehen?“, fragt er. „Das geht ganz schnell.“ Schnell ist wieder Ruhe auf dem Platz. Doch das funktioniert nicht immer.

Kürzlich musste Bollig ein Spiel in der Schlussphase abbrechen. Nach einer Roten Karte war es zu Tumulten gekommen. Spielabbrüche sind in der Kreisklasse keine Seltenheit. Auch die Unparteiischen werden schon mal angegangen. „Zwei Dinge hatte ich nie“, sagt Bollig lachend: „Angst und Geld.“

Auch in dieser Partie zieht der erfahrene Referee eine Ampelkarte. Der Gelbsünder der ersten Halbzeit war auch mit einer Entscheidung kurz vor Spielende nicht einverstanden. Kritik kommt vor, aber sie prallt an ihm ab. „Dann soll es der Kritiker doch besser machen“, findet Bollig: „Ich ziehe meine Linie durch. Bei mir gibt es nur ,Ja' oder ,Nein', niemals ein ,Jein'.“

Mehr Zeit für die Enkel

Ende des Jahres leitet der ehemalige Sparkassenangestellte sein letztes Senioren-Spiel. Für Jürgen Bachmann ein herber Verlust. „Das sind die Schiedsrichter, die die Kreisklasse in- und auswendig kennen“, sagt der Kreisvorsitzende. „Gerade in der Kreisklasse muss man ja schon mal mit dem einen oder anderen Chaoten klarkommen. Ich würde mir wünschen, dass sich ein junger Schiedsrichter mal ein Spiel von einem erfahrenen Mann wie Bollig anschaut.“

Das wünscht sich auch der Anhänger des 1. FC Köln. „Die jungen Schiedsrichter sollen erst einmal Leistung bringen und nicht zu Beginn der Karriere auf den Platz kommen, als wären sie der große Macker“, sagt Bollig. Ob ihm die Arbeit als Referee fehlen wird? „Wieso? Ich habe doch Enkelchen. Ist doch schön, wenn der Opa jetzt mehr Zeit hat.“ Für die Enkel ja, für die Akteure der Kreisklasse ist sein Abschied ein Verlust.