Glorreiche Zeiten und ein genialer Fußballer

SV Siegburg 04 feiert seinen 100. Geburtstag - An der Waldstraße startet Wolfgang Overath seine Karriere - Weltmeister kommt mit 1. FC Köln zum Jubiläumsspiel

Siegburg. Der Siegburger Sportverein, der Bonner SC, Bayer Leverkusen und Schalke haben eines gemeinsam: Sie führen die 04 im Vereinsnamen. Als ältester Fußball spielende Verein im Rhein-Sieg-Kreis befindet sich der SSV 04 in erlesener Gesellschaft, denn auch der Welt-Fußball-Verband FIFA wurde vor 100 Jahren gegründet.

Für den SSV sind zwei Termine im Geburtstagsjahr besonders wichtig: das Jubiläumsspiel am kommenden Dienstag im Walter-Mundorf-Stadion gegen die Profis des 1. FC Köln, zu dem rund 11 000 Zuschauer erwartet werden, und die Jubiläums-Gala im Oktober im Schützenhaus.

1904 schossen in Siegburg die Fußballvereine binnen weniger Monate wie Pilze aus dem Boden. Sechs waren es, darunter auf Initiative von Jakob Inhausen auch der Fußballklub 04.

Zwei Jahre später führten Differenzen zum Austritt einiger Mitglieder, die den FC Adler Siegburg gründeten. Beide Vereine waren spielstark und stiegen von der C- in die B-Klasse auf. Recht bald hatte man sich wieder vertragen. Aus dem Fußballklub 04, dem FC Adler und dem VfB Adler entstand am 9. Juli 1909 der SSV 04.

Der Zusammenschluss zeitigte schnelle Erfolge. Schon 1911 spielte der SSV mit Kölner und Bonner Vereinen in der A-Klasse, der damals höchsten Spielklasse. 1920 stieg der SSV sogar in die höchste westdeutsche Spielklasse auf, ein Jahr später wieder ab.

Trotz Inflation und großer wirtschaftlicher Probleme kletterten die Mitgliederzahlen rapide. 1923/24 spielten fünf Senioren-, sieben Jugend- und eine Altherren-Mannschaft in den blau-weißen Trikots.

Auch Hockey wurde gespielt sowie Hand-, Schlag- und Faustball. Dazu gesellten sich die Leichtathleten und der Kegelklub "Lustige Sportbrüder". Sportliche Heimstatt war zunächst der Platz im Wald hinter der heutigen Steinbahn. Von dort wechselte der Verein später auf den Platz an der Waldstraße. Mit dem Walter-Mundorf-Stadion hat er in seiner 100-jährigen Geschichte erst den dritten Standort.

1931 ereignete sich in Siegburg etwas, was heute noch schmunzeln lässt. Der SSV war in die höchste Amateurklasse aufgestiegen, und die Spieler erhielten besondere Präsente.

Das Textilhaus Voss am Markt (heute Büttgen) stiftete nagelneue blaue Anzüge, und das Kaufhaus Hermann Hamberg legte fesche Sportmützen und die Krawatten dazu.

Diese "Staatskluft" aber war den Oberen des Verbandes ein Dorn im Auge. Der SSV wurde vors Sportgericht zitiert und wegen Verstoßes gegen das Amateurstatut gesperrt. Wegen desselben Deliktes traf auch Schalke 04 der Bannstrahl der Sportgerichtsbarkeit.

Dass in der Kreisstadt bis Ende des Zweiten Weltkrieges gekickt werden konnte, war Jakob Balensiefen und Erich Mannebach zu verdanken. Balensiefen, damals im städtischen Quartieramt angestellt, wo die Soldaten der Flakstellung Seligenthal ihre Quartiere zugewiesen erhielten, richtete stets seine erste Frage an die Soldaten: "Können Sie Fußball spielen?"

War dies der Fall, wurde der Betreffende in die "Soldaten-Elf" des SSV 04 eingereiht. Nur wenige SSVer spielten damals in der Ersten. Kaum ruhten 1945 die Waffen, wurde der SSV zu neuem Leben erweckt.

Er spielte mit Troisdorf 05, TuRa Hennef, Bergisch Gladbach 09, VfR Köln und Preußen Dellbrück in der höchsten Klasse, der Landesliga. Die Siegburger belegten Platz fünf und nahmen an den Aufstiegsspielen zur neu gegründeten Oberliga West teil.

Der Mannschaft blieb zwar der Aufstieg verwehrt, aber die Runde gegen so namhafte Gegner wie Hamborn 07 und die Rheydter Spielvereinigung war einer der sportlichen Höhepunkte der Vereinsgeschichte.

1953 zählte der SSV 650 Mitglieder, stieg 1958 nach mehreren Anläufen in die Verbandsliga auf, gewann zwei Jahre hintereinander die Vizemeisterschaft und durfte sich nach Saison 1960/61 Mittelrhein-Meister nennen.

Das Team spielte sich ins Finale um die deutsche Fußballamateur-Meisterschaft und verlor es in der "Sonnenschlacht" im Niedersachsen-Stadion in Hannover mit 1:5 gegen Holstein Kiel.

Die Partie vor 80 000 Zuschauern war das Vorspiel zum Finale der Profis zwischen dem 1. FC Nürnberg und Borussia Dortmund. Seinerzeit titelte die Bild-Zeitung im Vorbericht: "Sie spielen auf einem Acker". Der Fußball-Begeisterung in Siegburg tat dies keinen Abbruch: Am 24. Juni 1961 jedenfalls war die Kreisstadt nachmittags wie leergefegt. Wer nicht in Hannover war, saß vor dem Fernseher.

Eine Woche lang war die Truppe in der Sportschule Barsinghausen bei Hannover im Trainingslager. Das Quartier passte Trainer Karl Heimers gar nicht ins Konzept. Der Sportschule war nämlich ein Lokal zugeordnet, in dem bis spät in die Nacht "die Post abging", was einigen Spielern den notwendigen Schlaf und wohl die Kondition geraubt hatte.

Heimers wäre lieber in die Turnhalle umgezogen, in der der 1. FC Nürnberg einquartiert war. Zurück in Siegburg, empfingen 10 000 begeisterte Fans die Mannschaft auf dem Marktplatz.

Der heute amtierende Vorsitzende Jochen Alda, seinerzeit jüngster Spieler des Vizemeisters, und Ex-Geschäftsführer Rudi Henseler, seit 61 Jahren Mitglied im SSV, erinnern sich: "Wir sind im Stadion von Hannover in Trainingsanzügen aufgelaufen, die uns als Westdeutscher Meister der Westdeutsche Fußball-Verband geliehen hatte. Wir hatten keine eigenen."

Die Stollenschuhe für den Rasenplatz im Stadion spendierte Malermeister Königsfeld. Die Spieler besaßen keine, weil sie ausschließlich auf Aschenplätzen spielten. Fürs Erreichen des Endspiels erhielt jeder Spieler 150 Mark sowie die Erstattung seines Lohnausfalls für eine Woche Trainingslager.

Mit erfrischendem Angriffs-Fußball hatte die junge Mannschaft 1961 für Furore gesorgt und die Fans in Scharen zur Waldstraße gezogen. Im Derby gegen Troisdorf 05 drängten sich nahezu 6 000 Menschen um den Aschenplatz.

Die Troisdorfer Fans waren in Scharen und mit Fahnen über die Aggerbrücke angerückt. Die damals noch verkehrende Zündorfer Bahn transportierte die Fans mit Sonderfahrten in die Kreisstadt.

Die fuhren, weil sie drinnen keinen Platz mehr fanden, zum Teil auf den Trittbrettern mit. Gustav Lauterbach hieß damals der SSV-Vorsitzende. Ihn löste 1968 Günter Müller ab. 1970 übernahm dann Walter Mundorf den Vorsitz. "Genau zum richtigen Zeitpunkt", wie Rudi Henseler versichert. Denn von den Einnahmen aus den Spielen um die deutsche Meisterschaft lebten die Siegburger bis 1970.

Mit dem Unternehmer Walter Mundorf wurde alles etwas einfacher. Ihm und seiner Frau Christel verdankt der Verein viel. Nach dem Stabwechsel 1990 an Joseph Delling war Mundorf zwei Jahre später wieder an der SSV-Spitze.

Im Juli 1995 übernahm dann Jochen Alda das Ruder. Der "Boss", wie die SSVer Mundorf liebevoll nannten, starb viel zu früh 1998. In seine Ära fiel unter anderem das 1976 fertig gestellte neue Stadion - Bundesligist Hertha BSC Berlin kam zur Einweihung.

1977 stand das Tor zum Profi-Fußnball weit offen. Das Team qualifizierte sich 1977 für die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga, scheiterte letztlich aber im eigenen Stadion vor 11 000 Zuschauern mit 0:1 am 1.FC Bocholt. In den 80er Jahren gastierte der 1. FC Köln schon mal in Siegburg, und 1989 war das Stadion wieder ausverkauft, als die Nationalmannschaft mit Teamchef Franz Beckenbauer vor dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Italien 1990 ein Trainingsspielchen absolvierte. Danach hat der SSV, seit 1974 um eine Badminton-Abteilung reicher, sportlich zwischen Verbands- und Landesliga gependelt.

Zu den herausragenden Sportlern des Vereins zählt natürlich Wolfgang Overath. Der designierte Präsident des 1. FC Köln hat mit sieben Jahren beim SSV an der Waldstraße mit dem Fußballspielen begonnen und von dort aus seine einmalige Karriere gestartet.

Als 15 Jahre alter B-Jugendlicher bestritt er sein erstes Länderspiel im A-Jugend-Team. Außer Uwe Seeler schaffte das in Deutschland niemand. Die zusätzlichen Trainingseinheiten in der Sportschule Hennef, zu denen Wolfgang Overath als Jugendlicher jede Woche zweimal radelte, machten sich bezahlt.

Mit der Erfahrung von zwei Jugend-Europameisterschaften wechselte er als 17-Jähriger zum FC Köln. Die Statuten sahen dafür eine einjährige Sperre vor. "Der FC hat eigens für mich und den von Porz gewechselten Wolfgang Weber zahlreiche Testspiele abgeschlossen, damit wir Spielpraxis bekamen", erinnert sich Siegburgs Ehrenbürger.

Mit Einführung der Bundesliga war Overath dabei, inklusive Stammplatz in jenem FC-Team, das unter Georg Knöpfle gleich Meister wurde. Und prompt berief ihn Sepp Herberger in die Nationalmannschaft.

Dem Geißbock blieb er treu - wie seinem Geburtsort auch. Das Trikot der Nationalmannschaft zog er nach 81 Länderspielen endgültig aus. Mit 33 Jahren machte er beim FC Schluss.

Sein viel zitiertes "Siegburg ist meine Heimat" hat der Fußball-Weltmeister von 1974 jetzt untermauert. Ohne ihn gäbe es den Auftritt der FC-Profis zum Jubiläum in Siegburg sicher nicht.