Kommentar zur Gewalt im Fußball

Kopf aus dem Sand

Fans sollen nicht mehr kollektiv für Ausschreitungen kleiner Gruppen bestraft werden.

Fans sollen nicht mehr kollektiv für Ausschreitungen kleiner Gruppen bestraft werden.

Bonn. Die Fan-Krawalle in den Fußball-Stadien werden heftiger. GA-Redakteur Gert auf der Heide findet, dass die Bundesligisten mehr Geld in nachhaltige Sozialarbeit investierten sollten anstatt in Soziale Medien.

Im Fernsehen werden Bilder gezeigt von vermummten Gestalten, die Pyrotechnik einsetzen. Von herausgerissenen Sitzschalen. Von Prügeleien mit kaum auszuhaltender Brutalität. Ultras, Hooligans. Die erste Reaktion ist: Die machen unseren Fußball kaputt, unsere nette Unterhaltungsshow. Also reagiert der Fußball mit großer Härte - oder steckt den Kopf in den Sand.

Verbände und Vereine haben es lange versäumt, sich dem Problem wirklich zu stellen. Gewalt macht Angst, Gewalt ist nicht gut. Also scheut man es, sich nicht nur mit den Phänomenen, sondern auch mit den Ursachen auseinanderzusetzen. Und die sind komplexer, als viele glauben. Insofern ist es nicht nur fällig, sondern überfällig, dass DFB-Präsident Reinhard Grindel nun einen Dialog einleiten will. Jede Problemgruppe in unserer Gesellschaft wird mit Dialogangeboten überhäuft. Warum nicht auch Problemfans?

Worüber reden wir eigentlich? Nicht mehr über Hooligans, denn dass sich Menschen mit Neigung zur Gewalt im Namen des Fußballs auf der grünen Wiese verabreden, um sich hemmungslos zu prügeln, ist weniger das Problem. Was sich im kollektiven Gedächtnis eingebrannt hat, sind die Bilder von lodernden Fackeln auf der Tribüne - Ultras.

Viele, die unter diesem Namen subsumiert werden, stehen dabei allenfalls am Rande. Sie sind leidenschaftliche Fans ihres Vereins. Sie sind oft gebildet, haben oft gute Jobs und sind noch öfter frustriert von der Kommerzialisierung des Fußballs und der zunehmenden Entfernung von der Basis. Wenn man so will, drückt sich in ihren Aktionen enttäuschte Liebe aus. Das ist die Mehrheit. Es gibt mittlerweile einige Publikationen, die das sehr präzise beschreiben. Werden diese Leute erreicht, entsteht die Möglichkeit, dass sie die wenigen Gewalttäter ausgrenzen, die den Fußball als Bühne missbrauchen. Eine Art Selbstreinigungsprozess.

Das Wort "sozial" kommt im Profifußball vor allem im Zusammenhang mit Social Media vor. Die entsprechenden Abteilungen der Bundesligisten wachsen ständig. Es wäre wichtig und richtig, stünde der Fußball ebenso sehr für nachhaltige Sozialarbeit. Das kostet womöglich viel Geld, aber wer Ablösesummen von 50 Millionen Euro und mehr kassiert ...