DFB-Pokalfinale

Ein Drehbuch mit Happy-End für Manuel Neuer

Berlin. Ein "besseres Drehbuch" hätte Manuel Neuer fürs Pokalendspiel nicht schreiben können: Nach einem verkorksten Jahr mit dem desolaten WM-Aus und nach sechs Wochen Wettkampfpause glückt dem Nationaltorhüter ein Weltklasse-Comeback.

Als der Großteil der Spieler in Rot auf dem Siegerpodest zu den ersten Tanzeinlagen ansetzte und Trainer Niko Kovac stolz, aber sichtbar gerührt die wenigen Stufen auf eben jene Bühne schritt, da klatschte sich Bayern-Keeper Manuel Neuer in die Hände, zupfte die Ärmel seines grünen Trikots zurecht und machte noch ein paar Dehnübungen – zufrieden, lächelnd, mit sich und der Welt im Reinen. Dann trat auch der Kapitän des FC Bayern München den Weg zu den Feierlichkeiten an.

Nach dem 3:0-Erfolg über RB Leipzig vor 74.322 Zuschauern im Berliner Olympiastadion durch die Tore von Robert Lewandowski und Kingsley Coman, dem 19. Pokalsieg und dem zwölften Double der Vereinsgeschichte, war dem Nationaltorhüter die Erleichterung anzusehen. Als er um 22.18 Uhr den goldenen Pokal in den Berliner Nachthimmel hob, fielen dem 33-Jährigen scheinbar gleich tonnenschwere Felsen vom Herzen.

Nein, dieses Mal würde er nicht wie noch zum Bundesliga-Finale die Schale nun den umjubelten Abgängern und gedienten Bayern-Spielern Franck Ribery, Arjen Robben und Rafinha den Pokal umgehend überlassen. Dieser Moment gehörte Neuer.

Nach einem verkorksten Jahr mit dem desolaten WM-Aus, den kontinuierlich lauter werdenden Stimmen, die sich für Marc-Andre ter Stegen als deutsche Nummer eins aussprechen und der jüngsten Verletzung, muss der Pokalsieg und die makellose Leistung des Keepers beim 3:0 wie ein Befreiungsschlag gewirkt haben. „Ich war hochmotiviert, bin im Training bereit gewesen“, sagte Neuer im Interview mit der ARD. „Es war eine Punktlandung, dass wir das geschafft haben, dass ich spielen konnte. Ein besseres Drehbuch hätte man nicht schreiben können.“

Tatsächlich hätte das Drehbuch im Duell gegen die starken Leipziger für Neuer kein besseres sein können. Gleich mehrfach rettete der von einer Wadenverletzung pünktlich erholte Torhüter bei den Angriffen des Gegners spektakulär. Und das war bitter nötig. Denn Leipzig begann die Begegnung gegen den Rekordmeister wild, forsch. Eben genauso, wie es RB-Trainer Ralf Rangnick schon vor dem Spiel gefordert hatte. „Wir müssen mutig, wir müssen leidenschaftlich spielen“, sagte Rangnick. „Wir haben die ersten 30 Minuten annähernd perfekt gespielt. Das einzige was nicht perfekt war, war die Chancenverwertung.“

Die erste halbe Stunde gehörte in der Tat Leipzig. Unter anderem kam Yussuf Poulsen (11.) nach einem Eckball von Marcel Halstenbeck frei stehend zum Kopfball. Der Stürmer wuchtete den Ball Richtung Tor. Neuer rettete mit einem spektakulären Reflex. Poulsen reklamierte zwar bei der Aktion gefoult worden zu sein, doch nach Absprache mit dem Videoassistenten entschied Schiedsrichter Tobias Stieler auf Weiterspielen – eine strittige Entscheidung.

Leipzig blieb auch in der Folge die bessere Mannschaft. So rettete Nationalverteidiger Joshua Kimmich in höchster Not, aber auch hochriskant gegen den freien Poulsen (17.). Bayern wirkte zu diesem Zeitpunkt ratlos, versuchte es mit Distanzschüssen, aber erfolglos. Mitte der ersten Halbzeit übernahm die Kovac-Elf jedoch zunehmend die Kontrolle und wurde umgehend belohnt. Kingsley Coman legte den Ball auf der linken Seite auf David Alaba ab.

Der österreichische Nationalspieler brachte die Flanke von der Grundlinie ins Zentrum. Robert Lewandowski (29.) netzte akrobatisch per Kopf ein. Der Treffer gab den Bayern Selbstvertrauen, Leipzig wirkte dagegen verunsichert. Der Rekordmeister erarbeitete sich zahlreiche weitere Chancen. Unter anderem scheiterte Mats Hummels (42.) nach einer scharfen Hereingabe des bis dahin unglücklichen Thomas Müller aus wenigen Metern. Der Verteidiger war bereits wenige Minuten zuvor aufgefallen, als er mit einem genialen Pass Coman bediente, der zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen wurde.

In der Kabine schien Rangnick die richtigen Worte gefunden zu haben. Denn Leipzig fand nach dem Wechsel wieder besser ins Spiel. So legte Ibrahima Konaté auf Emil Forsberg auf, der alleine auf Neuer zulief, aber am überragenden Nationaltorhüter scheiterte. „Ich möchte Manuel gratulieren. Er hat uns in zwei Situationen im Spiel gehalten. Dass ist das, was man auf dem Niveau braucht“, sagte Kovac, der mit dem 3:0-Erfolg den zweiten Pokalsieg in Folge feierte. Die Bayern waren dagegen deutlich kaltschnäuziger. Coman (77.) hatte im Sechszehner leichtes Spiel mit Lukas Klostermann und überwand Peter Gulácsi im Leipziger Tor problemlos. In der Schlussphase erhöhte Lewandowski (85.) auf 3:0. 

Zwar feierten Robben und Ribery mit Kurzeinsätzen ihren Abschied bei den Bayern, die Show gehörte aber Lewandowski und Neuer. „Ich hab Manuel als Trainer selbst gehabt. Mir braucht keiner zu erzählen, was er für ein außergewöhnlich guter Torhüter ist“, gab auch der unterlegene Trainer Rangnick zu, der mit dem 0:3 die zweite Niederlage in seinem dritten Pokalfinale kassierte. Für Neuer endete das Drehbuch mit einem Happy-End: Mit dem Pokal im Berliner Nachthimmel.