Testspiel in Berlin

Deutsche Mannschaft verliert gegen England 2:3

Jonathan Tah gab sein Debüt für Deutschland.

Jonathan Tah gab sein Debüt für Deutschland.

26.03.2016 Berlin. Die deutsche Mannschaft hat gegen England mit 2:3 verloren, dabei einen 2:0-Vorsprung verschenkt und erkennen lassen, dass zur EM im Sommer in Frankreich noch jede Menge Arbeit wartet.

1966, 1970, 1974, 1990, 1996, 2010 - ach, was waren das für herrliche Spiele gegen die Engländer. Klassiker eben. Natürlich bekam auch die Partie der deutschen Nationalmannschaft am Samstagabend gegen die Männer von der Insel dieses Etikett verpasst.

Selbst der "Kaiser" erhob solche Duelle über die meisten anderen: "We call it a classiker", sprudelte es aus Franz Beckenbauer vor einem Test gegen die Briten einmal heraus. Will sagen: Etwas Außergewöhnliches kündigt sich an. Von einer außergewöhnlichen Leistung war die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw im Test am Samstagabend gegen die Engländer allerdings weit entfernt.

Sie verlor vor 71.400 Zuschauern mit 2:3 (1:0), verschenkte dabei einen 2:0-Vorsprung und ließ erkennen, dass zur EM im Sommer in Frankreich noch jede Menge Arbeit wartet. Ohnehin war die sportliche Emotionalität vor dem jüngsten Aufeinandertreffen der beiden Nationen im Olympiastadion etwas in den Hintergrund gerückt.

Das Spiel stand eher als Klassiker "light" auf der Tageskarte. Die Debatte um die Sicherheit in Berlin und die latente Bedrohung durch mögliche Terrorakte hatten den sportlichen Reiz gemindert. Im Stadion gab es eine Schweigeminute für die Opfer der jüngsten Anschläge in Brüssel. Andächtige Stille herrschte aber auch danach. Auf dem Platz.

Beide Teams spielten nicht so, dass die Zuschauer sich vor Begeisterung heiser brüllen mussten. Nach einigen Unkonzentriertheiten fand die deutsche Elf dann aber besser ins Spiel. Der Schuss des wuchtigen Sami Khedira wurde aber noch geblockt (4.). Dann war wieder Ruhe.

Mario Gomez, in der Löwschen Gunst zuletzt deutlich gestiegen, mühte sich. Der Angreifer von Besikats Istanbul war als einzige Spitze aber lange Zeit gut aufgehoben bei den englischen Abwehrkanten um Kapitän Gary Cahill. Mesut Özil, Marco Reus und Thomas Müller, die die englische Defensive unter Druck setzen sollten, kamen nicht in Schwung. Die Engländer standen kompakt, suchten aber auch nach vorne ihre Chance.

Hilfreich waren dabei einige Ballverluste der deutschen Spieler. Am Ende fehlte aber die Präzision, sich wirklich gute Chancen zu erspielen. Im deutschen Spiel klappte nicht viel. Und wenn alles nicht richtig funktioniert, funktioniert immerhin Toni Kroos. Über seine ungewohnten Freiheiten konnte er sich nur wundern. Also lief er er durchs Mittelfeld und schoss - scharf mit links ins untere Eck (43.). Die Führung kam überraschend.

Vielleicht war der englische Torwart Jack Butland aber auch nicht auf der Höhe. Er hatte kurz vor dem Treffer eine Schulterverletzung signalisiert, wurde anschließend vom Platz getragen. Ein aufmunternder Klapps von Löw für Butland, dann war Pause. Der malade Kader mit etlichen Verletzten wie Kapitän Bastian Schweinsteiger, Mittelfeldkollege Ilkay Gündogan oder Abwehrspieler Jerome Boateng hatte Löw zu einigen Umstellungen gezwungen.

Er wollte die Partie zur Erkenntnisgewinnung für die EM nutzen. Seine Spieler, so hatte Löw es gefordert, sollten sie ebenfalls nutzen: als Bewerbung für für einen Platz im EM-Kader. Der Leverkusener Jonathan Tah konnte dies zunächst nicht. Er musste noch auf sein Debüt im Nationalteam warten.

Neben Mats Hummels bot Bundestrainer Joachim Löw Antonio Rüdiger als Innenverteidiger auf. Dafür stand mit Emre Can zumindest ein früherer Bayer-Profi in der Startelf. Sein Pendant auf der linken Verteidigerseite hieß Jonas Hector, der seine Sache im Gegensatz zum schwachen Can ordentlich machte.

 Dann kam die zweite Hälfte und mit ihr Tah als 78. Debütant unter Löw. Der Bayer-Profi sah zunächst einen Fehler Cans, der den Ball im eigenen Strafraum vertendelte. Jordan Henderson nutzte die Chance aber nicht (55.). Das machte im anderen Strafraum Gomez besser. Sami Khedira flankte - und der Torjäger tat, was ein Torjäger zu tun hat. Er traf per Kopf (57.). Die Partie nahm Fahrt auf. Auch in Richtung deutsches Tor. Ein kurzes Nickerchen in der Abwewehr und es stand plötzlich 1:2 (61.). Stürmer Harry Kanes humorloser Schuss war selbst für Manuel Neuer nicht zu erreichen.

Die Gäste wurden mutiger. Und wurden belohnt. Jamie Vardy ließ dabei künstlerisches Talent erkennen. Er lenkte den Ball ins deutsche Tor - mit der Hacke (74.). Ein starker Einstand, der Torjäger aus Leicester war erst drei Minuten zuvor eingewechselt. Doch Schluss war noch nicht. Die Engländer erkannten die Schwächen in der deutschen Abwehr. Eric Diers Kopfball in der Nachspielzeit drehte die Partie endgültig. Neuer war bedient, die Engländer feierten. Und die deutschen Fans pfiffen. (Guido Hain)