Joachim Löw im Portrait

Ein untypischer Bundestrainer

BONN. Wie sieht eigentlich ein Bundestrainer aus? Wie Jupp Derwall? Wie Berti Vogts? Oder wie Jürgen Klinsmann? Jedenfalls nicht wie Joachim Löw. Löw sieht eher aus wie ein Model für Männer-im-besten-Alter-Mode oder ein Deutschlehrer. Man kann ihn sich auch als Betreiber eines gediegenen Geschäfts für erlesene Rotweine vorstellen. Aber Fußball, Schweiß und Männerkameradschaft?

Löw ist der erste Bundestrainer, der abseits des Rasenrechtecks als (Lebe-)Mann wahrgenommen wird. Er ist interessant für Frauenzeitschriften und wird von Frauen interviewt, die kaum etwas zum Fußball fragen. Seltsamerweise stört das keinen Mann an den Fußball-Stammtischen. Löw hat Erfolg und ist deshalb unantastbar. Er ist ein Bundestrainer für alle - Jung, Alt, Mann, Frau. Und sollte er die Nationalelf bei der EM jetzt auch noch zum ersten Titel seit 16 Jahren führen, wäre Günther Jauch wohl nicht länger der vertrauenswürdigste Promi in Deutschland.

Es gibt Interviews mit Joachim, genannt "Jogi", Löw, da äußert er sich seitenlang zu Themen wie, ob er Liebesbriefe bekommt, wie es in seinem Badezimmer aussieht oder wie er es mit Friseurbesuchen hält. Bei "Welt.Online" beantwortete er sogar die Frage nach den Gerüchten über seine angebliche Homosexualität. Der Kern seiner Antwort: "Fragen Sie gerne meine Frau."

Joachim Löw ist souverän, unglaublich souverän. Unvorstellbar, dass er derart ausrastet wie einst Rudi Völler gegenüber dem armen Waldemar Hartmann. Vordergründig hat Löw nicht diese Ecken und Kanten wie seine Vorgänger. Er scheint nicht so ungeduldig zu sein wie Franz Beckenbauer, nicht so misstrauisch wie Berti Vogts, nicht so cholerisch wie Rudi Völler und nicht so aktionistisch wie Jürgen Klinsmann. Vielleicht ist er aber all das auch, nur merkt man es nicht. Wie sehr der 52-Jährige überraschen kann, zeigt ja gerade die Mär vom netten Herrn Löw.

[kein Linktext vorhanden]So schätzte man ihn ein, als er 2006 den Job von Jürgen Klinsmann übernahm. Dass der nette Herr Löw auch anders kann, zeigte sich jedoch schnell: Kevin Kuranyi, der während eines Länderspiels gegen Russland einfach abhaute, obwohl er als Kadermitglied auf der Tribüne saß, und Torsten Frings, der öffentlich mehr Respekt einforderte, spielten bald keine Rolle mehr im DFB-Team. Auch Michael Ballack nutzten seine Verdienste nichts, als seine Art, Fußball zu spielen, überholt schien. Löw kann sehr konsequent sein, wenn es der Erfolg erfordert. Die Betroffenen würden womöglich von Kälte sprechen.

In aller Regel erwiesen sich seine Entscheidungen jedoch als zielführend. Er hat seit 2006 zwar keine komplett neue Mannschaft aufgebaut, weil mit Philipp Lahm, Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Miroslav Klose immerhin noch fünf Protagonisten des "Sommermärchens" an Bord sind. Aber seine Mannschaft spielt mittlerweile einen komplett anderen Fußball: dominierender, filigraner, totaler. Nach Platz zwei bei der EM 2008 und Rang drei bei der WM 2010 wäre die Krönung nun irgendwie logisch. Allerdings war die Vorbereitung zu problembeladen, um den Titel bereits zu verbuchen.

Dass Löw mal ein großer Trainer werden sollte, war nicht unbedingt vorauszusehen. Als Spieler kam er zwar immerhin auf 52 Bundesligaeinsätze, ließ es aber an Schnelligkeit und wohl auch an Biss vermissen. "Der Grat zwischen Temperamentlosigkeit und Coolness ist schmal", hat sein Berater Roland Eitel mal gesagt. "Und früher ist es beim Jogi eher in die erste Richtung gegangen." Als Trainer schien Löw dagegen nicht zu bremsen zu sein. Schon auf seiner ersten Station baute er in Stuttgart Mitte der 90er Jahre das magische Dreieck mit Bobic, Elber und Balakow auf.

Die Schwaben wurden zweimal Vierter, gewannen den DFB-Pokal und standen im UEFA-Cup-Finale. Aber VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder war damit nicht zufrieden. Der knallharte Politiker, vertraut mit allen Ränkespielen, traute dem Leise-Sprecher Löw den ganz großen Wurf nicht zu und setzte ihn vor die Tür. Aus dieser Zeit stammt auch das Etikett vom netten Herrn Löw. Mayer-Vorfelder hatte es ihm verpasst, und er sollte es lange Zeit nicht mehr loswerden.

In den nächsten Jahren tingelte Löw durch die Lande. Istanbul, Karlsruhe, Adana, Innsbruck, Wien. Mal hatte er Erfolg, mal nicht. In Innsbruck wurde er Meister, in Karlsruhe wurde er nach nur 18 Spielen entlassen. Eine Trainerkarriere wie so viele, die irgendwie ziellos verlief. Permanent auf der Suche nach dem richtigen Verein, wo endlich einmal Pott und Deckel zusammenpassen. Womöglich wäre Joachim Löw so etwas wie ein smarter Peter Neururer geworden, wenn 2004 nicht der DFB gerufen hätte.

Dass Löw von Beginn an das fußballerische Hirn des zappeligen Projektleiters Jürgen Klinsmann war, nahm die Öffentlichkeit zunächst nicht wahr. Er galt als der nette Hütchen-Aufsteller, der unter seiner nicht mehr ganz altersgemäßen Ponyfrisur freundlich lächelte und sich ums Betriebsklima verdient machte. Dass da ganz viel Löw in Klinsmann steckte, registrierte man allerdings beim DFB. Als der Projektleiter nach der WM 2006 wieder nach Kalifornien entschwand, war Löw sein logischer Nachfolger.

Offenbar hatten sich Pott und Deckel damit endlich gefunden. Löw ist zwar kein typischer Bundestrainer, aber vielleicht ist das Bundestrainer-Dasein ja typisch für Löw. Er steht nun nicht mehr Samstag für Samstag im Fokus und unter Erfolgsdruck, sondern kann etwas langfristiger denken, planen und handeln. Er ist zwar viel unterwegs, aber auch mal vier, fünf Tage am Stück zu Hause und kann die Dinge sacken lassen.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie der Bundestrainer dann nach einigen Espressi die Rioja-Flasche entkorkt, sich eine Marlboro Light ansteckt (alles öffentlich eingestandene Genüsse) und anhand der neuesten DVDs von Chefscout Urs Siegenthaler den EM-Titel plant. Eine Szene, die in der "Brigitte" oder im "kicker" beschrieben werden könnte, die Lebensart und Leidenschaft für den Fußball ausdrückt, die Frauen und Männer anspricht.

Das ist es, weshalb der Bundestrainer Joachim Löw wirklich Allgemeingut ist.