Halbfinale der Champions League

Das muss man über Ajax Amsterdam wissen

Im Halbfinale der Champions League geht es für die Elf von Ajax Amsterdam nun gegen Tottenham Hotspur.

Im Halbfinale der Champions League geht es für die Elf von Ajax Amsterdam nun gegen Tottenham Hotspur.

Amsterdam/Köln. Im Halbfinal-Hinspiel der Champions League treffen Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur aufeinander. Unsere deutsch-niederländische Autorin hat sich Ajax Amsterdam und den Fußball im Nachbarland mal genauer angesehen.

Wenn am Dienstag im Halbfinale der Champions League Ajax Amsterdam im Hinspiel gegen Tottenham Hotspur antritt, dann stehen „die ganzen Niederlande wie ein Mann hinter Ajax“ - so zumindest malt es sich Hugo Borst, Kolumnist des Algemeen Dagblad, im Fachsimpel-Format „Betweters“ („Klugscheißer“) aus. Gemeinsam mit Koert Westerman, Sportmoderator beim Sender Fox Sports, philosophiert er wöchentlich über das, was den ansonsten als so locker geltenden Niederländern heilig ist: den niederländischen Fußball.

Um den war es in den vergangenen Jahren nicht zum Besten bestellt. Die größten Talente verließen das so stolze und eben doch so kleine Fußballland gern in Richtung England, Spanien oder Deutschland, in Richtung Geld und Ruhm. Denn international hatten niederländische Clubs schon lange nicht mehr viel zu melden, und wie es der Nationalmannschaft seit der WM 2014 erging, ist in Deutschland bestens bekannt und gern belacht.

Mit Oranje jedoch geht es seit einiger Zeit wieder aufwärts, dank Trainer Ronald Koeman und dank einer Mannschaft, in der Spieler der niederländischen Eredivisie wieder eine wichtige Rolle spielen. Mathijs de Ligt, Frenkie de Jong oder Donny van de Beek - ihre Namen waren bis vor kurzem international nahezu unbekannt. Dass sich das gerade ändert, liegt am überraschenden Einzug von Ajax Amsterdam ins Halbfinale der Champions League. Denn für Ajax spielen De Ligt, De Jong und Van de Beek jede Woche in der niederländischen ersten Liga, der Eredivisie. Aktueller Spitzenreiter und damit heißester Anwärter auf die Meisterschaft (wenngleich punktgleich mit Rivale PSV Eindhoven): Ajax Amsterdam, das am 5. Mai außerdem im Finale des KNVB Beker, des nationalen Pokals, antritt.

 

Und nun also auch noch das: Champions League, Halbfinale. Schon dass Ajax sich in der Gruppe behauptete und Zweiter nach Bayern München und vor Benfica Lissabon wurde, war erstaunlich. Dass sie anschließend Real Madrid im Achtelfinale aus dem Turnier warfen, hatte niemand erwartet. Und dass sie sich auch gegen Juventus Turin im Viertelfinale durchsetzten, lässt nun alles möglich erscheinen. „Schön, dass es Ajax gibt“, jubelte ZEIT Online und bezeichnete den niederländischen Club gar als „Wunder, das Gegenstück zum Superstarfußball der heutigen Zeit“.

Der Fußballbund verlegt extra einen Spieltag

Und wirklich erscheint es wie ein Wunder, dass die Amsterdammer in diesem Jahr eine Chance aufs „Treble“ haben, das Triple, also das Gewinnen beider nationaler Wettbewerbe sowie der Champions League. Das gelang Ajax in seiner 119-jährigen Geschichte bislang nur einmal, 1972.

Kein Wunder, dass die „Ajacieden“ Kopf stehen, und mit ihnen offenbar das ganze Land: Einen kompletten Spieltag hat der niederländische Fußballbund KNVB verlegt, um Ajax Amsterdam vor dem Halbfinal-Hinspiel mehr Ruhe zu ermöglichen. Eigentlich hätte der Club am 28. April bei De Graafschap in der Eredivisie antreten müssen. Vorverlegt werden konnte das Spiel aus wiederum nationalen Gründen nicht: Am 26. und 27. April werden in den Niederlanden Königsnacht und Königstag zu Ehren des amtierenden Königs Willem Alexander gefeiert. So findet der Spieltag der gesamten Eredivisie stattdessen nach dem eigentlichen Saisonende statt.

„Wir tun einfach alles, um Ajax zum Sieg in der Champions League zu lotsen“, sagt dazu gänzlich ohne Ironie Fußballexperte Koert Westerman in „Betweters“, und er beschwört die nationale Solidarität mit dem Aushängeschild des niederländischen Fußballs. Schließlich ist ein gutes Abschneiden eines niederländischen Clubs auch gut für den niederländischen Fußball: Durch die internationalen Erfolge von Ajax kann das Land in der UEFA-Rangliste nach oben klettern - Platz 11 würde ausreichen, damit der Meister der Eredivisie sich in der kommenden Saison direkt für die Champions League qualifizieren könnte und nicht erst eine Vorrunde überstehen müsste.

„Feyenoorder sehen Ajax am liebsten auf den Hintern fallen“

Alle für Ajax also? Weit gefehlt. Fragt man Fans von PSV Eindhoven, fallen die Antworten noch diplomatisch aus: „Von mir aus können sie die Champions League gewinnen und dann Zweiter der Eredivisie werden“, sagt PSV-Fan Michiel Lochtenbergh, selbst früherer Handball-Nationalspieler, „dann können wir nachher sagen, dass wir besser sind als der Champions-League-Sieger.“

Weniger Humor, zumindest was Ajax betrifft, hat man in Rotterdam. Ein Kamerateam suchte dort, im Revier des dritten niederländischen Topclubs Feyenoord und Zuhause des legendären Stadions De Kuip, nach Rotterdammern, die Ajax in der Champions League anfeuern - und fand einen einzigen, der das zugab. Im Forum „FR12“, der Online-Fanbase von Rotterdam, wird kein gutes Haar an Ajax Amsterdam gelassen. Besonders vulgäre Schimpfwörter werden hier mit Sternchen zensiert - geht es um Ajax, gleichen die Threads einem Sternenhimmel.

Es ließe sich seitenlang schreiben über die ewige und ritualisierte Rivalität zwischen dem „feinen“ Hauptstadtclub, dem „Amsterdamsch Football Club“ AFC Ajax, und der volksnahen Arbeitermannschaft Feyenoord Rotterdam, die niemals eine Trikotnummer 12 vergibt, weil diese Zahl dem „zwölften Mann“, den Fans, vorbehalten ist. Alex, ein glühender Anhänger der Amsterdammer, der seit Jahren in der Bonner Region wohnt, fasst diese Rivalität so zusammen: „Feyenoorder sehen Ajax am liebsten auf den Hintern fallen.“ Sie seien „an erster Stelle gegen Ajax und dann erst für Feyenoord“, glaubt Alex. Selbst in der Nationalmannschaft gönnten sie Ajax-Spielern keinen Erfolg.

Dass es andersherum wohl kaum besser aussieht, verrät die Reaktion nicht weniger Ajax-Fans auf den Neuzugang Kjell Scherpen vom FC Emmen. Weil der 19-jährige Torwart im zarten Alter von elf Jahren abfällig über Ajax getwittert und im vergangenen Jahr angekündigt hatte, zu Feyenoord wechseln zu wollen, wurde er im Netz mit Häme und Hass überschüttet. „Du bist nicht willkommen“, ließ die F-Side, die Amsterdammer Ultra-Vereinigung, ihn wissen. Sein neuer Club reagierte wiederum überaus humorvoll und nahm den Kritikern den Wind aus den Segeln, als er Scherpen kurzerhand zum „Nachsitzen“ verdonnerte: Unter den strengen Augen des Ajax-Geschäftsführers Edwin van der Sar sowie des Sportlichen Leiters Marc Overmars musste der Torwart 100 Mal fein säuberlich niederschreiben: „Ajax ist der beste Club der Welt.“

 

„Bayern München der Niederlande“

Das freilich wird nicht nur in Rotterdam durchaus differenziert betrachtet. Die Spieltagsverlegung in der Eredivisie, mit der auch einige andere Mannschaften nicht einverstanden waren, habe zu einem „entsetzlichen Theater“ bei vielen Fans anderer Clubs geführt, sagt Marcel van Broekhoven. Der Deutschlehrer aus Tilburg bezeichnet sich selbst als „echten Ajacied“. Seine Mannschaft, weiß er, wird in den Niederlanden von vielen als „Club der Arroganz“ betrachtet. Seine Kollegen, die PSV-Fans seien, könnten sich zwar noch über den internationalen Erfolg freuen. „Die Feyenoorder leider nicht.“ 

Immer öfter, so Van Broekhoven, werde Ajax das „Bayern München der Niederlande“ genannt. Das sieht auch Alex so: „Ajax wird tatsächlich langsam das Bayern der Niederlande - nun müssen nur die Titel noch her.“ Einen ersten Schritt in diese Richtung kann sein Team am Dienstagabend machen.