60. Geburtstag für Haug kein Grund zum Feiern

Stuttgart.  An seinem runden Geburtstag hat Norbert Haug aus sportlicher Sicht wenig Gründe zum Feiern. In der Formel 1 fährt Mercedes der Spitze und den eigenen Erwartungen weit hinterher.
Norbert Haug begeht seinen 60. Geburtstag in Brasilien überwiegend auf der Rennstrecke. Foto: Roland Weihrauch Foto: DPA

Im Deutschen Tourenwagen Masters schnappte sich Markenrivale BMW den Titel im ersten Jahr seiner Rückkehr. Aber nicht nur deswegen sagt der Motorsportchef des Autobauers über seinen 60. Geburtstag an diesem Samstag beim WM-Finale der Formel 1 in Sao Paulo: "Für mich ist das ein ganz normaler Arbeitstag. Eine Feier findet nicht statt."

Dennoch werden im Autodromo José Carlos Pace Weltmeister, Teamchefs und andere Größen der Motorsportszene Schlange stehen, um Haug zu gratulieren. Trotz aller Liebe zum Rennsport sind Ort und Umstände aber nicht seine "Idealvorstellung für einen Geburtstag". Die Party werde er vielleicht später beim Skifahren "im kleinen Kreis" nachholen, verriet Haug in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Denn der in Grunbach aufgewachsene Baden-Württemberger lässt es durchaus mal krachen. Nach Grand-Prix-Siegen oder - den schon länger zurückliegenden - Titelgewinnen präsentierte sich Haug häufig als leidenschaftlicher Karaoke-Sänger. Nach dem ersten Formel-1-Sieg eines Silberpfeils durch den Schotten David Coulthard in Melbourne glänzte der Stones-Fan 1997 sogar als Klavierpartner des früheren Beatles-Stars George Harrison.

Sportlich aber gibt die Marke, für die Haug seit 22 Jahren arbeitet, zu seinem Leidwesen derzeit nicht den Ton an. "Ich hoffe, dass es mit den Silberpfeilen wieder bald so wie in China läuft", sagte er. Am 15. April hatte Nico Rosberg in Shanghai den bislang einzigen Grand-Prix-Sieg für Mercedes erzielt, seit der schwäbische Weltkonzern als Werksteam "Mercedes Grand Prix" antritt. "Wir wollen aus dem Tal auf den Gipfel kommen", betonte Haug - auch in der DTM.

Ohne ihn wäre Mercedes aber wohl erst gar nicht in die Formel 1 zurückgekehrt. Als der ehemalige Fachjournalist - unter anderem stellvertretender Chefredakteur von "auto, motor und sport" - 1990 in die Motorsportabteilung bei Mercedes wechselte, lehnte der Vorstand sein erstes Konzept für ein Comeback in der Königsklasse ab. Eine abgespeckte Version mit Sauber als Partner wurde akzeptiert. Später fädelte Haug auch die Partnerschaft mit McLaren ein. Mika Häkkinen (1998 und 1999) und Lewis Hamilton (2008) krönten die erfolgreiche Kooperation - vom kommenden Jahr an sitzt Hamilton im Mercedes.

Es gab aber auch Tiefpunkte, vor allem 2007. Die "Spionage-Affäre" belastete das Team schwer, zudem musste McLaren-Mercedes die Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar bezahlen. Und dann auch noch der kaum mehr für mögliche gehaltene Titelverlust im letzten Rennen. Wie ein Häufchen Elend saß Haug damals im Motorhome in Brasilien und versuchte, das Unerklärliche zu erklären. Nicht Hamilton, nicht der mit viel Tamtam geholte Fernando Alonso hatten triumphiert, sondern Kimi Räikkönen, zuvor McLaren-Mercedes-Pilot, im Ferrari.

Haug ließ sich auch davon nicht unterkriegen. Wie wichtig er für das Engagement von Mercedes in der Königsklasse ist, hob Michael Schumacher hervor. "Man darf sich fragen, ob die Formel 1 noch mit Mercedes stattfinden würde, wenn Norbert Haug nicht da wäre. Das ist einer seiner großen Verdienste", sagte der Rekordweltmeister, dessen Comeback ein weiterer Coup gewesen war - selbst wenn die Erfolge ausblieben.

Haug selbst steht immer in der ersten Reihe. "Er hat die Weltmarke Mercedes mehr als 20 Jahre im Motorsport angeführt", betonte Rosberg: "Das ist hammermäßig." Teamchef Ross Brawn lobt die Zusammenarbeit mit dem Schwaben. "Wir haben jetzt ein paar harte Jahre mit einigen Höhepunkten hinter uns. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal Streit hatten", sagte der Brite, wenngleich Haug nicht nur als pflegeleicht gilt. Zusammen verfolgen die beiden aber vor allem ein Ziel: Mit Mercedes wieder die Kurve kriegen. Und Haug, berühmt und berüchtigt als begnadeter Drift-König, hat nichts von seinem Antrieb verloren: "Ich fühle mich fit, stark, motiviert und angriffslustig."

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