Vereinsgeschichte

Mit Wolfgang Overath durch die Ausstellung "70 Jahre 1. FC Köln"

KÖLN. Der GA begleitete Kölns Fußball-Idol Wolfgang Overath auf einem Rundgang durch die Ausstellung "70 Jahre 1. FC Köln" im Sport- und Olympiamuseum am Zollhafen in Köln. Dabei wurde kräftig in alten Erinnerungen geschwelgt.

Wir stehen vor einem großflächigen Ausstellungsbild von Anfang der 1970er Jahre. Es zeigt Wolfgang Overath im kurzärmligen weißen Trikot, die Kapitänsbinde am linken Oberarm. Mit stolzem Blick hält er Hennes III. an der Leine, im Hintergrund sieht man die vollen Zuschauerränge des Müngersdorfer Stadions. "Guck dir an, was wir damals für kurze Hosen hatten", sagt der Betrachter belustigt. Es ist der inzwischen 74-jährige Overath selbst. Dann sieht er den Original-Spielball vom 4:1-Sieg des 1. FC Köln im Pokalfinale 1968 gegen den VfL Bochum. "Wir haben mit Bällen gespielt, das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Wehe, es hat geregnet", erzählt das FC-Idol, "dann wurden die schwer wie Blei."

Erst unmittelbar vor dem Schlusswochenende der Jubiläumsausstellung zum 70-jährigen Bestehen des Fußball-Traditionsclubs hat Overath die Zeit für einen privaten Besuch im Sport- und Olympiamuseum am Zollhafen gefunden und sich exklusiv von dieser Zeitung begleiten lassen. Es ist spannend zu sehen, was es mit ihm macht, durch die Ausstellung zu gehen - mit dem ehemaligen Ausnahmespieler des FC und der Nationalmannschaft. Und dem Ex-Präsidenten, dessen Verhältnis zu seinen Nachfolgern in der Vereinsführung zwischenzeitlich zerrüttet schien.

Overath ist sichtlich bewegt. "Der FC hat das aufgebaut? Da bin ich aber doch erstaunt, wie viele Sachen über mich hier zu sehen sind", sagt der Siegburger. "Der FC bleibt immer mein Herzensclub", hatte er stets auch betont, als er nach seinem Rücktritt als FC Präsident im November 2011 mit seinem Nachfolger Werner Spinner über Kreuz lag. Overath: "Wir haben uns fünf Jahre lang nicht verstanden." Für ihn eine lange, schmerzhafte Zeit, in der nach seinem Empfinden von FC-Seite versucht wurde, die Wertigkeit der ehemaligen Nummer 10 herunterzuspielen.

Scherben sind gekittet

Inzwischen sind die Scherben gekittet. Overath besucht längst wieder die FC-Heimspiele. Und blüht nun, abends im Museum bei einer Privatführung durch Museums-Geschäftsführerin Carmen Diaz, beim Blick auf die Erinnerungsstücke richtig auf. "Da ist ja mein Fuß", ruft der Weltmeister von 1974 begeistert beim Blick auf den Bronze-Abguss in einer Glasvitrine und fragt: "Kann man das Ding aufmachen? Und da liegt ja auch mein Spielerpass." Das Foto zeigt einen schmalbrüstigen Jungen, geboren am 29. September 1943 in Siegburg.

Es stammt aus der Jugendzeit bei seinem ersten Verein, dem Siegburger SV 04. Für den EffZeh schoss der drahtige Filigrantechniker, der die Spielmacherrolle in der Nationalelf neu definierte, in 409 Einsätzen 83 Tore. Die Vitrine lässt sich nicht öffnen - genauso wenig die mit der Meisterschale und dem DFB-Pokal. Dennoch glänzen die Augen des 74-Jährigen beim Blick auf die Trophäen, die er als Aktiver in Händen hielt.

Wir stehen vor der Tafel mit den FC-Erfolgen, Overath deutet mit dem Finger auf 1963. Sein Karrierestart. "Da habe ich begonnen", sagt er. "Es war die erste Bundesligasaison, ich war 19." Und der FC nach der Saison deutscher Meister. Zuvor hatte Overath ein Jahr Sperre hinnehmen müssen. "Wegen dieses irrsinnigen Paragrafen, um die Amateurvereine zu schützen, habe ich ein Jahr lang nur trainiert am Geißbockheim." Mehr als 50 Jahre später schwer vorstellbar. Ebenso wie im Jahr des sechsten Bundesligaabstiegs der damalige Status des 1. FC Köln: Er galt als "deutsches Real Madrid".

"Wir waren meilenweit voraus"

"Wir waren in der damaligen Zeit den anderen so weit voraus wie heute Bayern München", sagt Overath. "Jeder wusste: Die Verhältnisse, die wir vorfanden, waren der großen Persönlichkeit des ersten Präsidenten, Franz Kremer, zu verdanken." So professionell wie beim FC ging es nirgends in Fußball-Deutschland zu. "In Duisburg haben wir uns selbst zum Bundesligaspiel in einer Garage umgezogen. Wir dagegen hatten das Geißbockheim - und waren meilenweit voraus. Die Trikots ganz in Weiß, und die anderen liefen alle in diesen bunten Dingern rum. Das waren Welten."

Was der Vergleich zur aktuellen FC-Situation in ihm auslöst? Overath blickt nachdenklich auf die Chroniktafel, um nüchtern festzustellen: "Das Auf und Ab ist im Sport normal. Nach Franz Kremer gab es keine so starke Führung mehr wie diese, und dann haben sich Gladbach und Bayern München hochgearbeitet." Auch wenn Overath eine Achterbahnfahrt des FC Bayern nach Kölner Vorbild vorerst nicht kommen sieht - unvorstellbar ist sie für ihn nicht: "Ich glaube, dass im Fußball alles möglich ist." Die Bayern-Dominanz liege daran, "dass gute Leute vornedran stehen". Für die Ära nach Hoeneß und Rummenigge wagt er keine Prognose: "Wenn ein Hasardeur kommt, der 100 Millionen für diesen und 100 Millionen für jenen Spieler ausgibt - und er fährt den Laden gegen die Wand, was passiert dann?"

Seine größten Erfolge feierte Overath mit der Nationalmannschaft: WM-Zweiter 1966, WM-Dritter 1970 "mit 26 Jahren bei meinem besten Turnier, weil ich inzwischen die nötigen Routine und Übersicht hatte" - und dann der Titelgewinn 1974. "Es gibt kein größeres Ziel eines Fußballers, als Weltmeister zu werden", findet der Mann, der neben dem im November 2017 verstorbenen 54er Weltmeister Hans Schäfer als größtes FC-Idol gilt. Dennoch vertritt Overath die Ansicht: "Ich bin in erster Linie immer Spieler meines Clubs. Was darüber kommt, ist eine besondere Auszeichnung."

Der FC als Gefühl, das verbindet - damals wie heute: Nach unserem Museumsbesuch verabschiedet er sich in Richtung Geißbockheim. Dort spielt Overath auch mit 74 Jahren einmal die Woche Fußball mit alten Weggefährten.