Das endlos Spiel

Ein Drama in fünf Akten

KÖLN. Mit Superlativen sollte man vorsichtig umgehen. Doch was sich heute vor 50 Jahren im Rotterdamer Stadion "De Kuip" abspielte, war die Krönung und der dramatische Höhepunkt eines Fußballspektakels, das es kein zweites Mal in der Europapokalgeschichte gab und nie wieder geben kann.

Denn nach summierten 300 Spielminuten hatte es zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Liverpool noch keinen Sieger im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister - dem Vorläufer der Champions League - gegeben. So musste das Los entscheiden - was auch nicht im ersten Versuch glückte.

1. Akt: Begonnen hatte alles sechs Wochen vor jenem 24. März 1965. Da empfing der deutsche den englischen Meister im mit 50 000 Zuschauern ausverkauften Müngersdorfer Stadion. Am Ende hatte Liverpool ein 0:0 ermauert und Glück gehabt. Karl-Heinz Thielen traf einmal nur den Pfosten, und ein Treffer von Hannes Löhr wurde wegen Abseits nicht anerkannt.

Anschließend setzte man sich zur dritten Halbzeit, damals vornehm Bankett genannt, im Geißbockheim zusammen. Mit dabei auch der fußballbegeisterte Bundeskanzler Ludwig Erhard. Während er feinste Zigarren von Franz Kremer rauchte, verteilte der FC-Präsident an die Gäste gravierte Silberbecher und Tischfeuerzeuge. Rauchen gehörte selbst in Sportlerkreisen noch zum guten Ton.

2. Akt: Knapp zwei Wochen später trat der FC - angesichts des spielfreien Bundesliga-Wochenendes bereits fünf Tage vor dem Rückspiel - die Reise auf die Insel an. Zunächst ging es nach London, wo Liverpool in der Meisterschaft bei West Ham United antreten musste. Die Kölner wurden im Boleyn Ground Augenzeugen der Liverpooler 1:2-Niederlage, der ersten seit dreieinhalb Monaten. Den "Hammers" gleichtun konnte es der FC nicht. Das Winterwetter und der Schiedsrichter hatten etwas dagegen.

Während sich die Mannschaft aufwärmten, setzte heftiges Schneetreiben ein. Eine Viertelstunde vor Spielbeginn ließ der dänische Unparteiische Carl Waldemar Hansen über die Stadionlautsprecher die Spielabsage verkünden; angeblich auf Druck von Liverpools Trainer Bill Shankly. Als die Kölner beim Dänen intervenierten, soll es so hitzig zugegangen sein, dass der Schiedsrichter zwei Polizisten zu seiner Sicherheit anforderte und erhielt.

Zu tumultartigen Szenen kam es derweil draußen im ausverkauften Stadion an der Anfield Road. Die fast 53 000 Zuschauer, darunter 400 Deutsche, waren erbost über die Absage - und standen teils noch stundenlang an. Denn die Stehplatzbesucher hatten an den Eingängen bezahlt, ohne eine Karte zu erhalten. Nun musste jedem einzeln das Geld zurückgezahlt werden.

3. Akt: Das fand 14 Tage später vor 48.948 Besuchern statt. Knapp 4000 Plätze waren frei geblieben. Wie das Hinspiel endete die Partie torlos, weil Kölns Torwart Anton "Toni" Schumacher das Spiel seines Lebens machte. Das faire englische Publikum spendete ihm am Ende lautstarken Applaus.

4. Akt: Es kam zum Entscheidungsspiel, das die Uefa in Rotterdam ansetzte. "De Kuip", die Wanne, wie das Stadion genannt wurde, füllten 52.000 Zuschauer, darunter 20 000 aus Deutschland. An den Grenzübergängen kam es zu so langen Warteschlangen, dass auf Intervention des deutschen Konsulats die Einzelkontrollen eingestellt wurden.

Die Begegnung stand aus Kölner Sicht zunächst unter keinem guten Stern. In der 22. Minute prallte Wolfgang Weber mit Gordon Miles zusammen und brach sich, wie aber erst nach der Rückkehr nach Köln diagnostiziert wurde, das rechte Wadenbein (siehe Interview mit Wolfgang Weber). Unmittelbar danach traf Ian St. John zur Liverpooler Führung, die Webers Gegenspieler Roger Hunt auf 2:0 (37.) ausbaute.

Hoffnung keimte bei den Kölnern auf, als Karl-Heinz Thielen nur zwei Minuten später verkürzte und Hannes Löhr unmittelbar nach der Pause (49.) ausglich. Da spielte der deutsche Meister auch wieder zu elft, war Wolfgang Weber wieder auf dem Platz. Das verletzungsbedingte Auswechseln eines Spielers war erst ab 1967 erlaubt.

Zunichte gemacht wurden die Hoffnungen der Rot-Weißen nicht zuletzt durch Robert Schaut. Der belgische Schiedsrichter schaute weg, als Hannes Löhr von Ron Yeats per Faustschlag niedergestreckt wurde (70.) und es fast zum Platzsturm durch die aufgebrachten FC-Anhänger kam. Zudem erkannte er einen Treffer von Heinz Hornig (74.) nicht an. Jahre später traf Hornig als Spieler von RDC Molenbeek den Schiedsrichter in der belgischen Liga wieder und sprach ihn darauf an. Der aber mochte sich an nichts mehr erinnern.

5. Akt: So ging es in die Verlängerung, in der auch kein weiterer Treffer fiel. Da der bayrische Schiedsrichter Karl Wald das Elfmeterschießen erst 1970 erfand und es erst 1971 eingeführt wurde, musste das Los entscheiden. Statt einer Münze benutzte Robert Schaut ein kleine Holzscheibe mit roter und weißer Seite. Er bestimmte Rot als die Farbe Liverpools. Nach dem Wurf aber blieb das Holzplättchen aufrecht im Rasen stehen. Es gab einen zweiten Wurf, nach dem die Liverpooler Spieler jubelnd die Arme in die Höhe rissen.

Epilog: Liverpool war im Halbfinale, gewann daheim mit 3:1 gegen Inter Mailand und verlor mit 0:3 in San Siro. Auch das Finale entschieden die Lombarden im eigenen Stadion mit 1:0 gegen Benfica Lissabon für sich. Beim 1. FC Köln leckte man derweil die seelischen Wunden. Denn auch die Titelverteidigung in der Bundesliga wollte nicht gelingen. Man wurde Zweiter hinter Werder Bremen. Liverpool wurde in England sogar nur Siebter, gewann aber den FA-Cup vor 100.000 Zuschauern in Wembley mit 2:1 nach Verlängerung gegen Leeds United. Torschützen für die Reds waren St. John und Hunt.