Interview mit Andreas Rettig

„Am 1. FC Köln geht kein Weg vorbei“

Wiedersehen mit alten Bekannten: Andreas Rettig freut sich auf das Duell mit seinem ehemaligen Club.

Wiedersehen mit alten Bekannten: Andreas Rettig freut sich auf das Duell mit seinem ehemaligen Club.

Am Samstag vor drei Jahren kehrte Andreas Rettig nach seiner Tätigkeit bei der Deutschen Fußball Liga in den Vereinsfußball zurück. Im Gespräch mit Joachim Schmidt schaute er nicht nur auf die 2. Liga, sondern auch über den Tellerrand des Fußballs.

Herr Rettig, das letzte Wochenende war äußerst ereignisreich für Sie.

Andreas Rettig: Ja, ich habe drei Spiele am Samstag, eins am Sonntag besucht. Aber was mich enorm beschäftigt hat, waren die Vorgänge in Chemnitz. Es ist schlimm, was derzeit in unserem Land und in Europa passiert. Da dürfen wir es uns nicht so einfach machen, den Fußball ausklammern und sagen: Hauptsache, es wird guter Fußball gespielt. Nein, alle gesellschaftlichen Bereiche müssen sich einbringen, auch der Sport. Extremismus in jeglicher Form ist nicht akzeptabel.

Sind Sie von Vereinsseite bereits aktiv geworden?

Rettig: Wir haben schon verschiedene Dinge unternommen. Am Donnerstag haben wir mit dem Gesamtverein die Aktion #togetherforrescue unterstützt. Außerdem haben wir beispielsweise einen Flüchtling, der in einem Heim ganz in der Nähe unseres Nachwuchsleistungszentrums lebt, eingeladen und haben ihn im Beisein unserer Jugendspieler und Trainer über sein bisheriges Leben erzählen lassen.

Kommen wir zum Kerngeschäft dem Fußball. Wie ist das 1:4 vom Wochenende bei Union Berlin zu erklären?

Rettig: Wir waren keine drei Tore schlechter, haben aber verdient verloren. Zwei Unaufmerksamkeiten unmittelbar vor der Pause haben uns bei zwei Standards auf die Verliererstraße gebracht.

Wie sehen Sie den FC aufgestellt?

Rettig: Ich habe gerade mit Armin Veh gesprochen. Ich schätze die Entscheidungsträger in Köln sehr. Sie haben den Übergang nach dem Abstieg außergewöhnlich gut moderiert. Ich war am Samstag im Kölner Stadion und habe gespürt, dass das Publikum ein Höchstmaß an Vertrauen in die Mannschaft und den Verein setzt. Das ist begründet. Beim Aufstieg geht kein Weg am FC vorbei.

Wie sehen die Saisonziele von St. Pauli aus?

Rettig: Wir wollen Verfolger der Verfolger werden.

Wie bitte?

Rettig: Na ja, die beiden ersten Plätze sind an den FC und den HSV vergeben. Danach sehen wir Bochum, Union und Ingolstadt, die um Platz drei kämpfen. Die Gruppe dahinter würden wir gerne anführen.

Zwischen den Fans des FC St. Pauli und denen des 1. FC Köln gab es seit Ende der 70er Jahre einmal eine Fan-Freundschaft. Aktiv ist sie dem Vernehmen nach nicht mehr. Sollte sie wieder angeschoben werden?

Rettig: So etwas darf kein Verein vorgeben. Das macht keinen Sinn. Es muss sich von innen heraus entwickeln. Was wir aber machen, ist, dass wir die Hymne des Gastes, also das FC-Lied, vor dem Spiel spielen.

Das hat ja beim FC St. Pauli Tradition.

Rettig: Ja, und weil ich das wusste, habe ich es zu Beginn meiner Tätigkeit beim FC Augsburg auch eingeführt. Und das erste Heimspiel des FCA nach 23 Jahren Amateurfußball war in der 2. Liga gegen den 1. FC Köln. Als ich das bekannt gab, hat es riesige Proteste in unserer Fan-Szene gegeben. Dennoch haben wir daran festgehalten. Die Proteste blieben, bis wir zum Rückspiel nach Köln kamen. Da habe ich meinen damaligen Kollegen Claus Horstmann angerufen und ihn gebeten, die Augsburger Hymne „Rot, Grün, Weiß“ zu spielen. Er hatte Bedenken, hat aber schließlich zugesagt. Unsere 3000 mitgereisten Fans waren glücklich, und von da an gab es keine Proteste mehr.

Eine weitere Besonderheit auf St. Pauli ist die Einsingphase.

Rettig: Das ist ein Entgegenkommen an unsere Fans. In den letzten sieben Minuten vor dem Anpfiff gibt es keine Werbedurchsagen mehr. Dann können die Fans bestimmen, was passiert. In der Regel wird kräftig gesungen. Das hat Tradition.

Was wünschen Sie sich für das Spiel am Sonntag?

Rettig: Viele Tore, keine Verletzten und einen Punkt für St. Pauli.