Bonner SC, Liga-Etats und Insolvenzanträge

Was ist da los in der Regionalliga?

Bonn. Der Bonner SC ist froh, endlich wieder viertklassig zu spielen, aber viele Clubs beklagen hohe Kosten 
und geringe Einnahmen. Über verzweifelte Sponsorensuche, fehlendes TV-Geld, Pleiten und Rückzüge.

Regionalliga – kann verdammt mitreißend sein: 3. März, Freitagabend, Flutlichtspiel, mehr als 2000 Zuschauer im Sportpark Nord, der Bonner SC schlägt Alemannia Aachen mit 4:0. Ein Fest aus Bonner Sicht.

Regionalliga – kann aber auch verdammt desillusionierend sein: Gut zwei Wochen später muss eben jene Alemannia erneut einen Insolvenzantrag stellen. Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen kündigen an, den Etat für die nächste Saison signifikant zu reduzieren. Kurz zuvor hatten die Sportfreunde Siegen vermeldet, dass sie sich aus finanziellen Gründen in die Oberliga zurückziehen werden. Das alles passt zu der Nachricht, dass Mittelrheinligist VfL Alfter erneut auf den Regionalligaaufstieg verzichtet. Der eine will nicht rein, der andere geht freiwillig raus, wieder ein anderer hat sich verkalkuliert. Was ist da los in der Regionalliga?

Im Sommer feiert Deutschlands vierthöchste Fußballliga ihren fünften Geburtstag. Ein Grund zum Feiern ist das nicht. Kaum jemand spricht von einem Erfolgsmodell. Es gibt kein Fernsehgeld, aber die Anforderungen an die Vereine sind hoch. Der Meister steigt nicht einmal direkt auf, sondern muss sich noch durch zwei Relegationsspiele kämpfen. Die Regionalliga ist der Flaschenhals zwischen Amateur- und Profibereich. Und nicht wenige Traditionsvereine klemmen darin fest. Sponsoren sind da nur schwer zu überzeugen.

Dirk Mazurkiewicz hat diese Erfahrung längst gemacht. „Es war eine Herkulesaufgabe, den Etat für diese Saison zusammenzukriegen“, sagt der Präsident des Bonner SC. „Und es wird in der nächsten Saison eine Herkulesaufgabe sein.“ Dabei geht es dem BSC noch gut. In Abstiegsgefahr wird der Neuling wohl nicht mehr geraten, die Zuschauerzahlen sind signifikant gestiegen, die Gönner und Sponsoren haben ihre Zusagen eingehalten. In Aachen war das anders.

Nachdem ein Sponsor eine Rate von 140.000 Euro nicht überwiesen hatte, brach das fragile Etatgebäude zusammen. Der deutsche Vizemeister von 1969, der vor zehn Jahren noch erstklassig spielte, stellte einen Insolvenzantrag – wie schon 2012. Entscheidend war ein schmerzhafter Rückgang der Zuschauerzahlen. Dabei hatte die Alemannia die Kalkulation schon von 8500 auf 6500 gesenkt. Bis zum Saisonende wird sich jetzt wohl ein Fehlbetrag von 450.000 bis 700.000 Euro auftürmen.

Für BSC-Präsident Mazurkiewicz ist das wieder einmal ein Beleg, „dass Profis in dieser Liga auf Dauer nicht zu finanzieren sind. Es sei denn, man hat einen Mäzen alter Prägung wie Franz-Josef Wernze bei Viktoria Köln.“ Beim Tabellenführer, so heißt es, betrage allein der Spieleretat vier Millionen Euro. Die eine Million, die sich Alemannia Aachen seine Spieler kosten lässt, nimmt sich da beinahe sparsam aus.

780.000 Euro Kosten gegen 780.500 Euro Einnahmen

Für viele Regionallisten bleibt aber selbst dieser Betrag ein Traum. Der Bonner SC zählt dazu. In diesen Tagen veröffentlicht der Club einen Statusbericht, der auch potenziellen Sponsoren zeigen soll, was vorhanden ist – und was fehlt. Insgesamt 780.000 Euro kostet die laufende Regionalligasaison. Die Einnahmen kalkuliert der BSC mit 780.500 Euro. Bleibt also ein Plus von 500 Euro. Klingt nach wenig, ist aber angesichts der Haushaltslage anderer Clubs durchaus bemerkenswert. „Wir haben sehr defensiv kalkuliert“, sagt Sportdirektor Thomas Schmitz.

Größter Posten auf der Ausgabenseite: der Personalaufwand Sport mit 494.000 Euro. Laut Schmitz kostet die Mannschaft in dieser Saison 350.000 Euro. Darin enthalten sind die Sozialversicherungsbeiträge und Abgaben für die Berufsgenossenschaft – immerhin 1200 Euro pro Spieler pro Jahr. Bis auf vier Akteure, die beim BSC fest angestellt sind, spielt der Rest der Mannschaft als Minijobber, also auf 450-Euro-Basis. Hinzu kommen Fahrgeld und Prämien. Auf der Homepage des Clubs sind 28 Spieler gelistet. Durchschnittlich kostet ein Fußballer den BSC also rund 1000 Euro pro Monat. Das Spitzensalär beträgt 2000 Euro. So viel ist hier und dort auch zwei Ligen tiefer zu verdienen.

Für Trainerteam samt der medizinischen Abteilung zahlt der BSC 60.000 Euro. „Sehr gut angelegtes Geld“, meint Schmitz, der nebenberuflich ebenfalls als Minijobber beim BSC die Fäden zieht. Was die kommende Saison angeht, wünscht sich der Sportdirektor eine moderate Etaterhöhung für den Personalaufwand. „50.000 Euro wären schon schön“, sagt er. Dazu sind in erster Linie mehr Sponsoreneinnahmen nötig. In dieser Spielzeit spült das Sponsoring 360.000 Euro in die BSC-Kasse. Die Zuschauereinnahmen beziffert der Regionalligist auf 195.000 Euro.

„Alles andere wäre Selbstmord“

Wie Regionalligisten wirtschaften, hat Oberhausens Präsident Hajo Sommers neulich skizziert. „Bis auf die U 23-Vertretungen und zwei oder drei andere Vereine droht allen Clubs permanent die Pleite. Man hält meist nur irgendwie den Kopf über Wasser“, sagte Sommers bei „derwesten.de“. In Siegen hat man nun keine Lust mehr auf diesen Tanz auf der Rasierklinge. Es wurde zunehmend schwerer, den Gesamtetat von 1,1 Millionen Euro zusammenzukriegen. „Wir mussten immer dieselben Leute ansprechen, ob sie nicht noch einmal aushelfen können“, erzählt Gerhard Bettermann, der im Vorstand der Sportfreunde fürs Marketing zuständig ist. „Das war denen nicht mehr zuzumuten.“ Also werden die Siegener in der kommenden Saison freiwillig wieder in der Oberliga auflaufen. „Alles andere wäre Selbstmord“, meint Bettermann.

Vor gut zehn Jahren spielten die Siegener noch in der 2. Bundesliga. Der Unternehmer Manfred Utsch finanzierte dieses Abenteuer. Als Utsch sich zurückzog, wurde deutlich, dass es in der Stadt an einer breiteren Basis fehlte. „Die 3. Liga besitzt Argumente“, findet Bettermann. „Aber gegenüber der Regionalliga sind potenzielle Sponsoren skeptisch. Viele sagen dann: Wenn ihr in der 3. Liga seid, können wir nochmal reden.“

Vielerorts fällt es nicht leicht, Geldgeber für die Regionalliga zu begeistern. Das hat Gründe – vor allem die Aufstiegsregelung. Die Meister der fünf Staffeln und der Zweite der Regionalliga Südwest spielen nach der eigentlichen Saison drei Aufsteiger aus. Das Werk eines Jahres kann dann in zwei Spielen zerbröseln, wenn etwa nur der Torjäger eine Wadenzerrung hat. Besonders hart traf es die Sportfreunde Lotte 2013. Als Westmeister trafen sie in der Relegation ausgerechnet auf den Nordost-Meister RB Leipzig. Obwohl eigentlich chancenlos, unterlag Lotte erst in der Verlängerung des Rückspiels. Auf den Aufstieg musste der Verein dann noch drei Jahre warten.

Rahmenbedingungen sind in Alfter nicht gegeben

Claus-Dieter Wollitz, aktuell Trainer bei Energie Cottbus, rief vor einigen Wochen sogar zum Streik der Regionalligisten auf, um auf diese Problematik aufmerksam zu machen. „Die Aufstiegsregelung ist der größte Schwachsinn“, sagte Wollitz im „kicker“. "Was da entschieden wurde, ist mit normalem Menschenverstand nicht vereinbar. Der Erste hat aufzusteigen.“

Eine Liga tiefer darf der Erste zwar aufsteigen, will es aber oft nicht. So wie der VfL Alfter. Dass sein Verein keinen Zulassungsantrag beim Westdeutschen Fußballverband stellte, begründete Vorsitzender Uwe Emons so: „Der VfL Alfter sieht keine Möglichkeit, für den Fall des Aufstiegs die Auflagen zu erfüllen. Die Infrastruktur und die Rahmenbedingungen für Regionalligafußball sind in Alfter nicht gegeben.“

Tatsächlich stellt der Verband Forderungen, die oft hohe Investitionen nötig machen, etwa die Trennung der Fangruppen in den Stadien. Da es in der Regionalliga kein Fernsehgeld mehr gibt, sind kleine Vereine damit oft überfordert. Vor der Ligenreform 2012 hatte der Deutsche Fußball-Bund immerhin noch mehr als fünf Millionen Euro an die Vereine der drei Staffeln ausgeschüttet. Mehr als ein Dutzend Clubs verzichtete seitdem auf den Aufstieg.

Hermann Korfmacher, Präsident des Westdeutschen Fußball-Verbandes, sieht all diese Probleme, sagt aber auch: „Ich habe keine Lösung.“ Alle fünf Regionalligameister aufsteigen lassen? „Dann wird jedes Jahr die halbe 3. Liga ausgetauscht.“ Zurück zur alten Regelung mit drei Regionalligen? „Dann möchte ich den Aufschrei nicht hören, wenn es 40 Absteiger gibt.“ Weil es aktuell keine Idee gibt, den Flaschenhals des deutschen Ligasystems irgendwie zu erweitern, bleibt Korfmacher nur, an die wirtschaftliche Vernunft zu appellieren: „Die Vereine müssen von Kaufleuten geführt werden. Insofern war der Siegener Schritt jetzt lobenswert.“ Immerhin sieht es so aus, als könnten die Sportfreunde und auch Aachen die Saison zu Ende spielen.

Gedanken über einen möglichen Aufstieg macht sich Dirk Mazurkiewicz noch nicht. Im Statusbericht des BSC heißt es: „Unser Ziel ist es, ein Fundament für die Entwicklung zum Profifußball zu legen.“ Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn vorerst denkt Mazurkiewicz vor allem an eine Verbesserung der Infrastruktur: „Wir brauchen vernünftige Trainingsbedingungen, also einen eigenen Kunstrasen. Und wir brauchen eine angemessene Geschäftsstelle. Bei uns sitzen die Mitarbeiter ja übereinander.“

Da der Mann aber am RheinAhrCampus in Remagen lehrt und sich dort mit „Finanzierung im Sport“ beschäftigt, denkt er auch weiter. „Was die kleineren Sponsoren angeht, ist der BSC auf einem guten Weg“, sagt Mazurkiewicz. „Bei mittelständischen Unternehmen oder sogar Konzernen ist die Tür allerdings noch nicht aufgegangen.“ Ohnehin erwarteten große Geldgeber entsprechende Räumlichkeiten, um Kunden oder Mitarbeiter zu bewirten. Der Sportpark Nord, Eröffnung 1970, gibt da nicht viel her.

Auf seinen Fahrten durch die Regionalligaprovinz hat Mazurkiewicz viel zeitgemäßere Lösungen gesehen: „Rödinghausen etwa, die haben zusammen mit ihren Förderern ein Zehn-Millionen-Schmuckkästchen hingestellt. Oder auch Wiedenbrück und Verl.“ Hin und wieder träumt der BSC-Präsident davon, auch mit solch einer kleinen, feinen Anlage wuchern zu können. Den Sportpark entsprechend umzubauen, hält er für unmöglich. „Man müsste schon neu bauen“, sagt er. „Im Bonner Norden vielleicht.“