Bodyguard des Tour-Siegers

Tour de France: Der Bonner Christian Knees im Interview

Zugmaschine für den Tour-Favoriten: Christian Knees (links) ist der Edelhelfer von Chris Froome (r.).

Zugmaschine für den Tour-Favoriten: Christian Knees (links) ist der Edelhelfer von Chris Froome (r.).

Bonn. Der Bonner Christian Knees im Interview über seine achte Frankreich-Rundfahrt, den Auftakt in Düsseldorf und Kontrollen am Morgen.

Sein bevorzugtes Trainingsrevier liegt vor der Haustür. In der Eifel bereitet sich der Bonner Radprofi Christian Knees (36) auf seine achte Teilnahme an der Tour de France vor. Am Samstag startet die berühmteste Rundfahrt der Welt mit einem Einzelzeitfahren in Düsseldorf in ihre 104. Auflage. Mit Knees, der für das britische Team Sky um den dreimaligen Tour-Sieger Chris Froome fährt, sprach Hartmut Eickenberg.

Herr Knees, 2012 sind Sie Ihre letzte Tour de France gefahren. Waren Sie überrascht, dass Sie wieder für die Frankreich-Rundfahrt nominiert worden sind?

Christian Knees: Nein, überhaupt nicht. Ich bin ja auch die letzten vier Jahre immer auf einem sehr hohen Niveau gefahren. Das Team hat dann aber für mich andere Prioritäten gesetzt – Giro d'Italia oder die Spanien-Rundfahrt. Außerdem darf man nicht vergessen: Sky ist ein britisches Team, und es gibt auf meiner Position noch zwei weitere sehr gute heimische Fahrer. Da wird ein Deutscher auf gleichem Niveau nicht unbedingt bevorzugt. Da musst du schon zehn Prozent besser sein. Dass ich es jetzt bei dieser Wahnsinnskonkurrenz in die Tour-Mannschaft geschafft habe, ist ein Riesenerfolg.

Was wird Ihre Aufgabe sein?

Knees: Ich bin eine Art Bodyguard für Chris Froome. Ich sehe zu, dass er jedem Trouble aus dem Weg geht. Ich muss auf Fluchtgruppen aufpassen, ihn aus dem Wind halten und darauf achten, dass er möglichst wenig Körner verbraucht. Und wenn er mal pinkeln muss, warte ich und fahre ihn wieder ans Feld heran.

Froome hat die Tour in den vergangenen vier Jahren dreimal gewonnen. Was ist seine Stärke?

Knees: Seine Gelassenheit. Ihn bringt nichts aus der Ruhe. Unter diesem medialen Druck, der auf ihm lastet, würden andere zerbrechen. Ihm macht das nichts – bewundernswert.

Läuft der Tour-Sieg wieder über ihn?

Knees: Das will ich doch sehr hoffen. Dann hätten auch wir wieder einen guten Job gemacht.

Kommen wir auf Düsseldorf zu sprechen. Tour-Auftakt in Deutschland, ein spezieller Tag für Sie?

Knees: Absolut – auch weil meine Frau aus Ratingen kommt und ich auf der Strecke schon häufig trainiert habe. Es ist also auch ein Heimspiel für mich. Ich hoffe auf ein Volksfest und auf viele Radsportfans.

Auch aus Rheinbach?

Knees: Ja, der Fan-Club von meinem Heimatverein RSC Rheinbach hat einen Bus gechartert. Er begleitet mich seit Jahren auf vielen Rundfahrten.

Wie stehen Ihre Chancen beim Einzelzeitfahren.

Knees: Da rechne ich mir nichts aus. Ich habe kein Zeitfahren trainiert. Ich will die Atmosphäre genießen und im Zeitlimit bleiben.

Ist es ein Terrain für Tony Martin?

Knees: Das glaube ich nicht. Ich sehe ihn in diesem Jahr nicht so stark. Meine Favoriten sind Stefan Küng und Primoz Roglic.

Sie sind ein Fahrer für die flachen und mittelschweren Etappen. Es geht in diesem Jahr aber beispielsweise auch auf den Galibier auf 2600 Meter Höhe oder den Col d'Izoard auf knapp 2400 m. Leiden Sie an den steilen Rampen?

Knees: Da bin ich relaxt. Ich müsste schon einen sehr schlechten Tag erwischen oder einen Hungerast haben, um einzubrechen. Bergetappen sind für das Team einfacher zu fahren als Flachetappen. Ich weiß, was mich am Berg erwartet. Da passiert selten Unvorhergesehenes. Das Feld lässt sich leichter kontrollieren als auf flachem Terrain. Wenn da mal 20 Mann ausbrechen, kannst du schnell ein Problem bekommen.

Werden auch die Fans manchmal zum Problem?

Knees: Es kommt schon mal zu brenzligen Situationen. Jeder will mit seinem Handy das beste Foto schießen. Da springen manche erst im letzten Moment zur Seite. Es passieren unglaubliche Dinge. Einmal lief ein Hund aus der Zuschauermenge heraus über die Straße. Ich habe ihn nicht gesehen und überfahren. Das hätte übel ausgehen können. Wir beide haben es unbeschadet überstanden. Man muss höllisch aufpassen.

Die Tour startet unter großen Sicherheitsvorkehrungen. Fährt die Angst mit?

Knees: Klar habe ich auch ab und an ein mulmiges Gefühl. Aber es wäre das absolut falsche Signal, deshalb auf die Ausrichtung von Großveranstaltungen zu verzichten oder sie zu meiden.

Die ARD überträgt die Tour wieder live, nachdem sie sich jahrelang wegen der Dopingproblematik zurückgezogen hatte. Ist der Radsport auf einem guten Weg?

Knees: Das denke ich schon. Der Großteil der Fahrer ist sauber, da bin ich sicher. Die Abschreckung ist groß, weil die Kontrollen funktionieren. Es passiert etwas, das ist gut so. Das sollte man auch anerkennen. Ich finde es schade, dass einige immer noch mit dem Finger auf uns zeigen. Es gibt oder gab auch in anderen Sportarten ein Dopingproblem.

Sie müssen Ihren Aufenthaltsort ständig den Anti-Doping-Agenturen melden, werden häufig kontrolliert. Haben Sie akzeptiert, dass Überwachung zum Leben eines Profisportlers gehört?

Knees: Wenn Sie Ihren Lizenzvertrag unterschreiben, akzeptieren Sie damit diese Bedingungen. Natürlich ist das ein schwerer Eingriff ins Privatleben. Das ist wie eine elektronische Fußfessel. Sie müssen permanent angeben, wo Sie sich gerade befinden. Kontrollen finden teilweise morgens um sechs Uhr statt – natürlich unangekündigt. Da hat man schon Sorge, dass man mal die Türklingel überhört und einem anschließend ein versäumter Test angelastet wird.