Interview mit deutschem Tischtennisstar

Timo Boll redet noch nicht vom Karriereende

Auch mit 37 noch in der Weltklasse: Timo Boll beim Europäischen Top-12-Turnier im Januar in der Schweiz.

Auch mit 37 noch in der Weltklasse: Timo Boll beim Europäischen Top-12-Turnier im Januar in der Schweiz.

Bonn. Timo Boll spricht über sein noch fernes Karriereende, die Chancen bei der anstehenden Mannschafts-WM und die Trainingsumfänge eines Weltklassespielers. Im Tischtennisland China genießt er ungeheure Popularität und mit Dirk Nowitzki verbindet ihn eine Freundschaft.

Deutsches Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf: Timo Boll kommt in Jeans und Pulli, nicht in Trainingsklamotten. „Ich war beim Physio“, sagt er. Mit 37 Jahren verzeiht der Körper keine Nachlässigkeit mehr. Zumal in einer Zeit wie dieser. Der Weltranglistenzweite Boll übt den Spagat zwischen Champions League, Bundesliga-Playoffs und Weltmeisterschaft. Im schwedischen Halmstad geht es ab dem 29. April um den Mannschaftstitel. Vor dem Saisonhöhepunkt sprachen Daniela Greulich und Gert auf der Heide mit Boll.

Herr Boll, Deutschland ist in Schweden an Nummer eins gesetzt. Werden Sie Weltmeister?

Timo Boll: So, wie wir in den vergangenen Monaten gespielt haben, waren wir relativ nah dran an den Chinesen. Wenn Dimitrij Ovtcharov bei 100 Prozent wäre und auf dem Level des vergangenen Jahres spielen würde, wären wir guter Dinge gewesen.

Ovtcharov musste bei den German Open im März wegen einer Hüftverletzung aufgeben und ist immer noch nicht wieder fit. Schafft er es rechtzeitig zur WM?

Boll: Wir hoffen es. Genau weiß das momentan aber keiner.

Wie schätzen Sie die Chancen jetzt ein?

Boll: Wenn wir alle fit wären, wäre unser Ziel zumindest das Finale – auch wenn es neben den Chinesen noch andere Gegner gibt, gegen die es schwer wird. Japan zum Beispiel, Taiwan oder die Koreaner.

Was denken Sie, wie viele Leute in Deutschland wissen eigentlich, dass in zwei Wochen die Tischtennis-WM beginnt?

Boll: Ich nehme an, noch nicht einmal alle Tischtennisspieler.

Dabei hat eigentlich jeder in Deutschland schon einmal an der Platte gestanden. Warum ist Tischtennis als Zuschauersport nicht populärer?

Boll: Das hängt auch von den Medien ab. Um es mal salopp auszudrücken: Als TV-Journalist wäre es für mich auch reizvoller, irgendwo in die Berge zu fahren, als in einer Halle Tischtennis zu gucken.

Es heißt immer, dass Tischtennis nicht kompatibel fürs Fernsehen sei.

Boll: Das ist Blödsinn. Die Rückschlagsportarten brauchen sich von der Attraktivität her überhaupt nicht vor irgendeiner anderen Sportart zu verstecken. Formel 1 wird auch überall gezeigt, und da fahren sie in Runden, da passiert eigentlich kaum etwas. Beim Bobfahren guckt man unten auf die Uhr und sieht, dass jemand 23 Hundertstel schneller war. Über Attraktivität brauchen wir aus meiner Sicht nicht zu sprechen.

Über was dann?

Boll: Selbst unsere Verantwortlichen verstehen nicht, dass wir anders vorgehen müssten. Man muss sich viel mehr um die Medien kümmern und sie ins Boot holen. Man muss es ihnen attraktiver machen, zum Tischtennis zu kommen. Wenn sie dann gute Bilder einfangen und es auch ein paar Hintergrundberichte über die Spieler gibt, ist es gleich etwas ganz anderes für die Zuschauer.

In der Pro-7-Show „Beginner gegen Gewinner“ haben Sie mit einer Bratpfanne gegen einen Hobbyspieler gespielt. War das auch so eine Chance, für Ihren Sport zu werben?

Boll: So häufig hat man als Tischtennisspieler ja nicht die Möglichkeit, in einer Samstagabendshow aufzutreten. Es ist einfach wichtig für unsere Sportart, so etwas auch einmal zu machen. Man darf unseren Sport natürlich nicht als Klamauk sehen. Aber mit der Show hat man mal ein ganz anderes Publikum angesprochen, gerade auch die jüngere Generation, und vermittelt, dass Tischtennis cool und witzig sein kann.

In China ist Tischtennis Nationalsport, und Sie sind extrem populär. Was würde passieren, wenn Sie in Peking einfach so durch die Stadt gingen?

Boll: Ein schönes Beispiel: Ich bin vor Kurzem für meinen Sponsor Kuka nach Hongkong geflogen. Von dort fuhren wir dann mit dem Auto über die Grenze nach China zu einer Veranstaltung. Als der Grenzbeamte in meinem Pass meinen Namen gelesen hat, hat er gerufen „Oh mein Gott, Timo Boll“ und ist richtig ausgerastet.

Finden Sie diesen Rummel angenehm oder eher befremdlich?

Boll: Mich freut es natürlich, dass Tischtennis dort so populär ist, wir haben dadurch einen besonderen Markt und können gut von unserem Sport leben. Auf der anderen Seite bin ich nicht der Typ, der den Rummel jeden Tag braucht. Ich bin mit meiner Situation sehr zufrieden. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen und kann gut davon leben. Ich habe in China und generell in Asien auch dieses Star-Dasein, aber ich kann hier in Deutschland, wo mein Lebensmittelpunkt ist, auch ein relativ normales Leben führen.

Ginge das in China nicht?

Boll: Es wäre auf jeden Fall viel anstrengender. Ich sehe das bei meinen chinesischen Kollegen, auf die vor dem Hotel 200 oder 300 Mädels warten. Von denen wird jeder Schritt irgendwie beobachtet. Das hat größere Ausmaße als bei einem Bastian Schweinsteiger hier in Deutschland.

Sie waren im März mit 37 Jahren die bislang älteste Nummer eins überhaupt. Was ist für Sie Alter? Verlust an Power oder Gewinn an Klugheit im Spiel?

Boll: Beides. Ich weiß nicht genau, wann bei mir der körperliche Zenit war, ich würde sagen, so mit 28 Jahren. Letztens habe ich mir noch einmal Videos der World Cups 2002 und 2005 angeschaut, wo ich in den offenen Ballwechseln ganz selbstverständlich flummiartig hin und her gesprungen bin. Das sah einfach natürlich aus. Heute spüre ich, dass alles schwergängiger ist und ich mehr Kraft benötige. Das sind dann die paar Prozente, die fehlen, die ich aber zum Glück in letzter Zeit mit Konzentration, Geschicklichkeit, Taktik und Spielverständnis ausgleichen konnte.

Was hat Sie vor 15 Jahren zur Nummer eins gemacht und was jetzt?

Boll: Ich habe mehr Routine und mehr Lösungen für jede Spielsituation.

Wie würde der alte gegen den jungen Boll spielen?

Boll: Ich denke, es wäre ein relativ enges Match. Was ich athletisch früher voraus hatte, das gleiche ich heute durch Technik und Taktik aus. Aber beides hat zum Glück zum Erfolg geführt.

Ist Tischtennis mit zunehmendem Alter mehr mit Überwindung verbunden? Oder trainieren Sie noch genauso gerne wie vor zehn Jahren?

Boll: Mir macht es noch eine Menge Spaß, auch im Training. Es gibt natürlich Tage, an denen ich ein bisschen steifer im Rücken bin. Und was man vielleicht gar nicht denkt: Tischtennis ist ein Sport, bei dem man relativ viel Kraft aufwenden muss. Jeder Topspin ist mit 100 Prozent Kraft geschlagen und dadurch, dass man sehr wenig Zeit hat zu reagieren, geschieht alles sehr ruckartig. Wenn man nicht ganz geschmeidig ist, tut das dem Körper einfach richtig weh. Das ist dann eine ziemlich große Überwindung, immer in diesen Schmerz hineinzugehen. Der Ehrgeiz wird nie aufhören, denke ich. Ich will jetzt einfach noch die letzten Jahre an der Platte zu genießen.

Wie lange wollen Sie noch spielen?

Boll: Ich habe in Düsseldorf noch einmal für vier Jahre unterschrieben, und den Vertrag will ich auf jeden Fall erfüllen. Es gibt ein paar gute Vorbilder, die es geschafft haben, lange in der Weltspitze zu spielen. Wladimir Samsonow etwa oder Jörgen Persson. Jan-Ove Waldner hat mich im Viertelfinale der Olympischen Spiele in Athen mit 38 Jahren rausgeworfen.

Was treibt Sie an, weiterzumachen?

Boll: Ich muss einfach zugeben, ich habe eine Höllenangst vor dem Moment, an dem ich sagen muss: Das war's jetzt, ich muss aufhören. Ich mag diesen Sport unglaublich und habe mein Leben lang nichts anderes gemacht. Schließlich bin ich mit 16 Jahren Profi geworden.

Aber irgendwann müssen Sie sich mit dem Karriereende auseinandersetzen...

Boll: Das ist mir natürlich bewusst und ich mache mir schon Gedanken. Ich habe jetzt das Online-Coaching-Portal www.timoboll-webcoach.com gestartet, das ich später vielleicht intensivieren möchte. Aber ich habe mich noch nicht festgelegt, wohin die Reise nach der aktiven Karriere geht, oder wann das genau sein wird. Das wird sehr abhängig sein von meiner körperlichen Fähigkeit, noch oben mitzumischen. Irgendwann werden die Qualen einfach zu groß. Letztens habe ich die Boris-Becker-Reportage im ZDF gesehen. Das war schon ein Warnschuss. Ich möchte später noch auf dem Tennisplatz stehen oder mal eine Radtour machen können.

Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Bälle Sie in Ihrem Leben geschlagen haben?

Boll: Keine Ahnung.

Was ist ein normales Pensum für einen Weltklassespieler?

Boll: Das variiert von acht bis zehn Stunden. Normal sind etwa sechs Stunden an der Platte und zwei Stunden Fitness. Einer von uns trainiert morgens von 7 bis 8.30 Uhr, dann frühstückt er, dann steht er von 9 bis 12 Uhr an der Platte und wieder von 16 bis 18 Uhr. Abends macht er noch zwei Stunden Fitness. Das ist dann jemand, der nicht so talentiert ist, der es über die Wiederholungen schaffen muss, das Feingefühl aufzubauen. Es kommt immer ein bisschen auf den Spielertypen an und darauf, wo man aufwächst. Die Japaner gehen manchmal den ganzen Tag gar nicht aus der Halle, die bringen sich eine Isomatte für den Mittagsschlaf mit. Mein Doktor sagt mir, dass ich extrem ökonomisieren muss. Acht bis zehn Stunden hätte ich eh nie trainieren können von meiner Mentalität her. Der Körper hat nur eine gewisse Laufzeit, wie ein Auto.

Sie haben einmal gesagt, Ihre Vorbilder seien Roger Federer und Dirk Nowitzki – dabei gelten Sie selbst als Vorbild, etwa was das Fairplay angeht. Was schätzen Sie an den beiden?

Boll: Ich glaube, zur Fairness muss man sich auch immer wieder zwingen. Früher habe ich vielleicht auch mal einen Kantenball vom Gegner übersehen, bis ich mir Gedanken darüber gemacht habe. Ein Sieg fühlt sich nicht so gut an, wenn man noch den einen Ball im Kopf hat, der einem eigentlich gar nicht gehört hat. Bei den beiden sehe ich auch, dass sie faire Sportsmänner sind. Sie haben ein super Auftreten in der Öffentlichkeit und verhalten sich gegenüber allen Menschen ordentlich. Deshalb sage ich, das sind gute Vorbilder.

Nowitzki kennen Sie besser.

Boll: Dirk habe ich bei Olympia 2008 kennengelernt, da haben wir eine gewisse Freundschaft aufgebaut. Wir besuchen uns im Sommer, ich war mal in Dallas, er war mal bei mir, wenn er in Würzburg bei seinen Eltern war. Wir versuchen das ein- oder zweimal im Jahr zu schaffen.

Und Federer?

Boll: Den kenne ich nicht so gut. 2000 hatten wir denselben Bus wie die Tennisspieler zu den Wettkampfstätten bei Olympia in Sydney. Damals kannte man Roger noch nicht, zumindest nicht abseits der Szene. Und da stand ich mit Nicolas Kiefer an der Bushaltestelle, als Roger angeschlurft kam. Nicolas meinte: Der da kommt, wird bestimmt mal ein Guter. Er hat dann ja auch eine ganz passable Karriere hingelegt.

Fühlen Sie sich den beiden als Typ nahe?

Boll: Beide sind sehr vernünftige, auf dem Boden gebliebene Menschen. Sie haben Respekt vor jedem und fallen nie unangenehm auf. Das ist vorbildlich. Wenn man gut verdient und erfolgreich ist, steigt irgendwann das Selbstbewusstsein. Das unter Kontrolle zu halten, ist nicht so einfach. Das schaffen nicht viele.

Mit dem Bonner Badmintonspieler Marc Zwiebler teilen Sie die Affinität zu Asien.

Boll: Wir haben uns meistens bei Olympia gesehen, sind nach den Veranstaltungen auch zusammen feiern gewesen und immer in Kontakt geblieben. Da wir mit unseren Sportarten aber ständig auf Reisen waren, ist es schwer, wirklich eine enge Freundschaft aufzubauen.

Wieviel Feiern dürfen Sie sich eigentlich gönnen?

Boll: Alle vier Jahre mal einen Abend. Nee, im Ernst, das ist auch typabhängig. Ich bin da sehr diszipliniert und es kommt sehr selten vor. Ich bin froh, wenn ich am selben Abend, wenn ich ausgeschieden bin, noch zurückfliegen kann, damit ich noch einmal einen Tag bei der Familie extra habe. Zwei, drei Tage später ist meist der nächste Wettkampf. Vergangenes Jahr hatte ich ungefähr 100 Wettkampftage, plus die Reisen, plus… Die Hälfte des Jahres bin ich unterwegs.

Das alles hört sich nach einem sehr disziplinierten Leben an.

Boll: Für mich war das notwendig, damit ich mich auf diesem Level und vor allem auch so lange in der Weltspitze halten kann. Mich hat niemand zum Tischtennis gezwungen. Außerdem zahlt mit der Verein eine Menge Geld, da habe ich dann auch etwas abzuliefern. Das gehört sich einfach.