"Riesenschritt für Eishockey": Sturm neuer Bundestrainer

Bundestrainer

Ex-NHL-Profi Marco Sturm wird der neue starke Mann bei der Eishockey-Nationalmannschaft. Foto: Andreas Gebert

10.07.2015 München. Die Verlegenheitslösung Marco Sturm soll das deutsche Eishockey in eine erfolgreichere Zukunft führen. Völlig überraschend legte der DEB die komplette Verantwortung für das schwächelnde Nationalteam in die Hände des deutschen NHL-Rekordspielers.

"Das ist ein Riesenschritt für das deutsche Eishockey und für Marco Sturm, aber in erster Linie eine emotionale Aufladung für die Nationalmannschaft", begründete Verbandspräsident Franz Reindl die Ernennung des 36 Jahre alten ehemaligen Ausnahmestürmers zum neuen Bundestrainer und Generalmanager des Nationalteams.

"Wir wollten mit dem Doppeltitel zeigen, dass alle wissen: Marco Sturm hat das Sagen", stellte Reindl klar. Dies ist vor allem in der Bedingungslosigkeit so erstaunlich wie mutig. Sturm hat mit 1006 Spielen in der weltbesten Liga NHL so viele Partien auf dem Buckel wie kein anderer Deutscher und wurde selbst vom zweimaligen Stanley-Cup-Sieger Uwe Krupp als "Dirk Nowitzki des deutschen Eishockeys" geadelt - doch Sturms Trainer-Erfahrung ist gleich null.

"Ich war vom Angebot ein bisschen überrascht", bekannte der frühere Nationalmannschaftskapitän, der erst im vergangenen Jahr seine Karriere beendet hatte. Nur elf Monate nach seinem Abschiedsspiel soll Sturm nun die Aufbauarbeit für Reindls ehrgeiziges Ziel leisten, das deutsche Eishockey bis 2026 in der Weltspitze zu etablieren. "Wir werfen ihn ins kalte Wasser. Wir glauben daran, dass Sturm dafür sorgen kann, dass die nächsten Ziele erreicht werden können", sagte der Chef des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB): "Er nimmt das in die Hand und wird Erfolg haben, da bin ich ganz fest von überzeugt."

Nach enttäuschenden drei Jahren unter dem glücklosen Pat Cortina war Reindl auf der Suche nach einer Galionsfigur, mit der sich das deutsche Eishockey vor allem im Hinblick auf die Heim-WM 2017 vermarkten lässt. Eigentlich sollte dies wieder Krupp sein, unter dem Deutschland bei der bislang letzten Heim-WM 2010 sensationell Vierter geworden war. Als Chefcoach der Eisbären Berlin war Krupp aber nicht zu haben. Die Eisbären zeigten sich letztlich doch nicht so offen wie noch zu Beginn der Nachfolgersuche für Cortina. Aus der Not heraus kam Reindl fast zwangsläufig auf Sturm.

"Er ist eine renommierte internationale Persönlichkeit, die Anerkennung hat bei den Nationalspielern, bei den Fans und überhaupt in der Öffentlichkeit. Er ist der ideale Mann, ein ideales Aushängeschild für das Produkt Nationalmannschaft", begründete Reindl seinen Coup. Dafür nahm der DEB auch Risiken und Kompromisse in Kauf. Lebensmittelpunkt der Familie Sturm dürfte weiterhin Florida bleiben. "Ich will so viel wie möglich hier sein - was nicht heißt, dass ich immer hier bin", sagte der neue Bundestrainer.

Das Risiko der Unerfahrenheit als Trainer will der DEB mit Hilfe der Liga lösen. Sturm soll sich ein Team mit erfahrenen Coaches aus der DEL zusammenstellen. Ohne Namen zu nennen, sprach Sturm konkret von "drei Trainern", die er im Kopf habe. "Die Erfahrung, die er als Trainer noch nicht hat, wird er sich einkaufen", meinte Reindl, für den etwas anderes wichtiger ist: "Er wird dafür sorgen, dass die Nationalmannschaft wieder enger mit den Spielern zusammenwächst."

Etliche Spielerabsagen auch aus Nordamerika vor wichtigen Turnieren hatten Reindl zuletzt immer wieder auf die Palme gebracht. "Wichtig ist, dass der Kontakt wieder da ist. Dass die Jungs willig sind und Freude haben, für die Nationalmannschaft zu spielen. Wir haben gute Spieler in Amerika und wir brauchen sie. Wenn wir wirklich mit den anderen Nationen mitspielen wollen, brauchen wir jeden", sagte Sturm.

Der Deutschland Cup Anfang November in Augsburg wird sein erster Härtetest. Die Herausforderungen, die danach warten, sind immens. Nach der WM 2016 in Russland steht in 14 Monaten die Olympia-Qualifikation in Riga an. "Da wird die Luft schon dünner", meinte Reindl. Sollte die Rückkehr auf die olympische Bühne gelingen, würde sich Sturms Vertrag bis 2017 automatisch bis 2018 verlängern.

Die deutschen Eishockey-Bundestrainer seit 1990 in der Übersicht:

Zeitraum Bundestrainer
bis 1990: Xaver Unsinn
1990: Erich Kühnhackl
1990/1991: Ladislav Olejnik/Erich Kühnhackl
1991-1994: Ludek Bukac
1994-1998: George Kingston
1998-2004: Hans Zach
2004/2005: Greg Poss
2005-2011: Uwe Krupp
2011/2012: Jakob Kölliker
2012-2015: Pat Cortina
ab 2015: Marco Sturm

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(Von Michael Brehme, dpa)